Das Darien-Projekt: als der Kolonialismus Schottland ruinierte

Das Banner der Company of Scotland, die das Darien-Projekt in Schottland leitete. Keine allzu glorreiche Geschichte.
Das Banner der Company of Scotland. Man hat sich offensichtlich mehr erwartet…

Im September 2014 stimmte Schottland darüber ab, ob sich das Land von Großbritannien loslösen und wieder ein selbstständiger Staat werden sollte. Bekanntlich war die Mehrheit der Befragten in diesem Referendum dagegen, dennoch ist die schottische Union mit England heute alles andere als in Stein gemeißelt. Wenn man genau hinschaut, war sie das aber eigentlich noch nie. Es war nämlich nicht gerade so, dass die Schotten den Act of Union, der die Königreiche England und Schottland im Jahr 1707 miteinander vereinte, sonderlich gefeiert hätten. Vielmehr war die Vereinigung aus schottischer Not entstanden. Und diese Not ist ohne eine ganz bestimmte Geschichte nicht zu verstehen: dem Scheitern des schottischen Kolonialismus im Darien-Projekt.

Die letzten Jahre des unabhängigen Staates Schottland

Als der Act of Union 1707 das Vereinigte Königreich schuf, waren England und Schottland schon seit über hundert Jahren in einer Personalunion miteinander verbunden. Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte die schottische Stuart-Dynastie den englischen Thron beerbt, den sie seither einigermaßen miserabel managte. Die Stuarts waren dabei so unfähig und unbeliebt, dass sie in nur hundert Jahren gleich zwei Revolutionen gegen sich provozierten. In den 1640ern wurde König Karl I. von den Truppen Oliver Cromwells erstmal von der Insel gejagt. Als nach zehn Jahren autoritärer Cromwell-Herrschaft die Stuart-Monarchie dann restauriert wurde, sollte es wieder keine dreißig Jahre dauern, bis das Parlament erneut revoltierte. Dieses Mal lud es gar den niederländischen König Wilhelm ein, eine kleine Invasion nach England zu starten. König Jakob II. hatte wieder das Nachsehen. Man kann also ohne Übertreibung sagen, die schottischen Könige Englands waren nicht gerade die erfolgreichsten. Andererseits waren die Tudors davor auch nicht viel besser. Oder die Hannoveraner danach…

Schottland und England waren im 17. Jahrhundert trotz all dem aber getrennte Staaten. Sie teilten sich nur das Staatsoberhaupt. Für Schottland war diese Situation naturgemäß etwas problematisch. Wenn die Stuart-Könige gerade mal nicht aus dem Land geschmissen wurden, saßen sie meist im weit entfernten London. Schottland war da im besten Fall ein Nebenschauplatz. Für England war diese Zeit trotz all des Tumults aber eine ausgesprochen erfolgreiche. Das 17. Jahrhundert sah den Beginn des englischen Empires, die East India Company machte enorme Gewinne mit dem Handel in Übersee und zahlreiche englische Bürger wurden durch ihre Beteiligung an der Kompanie reich. In Schottland sah die Sache währenddessen eher trist aus. Das Land hatte damals noch weniger Einwohner als heute, es gab keine nennenswerte Industrie abgesehen von der Wollherstellung (wow, Wolle…) und das Land hatte auch keine Kolonien in Übersee, die es hätte ausbeuten können. 

Heureka! Lasst uns Schotten nach Panama schicken!

In den 1690ern häuften sich langsam die Stimmen, die genau das ändern und Schottland als Kolonialmacht sehen wollten. War ja auch logisch! Alle großen europäischen Staaten besaßen Kolonien in Übersee: die Niederlande, Frankreich, Spanien, Portugal und natürlich der große Bruder England. Da wollte man auch als kleines Schottland nicht hintanstehen. Eine besonders laute Stimme war dabei die des William Paterson, einem selbsternannten Finanzexperten aus den schottischen Lowlands, der es in England zu einigem Reichtum gebracht hatte. Er hatte dort Erfahrungen im Kolonialhandel gemacht und dachte sich, sowas muss doch auch in Schottland funktionieren! Schnell entwickelte er daher einen Plan. Schottland sollte an der Landenge von Darien, im heutigen Süd-Panama, eine eigene Kolonie errichten!

Auf dem Papier klang dieser Plan brillant! Es war damals bereits bekannt, dass die mittelamerikanische Landmasse bei Panama mit am schmalsten war. Da erhoffte sich Paterson, dass man mit einer vom Atlantik zum Pazifik wirkenden Kolonie großen Reichtum erwirtschaften konnte. Etwas über 200 Jahre später wurde in Panama ja auch tatsächlich ein Kanal für genau diesen Zweck errichtet – so abwegig war die Idee also nicht. Das Problem bei William Patersons Plan war aber ein anderes: Anscheinend hatte sich den Ort dieser zukünftigen Kolonie nämlich niemand näher angesehen! Zumindest kann man sich sonst nicht erklären, wie sich irgendjemand dafür entscheiden konnte.

Die größte Schmach der schottischen Geschichte nimmt ihren Lauf

Die Schotten schien dieses kleine Manko in Patersons Plan nicht weiter zu stören. Das kennt man ja heute noch. Wenn da ein selbsternanntes Finanz-Genie auftaucht und ganz selbstlos das Geheimnis seines Erfolgs teilt, strömen immer noch Tausende heran, um in dessen Produkt zu investieren. Wir vertrauen eben gerne Experten, weil wir zu faul sind, uns mit diesen Dingen selbst zu beschäftigen. Leider sind wir aber auch zu faul, uns mit den Experten zu beschäftigen. So in etwa war das auch in Schottland und 1695 wurde die von Paterson erdachte Company of Scotland dann auch schon feierlich gegründet. Diese war klar am englischen Vorbild der East India Company ausgerichtet und sollte eine Handelskompanie in Übersee sein. Hauptziel war aber schon von Anbeginn die Errichtung der Kolonie in Darien.

Die Company of Scotland war dabei eigentlich als internationales Unternehmen geplant. Nach der Gründung suchte man in Schottland aber auch in London und sogar Amsterdam und Hamburg nach Investoren, die bereit waren, Startkapital in die Kompanie zu stecken. Dummerweise waren in England aber nicht alle begeistert von der Idee. Die East India Company sah ihre Interessen bedroht und auch König Wilhelm wollte die schottische Kompanie nicht aktiv unterstützen, da er die Großmacht Spanien nicht unnötig provozieren wollte. Also musste Paterson im Jahr darauf in Schottland nochmal von vorne anfangen mit dem Geldeinsammeln. Dort löste die Idee einer Kolonie aber zu seinem Glück einen wahren Run auf die Beteiligungen aus und es konnten ganze 400.000 Pfund gesammelt werden. In heutiger Währung wären das fast 50 Millionen Britische Pfund! Diese wurden dann – wie es sich gehört – sicher in einer Truhe verwahrt (ja, wirklich) und schon konnte es losgehen!

Ist ja traumhaftes Wetter hier! Schickt mal Nachschub!

Schon 1698 stießen die ersten fünf Schiffe in See, beladen mit abenteuerfreudigen Schotten und diversen wertvollen Produkten, die man mit den Ureinwohnern Panamas gegen Nahrung tauschen wollte. Selbst eine Landwirtschaft aufzubauen, ist auch wirklich zu viel Arbeit. In einem Anflug von Genialität wählten die Schotten dafür in erster Linie schwere Wollkleidung und Perücken. Was man im tropischen Urwald halt so braucht! Als sie dann nach mehrmonatiger Überfahrt in Darien ankamen, machten sie sich auch gleich voller Elan an die Arbeit. Sie errichteten ein Fort namens St. Andrews und die Siedlung New Edinburgh. Nur leider sollte sich schnell rächen, dass das Gebiet vorher niemand so recht begutachtet hatte. Es regnete dort nämlich so gut wie täglich, das Klima war schwül und heiß und die Gegend dadurch vollkommen malariaverseucht. Nicht mal die Ureinwohner der Region siedelten in der Bucht von New Edinburgh – das hätte den Schotten zu denken geben können.

Zu allem Überfluss stellte sich auch bald heraus, dass die Ureinwohner gar nicht so viel Interesse an den schottischen Tauschprodukten hatten. Das mit der eigenen Landwirtschaft lief währenddessen auch nicht so recht und als dann auch noch die spanischen Truppen der Region anfingen, unbequem zu werden und sich die Todeszahlen in New Edinburgh häuften (bis zu zehn Leute am Tag starben da an diversen Krankheiten!) gaben die Siedler nach nur sieben Monaten erschöpft auf und kehrten nach Schottland zurück. Nur dumm, dass es damals noch keine E-Mails gab. In Schottland dachte man nämlich währenddessen, die Sache mit der Kolonie liefe prächtig, und man schickte weitere Schiffe mit Siedlern los. Die fanden natürlich nur noch Ruinen und einige grantige Spanier vor und im Jahr 1700 war es dann endgültig dahin mit den schottischen Träumen des Kolonialreiches. Die Bilanz: von den insgesamt gut 3.500 Siedlern überlebte weniger als die Hälfte. Aja, und das ganze schöne Geld in der Truhe war auch auf nimmer Wiedersehen verloren.

Der Preis Schottlands? Wie sich herausstellt 400.000 Pfund

Das große Problem bei der Sache: das Geld in dieser Truhe betrug etwa ein Viertel des gesamten schottischen Reichtums! Wie gesagt hatte es einen enormen Run auf die Anteile gegeben und jeder, der es sich irgendwie leisten konnte, wollte an der Sache beteiligt sein. Das Problem betraf somit aber natürlich nicht nur die Bevölkerung, sondern auch den Staat insgesamt, der nach dem Scheitern des Darien-Projekts kurz vor dem Bankrott stand. Zum Glück gab es da aber den freundlichen Nachbarn im Süden, der sofort seine Hilfe anbot. England arbeitete in Windeseile den Act of Union aus, der die Königreiche Schottland und England vereinigen sollte. Damit würde der neue Staat Großbritannien (und seien wir uns ehrlich, das bedeutet in erster Linie England) auch für Schottlands Schulden aufkommen. Nicht ganz irrelevant dürfte dabei gewesen sein, dass viele der schottischen Abgeordneten, die später für diese Union stimmten, selbst durch das Darien-Projekt tief verschuldet waren. Da kam so ein Angebot natürlich gerade recht. Und ja: natürlich war unser lieber William Patterson darunter. Mit politischer Verantwortung hatte man es damals schon nicht so und dieser Verkauf der schottischen Unabhängigkeit ging später schmachvoll als „Price of Scotland“ in die Geschichte ein.

Das Darien-Projekt war somit der letzte Fehler, den sich das Königreich Schottland leistete. Von 1707 an gab es kein eigenständiges Schottland mehr. Ironischerweise sollten Schotten im Britischen Empire aber eine ganz bedeutende Rolle spielen. Wie sich herausstellte, hatten sie doch Talent für den Kolonialismus – nur nicht den eigenen! Auch nichts, worauf man im 21. Jahrhundert groß stolz sein sollte. Und falls Schottland sich in den nächsten Jahren doch noch einmal unabhängig erklärt und dann in eine Ölpleite schlittert, denke ich nicht, dass England nochmal so ein Angebot machen wird. Könnte auch finanziell knapp werden mit Brexit und so.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Wenn euch diese Geschichte des schottischen Scheiterns gefällt, teilt den Artikel doch bitte! Weiter unten findet ihr sogar praktische Buttons für Facebook und Twitter – es gibt also keine Ausrede! Wie die Geschichte in Schottland weitergeht, lässt sich dann übrigens wunderbar im Buch „1745 And All That: The Story of the Highlands“ nachlesen. Das Buch ist eine Fortsetzung der generell empfehlenswerten Reihe um „1066 And All That“. Auf diese Art lässt sich britische Geschichte wirklich aushalten! Wir sehen uns hier hoffentlich wieder in zwei Wochen. Bis dahin, nicht zu viel Scheiße bauen. Das übernehmen schon andere, wie zum Beispiel William Paterson.

 

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Das niederländische Tulpenfieber von 1637. Die Geschichte einer äußerst dummen Wirtschaftskrise

Das Tulpenfieber wurde schon von Zeitgenossen spöttend betrachtet. So hier in einem Gemälde von Jan Brueghel.
Die „Persiflage auf die Tulpomanie“ von Jan Brueghel gibt uns eine spöttische Darstellung des Tulpenfiebers von einem Zeitzeugen.

Wir schreiben das Jahr 1637. Mitteleuropa befindet sich mitten im Dreißigjährigen Krieg, der blutigsten Auseinandersetzung, die der Kontinent lange gesehen hat. Nicht weit fernab des Geschehens liegen die Niederlande. Grund genug, sich zu fürchten, würde man meinen. Aber wer das denkt, kennt die Niederländer schlecht! Die hatten nämlich mitten in diesem Chaos nichts Besseres zu tun, als Blumen zu züchten und wild mit ihnen zu spekulieren. Dieses Tulpenfieber sollte sich zur ersten gut dokumentierten Wirtschaftskrise der Welt entwickeln. Und zu einer ziemlich dummen noch dazu. Grund genug, sie sich näher anzuschauen!

(Mit dem gerade erschienen Film „Tulpenfieber“ mit Christoph Waltz hat das natürlich rein gar nichts zu tun. Aber wenn mich da jemand sponsern will: immer her damit!)

Die Niederlande im Goldenen Zeitalter

Dass die Niederländer überhaupt Zeit hatten, sich mit Tulpen zu befassen, ist eigentlich schon die erste Überraschung. Im frühen 17. Jahrhundert war die frisch ausgerufene Republik der Vereinigten Niederlande immer noch in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien. Das war – wie man sich denken kann – eine recht zeitraubende Sache. Ganze 80 Jahre sollte dieser Krieg dauern, bis die Unabhängigkeit 1648 endlich anerkannt wurde. Trotz dieses kleinen Problemchens und einiger anderen „Herausforderungen“ (wie etwa einer ausgewachsenen Pestepidemie) gilt das 17. Jahrhundert für die Niederlande aber als Goldenes Zeitalter. Der kleine Staat wurde zu der Zeit schließlich zur kolonialen Großmacht.

So eine Etablierung als Kolonialmacht hinterlässt natürlich auch zuhause seine Spuren. In Teilen der Bevölkerung brach geradezu der Reichtum aus und eine neue wohlhabende Mittelschicht entstand. So hat nun mal alles sein Gutes. Die halbe Verwandtschaft mag zwar an der Pest oder im Krieg sterben, dafür heißt es aber reiches Erbe und eine angenehme Arbeitsmarktsituation. Da kann man sich dann schon mal um Hobbys umschauen. Möglichkeiten gab es da ja viele. Völlig unverständlicherweise setzte sich aber ausgerechnet die Blumenzucht durch. Blumenzucht… Wer liebt es nicht, in seiner Freizeit bis zur Hüfte im Dreck zu sitzen und Blumenzwiebel einzupflanzen?

Das Tulpenfieber: eine wirklich eigenartige Geschichte

Der Hype um die Tulpe begann im ausgehenden 16. Jahrhundert. Zu der Zeit schaffte es die Blume über das Osmanische Reich nach Europa und wurde für reiche Schnösel allerorts schnell zum Objekt der Begierde. Das ist auch einfach erklärt: Tulpen waren vergänglich, zierlich und selten. So etwas musste man einfach besitzen! In den Niederlanden dürfte es ein gewisser Carolus Clusius gewesen sein, der als erster im großen Stil Tulpen anpflanzte. Lange blieb er damit aber nicht allein. Denn wie gesagt hatte die wachsende wohlhabende Schicht der Niederlande trotz Krieg und Krankheit Zeit für Hobbys und so bildeten sich schnell Kreise von Tulpenliebhabern. Die trafen sich dann regelmäßig, tauschten sich über Neuzüchtungen aus, erkundigten sich nach dem Wachstum der Pflanzen und tauschten Blumenzwiebel. Höchstspannend! Hätte es damals schon Pokémon-Karten gegeben, hätten sich die Leute wirklich viel erspart.

Leider bleiben so beliebte Hobbys aber selten nur das. Spätestens wenn der erste seine Chance sieht, aus dem Hobby Geld zu machen, geht die Sache den Bach runter. Bei den niederländischen Tulpen war die Lage dabei aber besonders schlimm, denn all die genannten Gründe, die die Tulpen als Sammel- und Zuchtobjekt so beliebt machten, machten sie auch sehr wertvoll. Tulpen waren nun mal selten, vergänglich und unfassbar beliebt. Da kann man doch nur gewinnen! Das ist so wie heute mit Bitcoins. Was soll da denn schiefgehen?

Einer muss es immer übertreiben…

Die alten Tulpenliebhaber, Händler und Privatleute stürzten sich also bald auf die Tulpenvorräte des Landes. Das war schon mal gar nicht mal so einfach, wie es klingt. Tulpen blühen nur für ein paar Monate im Frühsommer. Daher wurde schon längst ganzjährig mit Zwiebeln gehandelt. Man muss sich das so vorstellen: Du möchtest im nächsten Jahr eine Tulpe haben. Ein Händler sagt dir, er hat da eine Zwiebel in der Erde, aus der wird schon was. Darauf verlässt du dich natürlich blind und kaufst eine Option auf diese Tulpe. Klingt schon in der Theorie etwas fragwürdig. In der Praxis war es mit dem Tulpenfieber aber noch viel schlimmer! 

Das Problem fing schon damit an, wo man solche Geschäfte überhaupt tätigen konnte. Dafür ging man nämlich nicht an die Börse, sondern in ein sogenanntes „Kolleg“. Das ist ein hochtrabendes Wort für ein Hinterzimmer irgendeiner Kneipe. Dort traf man dann seinen Handelspartner und konnte notariell beglaubigt eine Option kaufen. Das nächste Problem war natürlich, dass dieser Handelspartner nicht zwangsläufig der Besitzer der Zwiebel sein musste. Es konnte ja sein, dass der die Option selber gerade erst gekauft hatte und sie jetzt teurer weiterverhökerte. Wirklich viel Geld hat er dafür ja ohnehin nicht hingelegt, da die Bezahlung der Blumen selbst erst mit Lieferung stattfindet. Das heißt der Preis der Option war vollkommen marktgetrieben ohne echtem Produkt dahinter. Wer die letzten paar Wirtschaftskrisen im Hinterkopf hat, kann sich jetzt vorstellen, dass da eventuell ein Problem lauern könnte…

Es ist halt doch nur eine Blume

In den 1630er-Jahren verbreitete sich der Spekulationshandel mit Optionsscheinen dann explosionsartig. Extreme Preisanstiege waren die natürliche Folge und im Winter 1636/37 war der Höhepunkt dann erreicht. Angeblich soll für eine einzige Edelzwiebel zu dem Zeitpunkt folgendes bezahlt worden sein:

120 Scheffel Weizen, 240 Scheffel Roggen, 4 fette Ochsen, 8 fette Schweine, 12 fette Schafe, 2 Oxhofte (ja ich weiß auch nicht) Wein, 4 Fuder (hä?) Bier, 2 Fässer Butter, 1000 Pfund Käse, ein ganzes Bett, ein Anzug und ein Silberbecher.

All das zusammen. Für eine einzige Tulpenzwiebel! Diese konkrete Aufstellung stammt zwar aus dem 19. Jahrhundert und ist anzuzweifeln, die Preise dürften aber tatsächlich vollkommen irre gewesen sein. Und dann kam es Anfang 1637, wie es kommen musste, und es ging plötzlich bergab. Wie sich herausstellte, gab es nämlich gar nicht so viele Optionsbesitzer, die wirklich ein Interesse an den realen Tulpen hatten. Der Markt brach somit mangels Nachfrage zusammen und die Tulpen verloren bis zu 75% an Wert. Wer hätte das gedacht?

Am Ende sind Tulpen eben doch nur Blumen und Blumen braucht kein Mensch. Für die Händler und Spekulanten, die sich auf die vereinbarten Preise verlassen hatten, bedeutete diese Realisierung selbstverständlich einen bitteren Verlust. Die Auswirkungen, die das Tulpenfieber auf die Allgemeinbevölkerung hatte, wurden aber lange übertrieben. Die Niederlande rutschten jedenfalls in keine volle Wirtschaftskrise, die breite Bevölkerung verlor kaum Geld und das Goldene Zeitalter des Landes sollte auch noch über ein halbes Jahrhundert anhalten. Ein Platz in der Hall of Fame der dümmsten Wirtschaftskrisen aller Zeiten ist den Niederländern damit trotzdem sicher.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Übrigens hatten in der Geschichte nicht nur niederländische Blumenspekulanten schlechte Tage. Da gab es schon viel schlimmeres Pech. Einiges davon wurde nun im Buch „Bad Days in History“ wunderbar gesammelt. Solltest du stattdessen noch mehr über das Tulpenfieber wissen wollen (wirklich?), gibt es natürlich auch da noch einen Klassiker und zwar von Mike Dash. Wie immer tust du mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal!



 

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Stephan Báthory und die Mär von zwei guten Freunden

Stephan Báthory in Pskov
Stephan Báthory empfängt die Würdigungen des russischen Bojaren von Pskow.

Polak, Węgier — dwa bratanki,
i do szabli, i do szklanki,
oba zuchy, oba żwawi,
niech im Pan Bóg błogosławi.

Lengyel, magyar – két jó barát,
Együtt harcol s issza borát,
Vitéz s bátor mindkettője,
Áldás szálljon mindkettőre.

Pole, Ungar – zwei gute Freunde,
zusammen kämpfen sie und trinken Wein,
beide tapfer, beide mutig,
 Segen sei mit ihnen.

 

Eine eigenartige Freundschaft

Dieses alte Gedicht formt die Basis einer eigenartigen Freundschaft. Fragt man nämlich in Ungarn Leute auf der Straße, welches Land denn ihr wichtigster Verbündeter sei, bekommt man fast immer dieselbe Antwort: Polen. Jahrhundertelang waren sie Nachbarn und Partner, nie hätten sie Krieg geführt. Geschichte, Tradition und Kultur verbinden sie. Und so weiter und so fort. So weit die Geschichte. In Polen ist die Lage wie man hört nicht viel anders und wenn man sich die beiden Länder heute so ansieht, scheinen sie sich tatsächlich näher denn je. Aber woher kommt das?

In einer Sache sind sich scheinbar alle einig: die Freundschaft zwischen Polen und Ungarn ist alt, zeitlos sozusagen. Das oben zitierte Gedicht geht angeblich sogar bis ins Mittelalter zurück. Damals, im 14. Jahrhundert, regierte für eine Zeit lang der ungarische König Ludwig I. beide Länder in Personalunion. Nun gut, das ist jetzt erstmal nicht so aufregend. Da gab es schon länger währende Unionen, die weniger Spuren hinterlassen haben. Oder wann hat man zuletzt von der ach so engen Verbindung zwischen Österreich und Spanien gehört? „Ach damals und Karl V., wisst ihr noch? Sind wir nicht gute Freunde!“ Eben. Andere oft zitierte Anknüpfungspunkte für die polnisch-ungarische Freundschaft sind das Revolutionsjahr 1848/49, als der Pole Józef Bem auf ungarischer Seite gegen Habsburg kämpfte. Oder 1939, als Ungarn trotz seines Bündnisses mit Nazi-Deutschland tausende polnische Flüchtlinge aufnahm. Oder 1956, als sich dasselbe unter umgedrehten Vorzeichen wiederholte. 

Ganz besonders oft erwähnt wird dabei aber ein Mann: Stephan Báthory. Der schaffte es im 16. Jahrhundert, vom Fürsten des kleinen Siebenbürgen (von Sultans Gnaden, sollte man dazusagen) zum mächtigen König Polen-Litauens aufzusteigen. Keine schlechte Story. Vielleicht kann die ja etwas Licht ins Dunkel der polnisch-ungarischen Freundschaft bringen?

Gar nicht so schlecht für einen Siebenbürger

Dass dieser Stephan Báthory es so weit bringen sollte, war dabei überhaupt nicht vorhersehbar. Er wurde 1533 geboren, in der weithin bekannten Weltstadt Szilágysomlyó in Siebenbürgen. Ja genau dieses Szilágysomlyó. Sein Vater, ebenfalls ein Stephan Báthory – man erwarte nicht zu viel Kreativität – gehörte der ungarischen Adelsschicht des Landes an, jedoch fiel Stephans Geburt in eine für diesen Adel eigenartige Zeit. Sieben Jahre zuvor hatte sich der Siebenbürger Fürst Johann Zapolya auf die Seite der Osmanen gestellt, die das ungarische Königreich bei Mohács vernichtend schlugen. Eigentlich hatte Zapolya sich dadurch ja Hoffnungen auf die ungarische Krone gemacht, blöderweise dachte sich Ferdinand von Österreich das aber auch und marschierte in Ungarn ein. Am Ende wurde das Land geteilt, Zapolya musste sich mit dem kleinen Siebenbürgen begnügen, Ferdinand erhielt einen Teil Nord- und Westungarns und der Rest blieb unter osmanischer Kontrolle. Zapolyas Siebenbürgen blieb ein Vasall des Osmanischen Reichs. Da hat sich der Aufwand ja wenigstens gelohnt…

Stephan Báthory sollte schon früh in der Politik der Zeit mitmischen. In den 1550er-Jahren kämpfte er erstmals auf Seiten Österreichs gegen die Osmanen. Als er dann aber gefangen genommen wurde und Ferdinand sich schlichtweg weigerte, seine Kaution zu bezahlen, dämmerte es Stephan, dass ein Seitenwechsel vielleicht nicht die dümmste Idee war. Übertriebene Höflichkeit konnte man Ferdinand ja tatsächlich nicht vorwerfen. Also schloss Stephan sich Johann Zapolya an und konnte sich nach dessen Tod 1571 als Nachfolger in Siebenbürgen durchsetzen. Gar nicht mal so schlecht dieser Karrieresprung. Aber andererseits: so toll war das Dasein als Herrscher über ein paar östliche Wiesen und Wälder von Sultans Gnaden dann auch wieder nicht. 

König gesucht! (*es gelten die AGB)

Doch Stephan sollte Glück haben. Zur selben Zeit starb nämlich in Polen (seit kurzem ja eigentlich Polen-Litauen aber wollen wir mal nicht so genau sein) König Sigismund, ohne Erben zu hinterlassen. Nun war Polen eine Adelsrepublik. Die Adeligen des Landes konnten also einen neuen König wählen und das konnte – wie wir schnell erkennen werden – wirklich jeder sein. Nach Sigismunds Tod wählten sie zuerst den Bourbonen Heinrich. Nur stieg der schon im Jahr darauf zum französischen König auf, was ihm verständlicherweise lieber war, als in Krakau zu vergammeln, und er kehrte nach Paris zurück. Einige polnische Adelige wollten daraufhin gar Kaiser Maximilian II. von Österreich zum König machen, was aber auch nicht überall so gut ankam. Am Ende fand man einen Kompromiss: die Schwester des alten Sigismund, Anna, sollte Königin werden und einen gleichgestellten König als Ehemann zur Seite gestellt bekommen. Wie auch immer er diesen Trick vollzog: Stephan Báthory wurde zu diesem König bestimmt.

Das ergab dann doch eine reichlich merkwürdige Konstellation. Mit Anna hatte Polen zwar eine „polnische“, das heißt jagiellonische Königin. An ihrer Seite stand aber, ihr gleichberechtigt als gekrönter König, Stephan Báthory, ein ungarischer Adeliger aus dem kleinen Siebenbürgen. Am Ende war das aber relativ egal, denn wie Stephan bald lernen sollte, galten bei der polnischen Krone immer die AGBs. Und die bestimmte der Adel. Hätte er vielleicht doch das Kleingedruckte lesen sollen…

Stephan Báthory als polnischer König

Wollte man als polnischer König nämlich irgendetwas, zahlte das natürlich zumeist der Adel. Blöd nur, dass der anders als in absolutistischen Staaten dafür auch Forderungen stellte. Um Steuern zu erhöhen und die Armee zu reformieren, musste Stephan beispielsweise öffentliche Gerichte zulassen, die seine Autorität deutlich einschränkten. Auch sein „außen“-politisches Hauptanliegen, Ungarn von der osmanischen Herrschaft zu befreien, scheiterte zumindest zum Teil am fehlenden Zahlungswillen von Seiten des Adels. Zum anderen Teil scheiterte es natürlich an der osmanischen Übermacht zu der Zeit, aber das wollen wir dem guten Stephan mal nicht vorwerfen.

In Polen wurde Stephan dennoch bald für seine militärischen Erfolge an anderen Fronten gefeiert. Das ist einigermaßen interessant, da er eigentlich keine militärischen Erfolge vorzuweisen hatte. Schon nach seiner Wahl forderte die Hansestadt Danzig Privilegien, bevor sie ihn anerkannte. Stephan belagerte die Stadt daraufhin gleich zwei Mal, musste beide Male erfolglos abziehen und letztendlich die gewünschten Privilegien bestätigen. Eine österreichisch-russische Invasion konnte er ebenfalls nur mit viel Glück umgehen, da Maximilian, der nach seiner Fast-Ernennung zum polnischen König Blut geleckt hatte, schlicht kurz vor dem geplanten Einmarsch starb. Einige Jahre später kam es dann schließlich zum Krieg mit dem Zarenreich, den Stephan zwar mit einem für ihn vorteilhaften Waffenstillstand beenden konnte. Schön und gut. Aber es war halt immer noch nur ein Waffenstillstand.

In seiner späteren Herrschaftszeit sollte Stephan dann mit der Hinrichtung eines hohen polnischen Adeligen noch einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, der die Beziehungen der zukünftigen polnischen Könige mit dem Adel auf Generationen belastete. Dem Báthory war das allerdings schon egal. Der starb zwei Jahre darauf heldenhaft an einem Schlaganfall.

Polen und Ungarn: wirklich so gute Freunde?

Stephan hinterließ keinen Erben. Nach seinem Tod wählte der polnische Adel erst mal den Habsburger Maximilian III. zum König. Tradition ist nun mal Tradition. Ebenfalls in guter Tradition wurde das dann natürlich angefochten, diesmal vom schwedischen König Sigismund, der sich auch durchsetzen konnte. Ja, damals war Schweden plötzlich eine ernstzunehmende Großmacht, aber dazu vielleicht mehr ein anderes Mal.

Warum diese Geschichte um Stephan Báthory nun aber die Freundschaft zwischen Polen und Ungarn bekräftigen soll, ist indes unklar. Báthory sah Siebenbürgen und Polen strikt als zwei getrennte Herrschaftsbereiche an. Der polnische Adel war auch von seinen außenpolitischen Ideen für Ungarn alles andere als begeistert und Stephan hinterließ dann auch keinen „ungarischen“ Erben. Die polnische Krone ging nach seinem Tod stattdessen an einen Schweden. Im Endeffekt ist die polnisch-ungarische Freundschaft also wohl einfach eine Geschichte, die man sich eben seit Jahren erzählt. Und wie man weiß: erzählt man sich eine Geschichte lange genug, glaubt man sie auch irgendwann. Dazu braucht man allerdings keinen Ludwig, keinen Józef Bem und keinen Adolf Hitler. Einen Stephan Báthory braucht man ebenso wenig. Und dass sich heute ein Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński gut verstehen, hat dementsprechend wenig mit Geschichte zu tun, egal wie sehr sie das behaupten.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Zum Schluss empfehle ich wie immer noch etwas Lektüre zum Thema. Dazu nehme ich einfach mal den Band eines Bekannten, den man mir auch in der Studienzeit schon aufs Auge drückte, „Geschichte Ostmitteleuropas – Ein Abriss“. Weil es einfach wirklich nicht schaden kann, etwas mehr über die Geschichte seines geografischen Umfelds zu wissen. Aber eben nicht zu viel. Ein Abriss eben. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!

 

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Die Grand Tour: Interrail des 18. Jahrhunderts

Die Grand Tour war in vielerlei Hinsicht das Interrail des 18. Jahrhunderts. Hier sammeln sich Grandtouristen in Rom.
Junge englische Reisende auf Grand Tour versammeln sich in Rom.

Im England des späten 17. Jahrhunderts griff ein eigenartiger neuer Trend um sich. Junge Adelige und andere Wohlhabende zog es plötzlich in Massen über den Ärmelkanal, auf eine Reise, die bald als essentieller Teil des britischen Erwachsenwerdens gelten sollte – die Grand Tour. Das bedeutete: monatelanges Reisen, überfüllte Unterkünfte, Alkoholexzesse mit neuen Freunden aus aller Welt und das ein oder andere erotische Abenteuer. Jedem, der als Jugendlicher mal auf Interrail-Reise ging, sollte das einigermaßen bekannt vorkommen. Aber die Grand Tour war mehr als das.

Die Grand Tour als Abschluss des Erwachsenwerdens

Adelige hatten ja bekanntlich schon immer ausgefallene Hobbys. Von der Jagd über die Falkenzucht bis zum Fechten war ihnen jede Betätigung recht, solange sie nur nicht zu viele arme Leute anzog. Das sollte natürlich auch so bleiben und dementsprechend suchten Adelige stets nach neuen, außergewöhnlichen Hobbys für sich und ihre Familien. Im späten 17. Jahrhunderts kamen sie in England dann auf eine ganz tolle Idee: Warum sollten die Söhne der Wohlhabenden nicht für einige Zeit durch Europa reisen und sich dort Kunst, Kultur und Leute ansehen? Da kann doch nichts schiefgehen!

Zu der Zeit war in England nichts so en vogue wie alte europäische Kultur und die ließ sich nun mal am Kontinent besser studieren, als auf den britischen Inseln. So machten sich junge Adelige bald in Massen auf, eben diesen Kontinent zu erkunden und sich dort neben all der Kultur auch reichlich… nun ja… auszutoben. Ihren Eltern war das sehr recht. Es war den Adelsfamilien lieber, die Söhne benahmen sich im weit entfernten Europa daneben, als zuhause, wo das ja auf die Familie zurückfallen könnte. Neben allen Erfahrungen – ob nun kultureller Natur oder nicht – konnten sich für die jungen Männer auf dieser Reise dann auch wertvolle Kontakte ergeben und so manche Ehe wurde durch die Grand Tour angebahnt. Letztlich konnten Reisende auf so einer Tour aber auch ihre Sprachkünste aufbessern und sich tatsächlicher Kultur widmen, wie es ja gemeint war. Wenn dann noch Zeit bleiben sollte, ist gegen das ein oder andere Bierchen ja auch nichts einzuwenden.

Paris, Rom, Venedig… Eine revolutionäre Route!

Einfallsreicher als heute waren die Reisenden leider auch damals nicht. Die üblichen Stationen der Grand Tour kommen einem daher doch recht bekannt vor. Von England aus ging es meist erstmal direkt nach Paris. Über die Schweizer Berge (wenig überraschend sind die in Zeiten der Eisenbahn nicht mehr ganz so populär wie damals) ging es dann weiter nach Italien. Übliche Stationen waren dort Florenz, Rom und Venedig, bevor es über Wien, Prag, Berlin und die Niederlande (das war ohne Coffee Shops damals noch weit weniger essentiell als heute) zurück nach Hause ging. Für das Land zwischen den Großstädten zeigten Reisende der Grand Tour damals gleich wenig Interesse wie heutige Touristen. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Die Reise selbst war dabei aber doch einigermaßen beschwerlich. Üblicherweise reiste man nämlich in Kutschen. Die konnte man entweder gleich aus England mitnehmen, dann auch gern samt einem ganzen Hofstaat an Dienern und Accessoires. Alternativ konnte man Kutschen aber auch unterwegs ausleihen. In den Städten blieben die jungen Reisenden der Grand Tour dann meist gleich mehrere Monate lang hängen. Überhaupt war die ganze Reise schier endlos. An die dreieinhalb Jahre dauerte so eine übliche Tour. Drei Jahre davon verbrachte man in den diversen Städten, sechs Monate waren für das Reisen selbst reserviert. In den großen Städten Paris, Rom und Venedig bedeutete das dann meist sehr lange Aufenthalte. Um die örtliche Kultur zu genießen, natürlich.

Kultur nahm man damals noch ernst! Zumindest offiziell

Anders als heute bedeutete die Grand Tour damals aber tatsächlich nicht nur Partys, Alkohol und Sex. Man sollte ja schließlich in die Kultur und Geschichte Europas eintauchen und dazu möglichst viel Kunst besichtigen! Zu diesem Zweck wurde den jungen Reisenden sogar ein Guide zur Seite gestellt, ein sogenannter „Cicerone“ oder auch Bear Leader“. Der war meist ein kultivierter, älterer Herr, der Ahnung von Kunst hatte und gut Französisch oder gar Italienisch sprach. Mit seiner Hilfe sollte der junge Reisende möglichst viel von der Grand Tour mitnehmen. Dazu hatte er auch stets ein Notizbuch dabei, um wichtige Dinge sofort niederzuschreiben. Leider blieben die aber nicht selten auch nach drei Jahren noch komplett leer.

Das lag vor allem an einer Tatsache: die Reisenden waren eben so gut wie ausschließlich wohlhabende Burschen in ihren frühen Zwanzigern! Und die benahmen sich damals schon wie heute. In den Städten bildeten sich richtige Expat-Gemeinschaften von Briten auf Grand Tour. Gemeinsam zog man dann durch die Kneipen der Stadt, trank, spielte und flirtete mit lokalen Mädchen. Man sieht: Auch der Pub Crawl ist keine moderne Erfindung. Gerade von den Frauen kann man in den Reiseberichten der Zeit zur Genüge lesen. „How flattering Venetian dress — or perhaps the lack of it“, schrieb da beispielsweise ein Reisender. Der berüchtigte Lord Byron spannte in Venedig gar seinem eigenen Vermieter die Frau aus! Diese Tatsache erkannte auch die Tourismusbranche dann recht schnell und so boten nicht wenige Unterkünfte in Venedig oder Florenz sogenannte „garnierte Betten“ an. Das waren Betten. Garniert mit Frauen.

Haters gonna hate, damals wie heute

Gegner der Grand Tour gab es aber wenig überraschend auch schon damals. Politiker in England – später auch in anderen Ländern, in denen die Tour populär wurde – sahen schon mal gar nicht gern, wie viel „heimisches“ Geld da im Ausland verschleudert wurde. Doch es gab auch Kritik an der Reise selbst. Einige Kritiker beschwerten sich etwa über den Mangel an Abenteuer, den diese Tour mit sich brachte. Der eine nervige Reisende im Hostel, der mit seinem Hitchhiking-Trip durch die Mongolei prahlt, lässt grüßen. Auch an der Wahl der Städte hatten manche etwas auszusetzen. Als uniformiert und langweilig wurden sie etwa bezeichnet. Außerdem würde man dabei doch ohnehin nur alte Stereotype bestätigen, wie man sich typische Franzosen, Italiener oder Deutsche eben vorzustellen hatte. Schlussendlich war der englischen Upper Class aber auch etwas mulmig dabei, ihre Söhne alleine für drei Jahre nach Europa zu schicken. Kaum vorstellbar…

Irgendwann überholte sich die Grand Tour dann aber ohnehin selbst. Die napoleonischen Kriege machte die Reise durch Europa in den 1790ern doch einigermaßen selbstmörderisch. Kurz darauf folgte dann auch schon das Zeitalter der Eisenbahn und damit war die Zeit der Tour endgültig vorbei. Dem Adel war die Sache auch schlicht nicht mehr exklusiv genug. Jetzt konnte sich ja jeder ein Zugticket holen und einfach drauf losfahren! Die Zeitung Westminster Review beschwerte sich diesbezüglich etwa über ein „Gemisch aller Klassen“. „Der Erste unseres Adels und der letzte unserer Bürger begegnen und berühren sich an jeder Ecke“. Spuren hinterließ die Grand Tour trotzdem überall. Von den noch heute üblichen Interrail Reiserouten über die verbreiteten Vorstellungen, was genau „europäische Kultur“ ausmacht, bis zum Paris-Syndrom“ sind die Folgen der Tour tatsächlich allgegenwärtig.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Für die weitere Lektüre empfehle ich wie immer noch eine Kleinigkeit. Für mehr Infos zur Grand Tour und der Reiseliteratur der Zeit, bietet das Buch „Als Reisen eine Kunst war“ einen wunderbaren Überblick für wenig Geld. Die Auswirkungen der Grand Tour auf heutige Europareisende kann man aber nirgends so schön erkunden wie im Film Eurotrip, der wohl besten Teenager-Komödie der Welt! Wer diesen Film noch nicht gesehen hat, hat dringend etwas nachzuholen! Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!



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Flüchtlinge! Die Hugenotten kommen

Hugenotten auf der Flucht. Hier zu sehen: Einzug in Brandenburg.
Hugenotten auf der Flucht. Flüchtlingskrisen gab es eben schon immer.

Es gibt viele Gründe, sein Land zu verlassen. Beispiele wären bessere Berufschancen, eine günstigere Ausbildung oder einfach nettere Menschen (für einen Österreicher weit oben auf der Liste). Aber leider sind bekanntlich nicht alle Umzüge freiwillig. Nicht alle im Ausland lebenden Menschen nennen sich stolz „Expat“, treten English Drama Classes bei und hängen mit Ihresgleichen in Irish Pubs ab. Es gibt da nämlich noch den weniger beliebten Schwesterbegriff zum Expat: den Flüchtling. Um eine Flüchtlingsgruppe, die in Europa Spuren hinterlassen hat, wie kaum eine andere, soll’s heute gehen. Die Hugenotten.

Die Huge… wer bitte?

Die Hugenotten waren etwas, das man sich im heutigen Frankreich kaum noch vorstellen kann: Protestanten. Und der Grund, dass kein Mensch heute noch Protestantismus mit Frankreich verbindet, ist ein erwartungsgemäß grausiger. Dabei fing alles so wunderbar zivilisiert an. Es war ja bekanntlich im Jahr 1517 – das 500-Jahr Jubiläum könnte dem ein oder anderen aufgefallen sein – als Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür in Wittenberg donnerte. Was er damit anstoßen sollte, war ihm wohl selbst nicht ganz bewusst. Denn seine revolutionären Ideen fielen auf überraschend fruchtbaren Boden und das nicht nur in Deutschland. Ich meine, klar, ein paar Nörgler gab es auch damals schon. „Wie jetzt? Ich soll jetzt auch noch selbst die Bibel lesen?“ ist ein Satz, den man in den 1520ern öfter mal gehört haben dürfte. 

Jedenfalls war Luther auch in Frankreich kein Unbekannter. In Paris gab es auch zu der Zeit schon einige großköpfige Philosophen. So befand sich damals Erasmus von Rotterdam dort, oder auch Jacques Lefèvre, die schnell begannen, sich mit Luthers Ideen auseinanderzusetzen. Sogar der damalige französische König Franz I war der Idee gar nicht so abgeneigt. Der hatte sich zuvor sowieso schon in den Kopf gesetzt, die Kirche als quasi-Ersatzbürokratie für den Staat zu missbrauchen. Wenn diese Kirche nun mehr Unabhängigkeit vom Rom bekommen sollte, warum soll das den lieben Franz stören? Somit konnten reformatorische Ideen in Frankreich schnell Fuß fassen. Nur leider sollte sich bald herausstellen, dass königliche Überzeugungen schnell zu ändern sind.

Wie war das mit der Inquisition nochmal? Keiner erwartet die….

Die Entwicklungen um die Reformation gerieten nämlich schneller außer Kontrolle als heutzutage ein  G20-Gipfel. Schon 1521 wurde Martin Luther vom Papst exkommuniziert. Das wäre für König Franz noch kein grundlegendes Problem gewesen, aber die Optik war schon mal nicht schön. Die katholische Kirche in Frankreich erwartete sich jetzt aber natürlich von ihrem König, dass der durchgreift. Und da diese Kirche wie gesagt die einzige brauchbare Bürokratie darstellte, die Franz im Land hatte, konnte er sich nicht ewig gegen solche Forderungen stellen. Und nun ja, so wichtig war es ihm wahrscheinlich auch nicht.

Auf jeden Fall wurden französische Protestanten und deren Sympathisanten im Laufe der 1520er-Jahre immer stärker unterdrückt und in den 30ern eskalierte die Lage dann endgültig. Nachdem Protestanten 1534 mehrere französische Städte mit anti-katholischen Plakaten zugepflastert hatten – jaja, sowas gab es auch damals schon – war das Fass dann voll. Im Jahr darauf gründete Franz die französische Inquisition unter dem klingenden Namen „Chambre ardente„, die „glühende Kammer“. Deren Mitglieder wurden großköpfig als „Spürhunde des Herrn“ bezeichnet und suchten infolge im ganzen Land nach „Ketzern“, um sie eines Besseren zu belehren. Wie man das halt tut. Mit Folter und so.

Im Laufe dieser Entwicklungen wurde auch Johannes Calvin aus Paris vertrieben, was sich als recht mittelmäßiger Schachzug herausstellen sollte. Der ging nämlich bekanntlich nach Genf und befeuerte das sich dort bildende Zentrum der Reformation. Direkt vor den Toren Frankreichs! Das Resultat kann sich sehen lassen. Trotz aller Unterdrückung bis hin zur Inquisition gab es bald in ganz Frankreich protestantische Gemeinden im Untergrund. Schnell sollte rund 10% der Bevölkerung Frankreichs reformiert sein.

Das königliche Frankreich zieht in den Krieg gegen die Hugenotten

Das Problem für König Franz und seinen Sohn, den späteren König Heinrich II, nahm mit der Zeit nur zu. Inzwischen hatten sich auch mehrere Adelige auf die Seite der Hugenotten geschlagen. In einzelnen französischen Ländern kam es zum offenen Krieg zwischen den beiden Seiten. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die Verfolgung dann 1572 in der sogenannten Bartholomäusnacht. In Paris wurden dabei führende französische Protestanten von königlichen Garden ermordet. In der Nacht kam es im ganzen Land zu Ausschreitungen und am Ende waren zigtausende Protestanten tot. 

Kleinere und größere Scharmützel folgten auch in den nächsten Jahren, bis dann 1598 mit dem Edikt von Nantes endlich eine Waffenruhe erreicht wurde. Den Protestanten wurden darin volle Bürgerrechte und religiöse Toleranz zugesichert , der Katholizismus wurde aber zugleich zur Staatsreligion Frankreichs. Das war im Grunde nichts als eine tickende Zeitbombe, die niemand anderer als Ludwig XIV, der Sonnenkönig, etwas später zünden sollte.

Nach einem knappen Jahrhundert relativen Friedens sollte der Machthunger der französischen Monarchen nämlich doch noch über die Vernunft siegen. 1685 hebt Ludwig XIV das Edikt von Nantes auf. Zu dem Zeitpunkt war die Zentralisierung Frankreichs schon so weit fortgeschritten, dass der Sonnenkönig Spaltungen wie diese anscheinend nicht mehr tolerieren konnte. Oder das ganze Bleipuder, das er sich in Versailles ins Gesicht patzte stieg ihm einfach zu Kopf. Diese Theorie ist zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen.

Und sowas nennt sich dann Flüchtlingskrise

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes war der Protestantismus in Frankreich quasi über Nacht wieder eine Straftat. Jeder, der offen als Hugenotte auftrat, musste mit Kerkerstrafen und Enteignung rechnen. In einigen Regionen leisteten die protestantischen Gemeinden zwar Widerstand, der wurde aber von Ludwig eiskalt niedergeschlagen. Der Rest, der sich weder „bekehren“ ließ, noch einen Aufstand anzettelte, wurde zumindest enteignet. Und das Resultat? Die größte Flüchtlingswelle der europäischen Neuzeit.

Um die 200.000 Hugenotten verließen Ende des 17. Jahrhunderts ihre Heimat, um in protestantische Nachbarländer zu ziehen. Die meisten gingen nach England, aber auch Deutschland, die Schweiz, die Niederlande und die nordamerikanischen Kolonien waren häufige Ziele. Und was hatte Ludwig von der Sache? Nicht sehr viel. Die Hugenotten zählten nämlich zur wohlhabendsten und gebildetsten Schicht Frankreichs. Ihr Abzug bedeutete einen Brain Drain sondergleichen. Plötzlich fehlten Frankreich zigtausende Fachkräfte und Steuereinnahmen in exorbitanter Höhe. Extreme Staatsverschuldung und zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit im Land sollten bald die Folge sein. Die Rechnung dafür zahlte leider nicht mehr Ludwig XIV sondern 100 Jahre später sein Nachfolger und Namensvetter Ludwig XVI. 

Dem Rest Europas nützte die Flüchtlingswelle aus Frankreich zugleich sehr. Sowohl in Preußen als auch in England spielten die Hugenotten und ihre Nachkommen in den folgenden Jahren eine ganz bedeutende Rolle. Sie und ihr Fachwissen waren in der Zukunft an zahlreichen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen beteiligt, etwa auch den ersten Schritten in Richtung Industrialisierung. Und wenn man sich die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gegebenheiten in Europa 150 Jahre später anschaut, kann man auch eigene Schlüsse ziehen.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Für die weitere Lektüre empfehle ich wie immer zwei Bücher. Als ernster aber kurzer Überblick über die Geschichte der Hugenotten kann man mit dem Band „Hugenottennicht viel falsch machen. Und wenn wir uns ehrlich sind: 120 Seiten müssen ja auch wirklich genügen. Als Alternative wäre da dann noch das Juwel „1000 Years of Annoying the French“, in dem sich der Engländer und Wahl-Franzose Stephen Clarke mit dem Englisch-Französischen Verhältnis auseinandersetzt. Brilliant! Und für 8€ macht man da nichts falsch. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!



 

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Die schmutzige US-Präsidentschaftswahl 1800

Donald Trump und Thomas Jefferson verbindet nicht viel. Was blutige Wahlkämpfe betrifft, kann Trump aber noch viel von Jefferson lernen.
Trumps Wahl 2016 war bei weitem nicht der schmutzigste US-Wahlkampf der Geschichte. Den gab es schon vor über 200 Jahren.

„Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten“ schrieb die Süddeutsche Zeitung wenige Tage nach der Wahl Donald Trumps. Die FAZ beschrieb den US-Wahlkampf als „außergewöhnlich schmutzig“ und überhaupt sind sich auf unserer Seite des Atlantiks alle einig, dass sowieso das steinzeitliche amerikanische Wahlsystem an allem schuld ist. Und das ist ja auch alles wahr. Aber war die Wahl 2016 wirklich so außergewöhnlich schmutzig und nie dagewesen? Nein, das war sie nicht! Mit sowas kennen sie die Amerikaner schon etwas länger aus.

Auch die Founding Fathers waren keine Heiligen

Eine ganz besonders schmutzige Wahl erlebten die USA gleich in ihrer frühen Kindheit, als im Jahr 1800 der amtierende Präsident John Adams von seinem Vize Thomas Jefferson herausgefordert wurde. Adams trat in dem Jahr als Mitglied der ersten quasi-Partei der USA, der Föderalisten, zur Wiederwahl an. Quasi weil es zu der Zeit noch keine richtigen Parteistrukturen und Hierarchien gab. Föderalisten weil… ja, gute Frage. Die waren eigentlich ziemlich zentralistisch aber ich unterstelle mal: andere Zeiten, andere Sitten? Adams Gegenkandidat Thomas Jefferson trat jedenfalls für die Demokratischen Republikaner an. Wie der Name schon sagt,  ist das die Gruppierung, aus der irgendwann die heutigen zwei großen US-Parteien hervorgehen sollten. Diese Gruppierung war dann tatsächlich föderalistisch und trat für mehr Staatsrechte ein.

Dieselben zwei Kandidaten traten übrigens auch vier Jahre zuvor schon gegeneinander an, was John Adams eben gewann. Man sieht also, die politische Inzucht hat in Amerika schon vor den Kennedys, Bushes und Clintons Tradition. Und obwohl die Wahl 1800 inzwischen über 200 Jahre her ist, kommt sie einem in vielen anderen Punkten doch auffallend bekannt vor. Die Wahl war schmutzig, die Bevölkerung war gespalten und die Kandidaten sprachen die tiefsten Instinkte der Menschen an.

In schmutzigen Kampagnen haben die Amerikaner Erfahrung

Heute regen wir uns ja bekanntlich über Trump-Aussagen wie „bad hombre“ oder „nasty woman“ auf. Aber im Vergleich zum Wahlkampf 1800 und den Attacken von Jefferson und Adams ist das alles fast lächerlich. Im Laufe des Wahlkampfs nannte Jefferson seinen Gegner einmal schlicht einen „scheußlichen, zwitterartigen Menschen, der weder die Kraft und Entschlossenheit eines Mannes, noch die Sanftheit und Sensibilität einer Frau besitzt“ (a “hideous hermaphroditical character who has neither the force nor firmness of a man, nor the gentleness and sensibility of a woman”). Adams schoss zurück und bezeichnete Jefferson als „kleinlichen, niederen Sohn einer Halbindianerin, gezeugt von einem Mulatten“ (a „mean spirited, low-lived … son of a half-breed Indian squaw sired by a Virginia mulatto father“). Da merkt man wieder mal: Zivilisation braucht eben Zeit. Wir sollten noch zwei Jahrhunderte warten müssen, bis wir so niveauvolle Angriffe wie „Lyin‘ Ted“ zu hören bekommen.

Auch Verschwörungstheorien und Fake News waren im Jahr 1800 nicht ganz unbekannt. Die Föderalisten hinter Adams streuten damals sogar das Gerücht, Thomas Jefferson sei chronisch krank oder sogar kürzlich verstorben! Ach, was waren das noch für Zeiten, als man einfach mal so behaupten konnte, jemand wäre tot, und niemand konnte es überprüfen. Wobei… Paul McCartney würde mir dabei wohl nicht ganz zustimmen.

Polarisierung gehört zu US-Wahlen einfach dazu

Die Tatsache, dass die Föderalisten und Demokratischen Republikaner noch keine richtigen Parteien waren, bedeutet übrigens nicht, dass das Land 1800 nicht gespalten gewesen wäre. Das war es allerdings. Und zwar anständig! Erstmal gab es auch damals schon die bekannten Nord-Süd-Streitigkeiten, die die USA noch lange prägen sollten. Jefferson bzw. die Demokratischen Republikaner gewannen die Wahl letztendlich auch nur mit den Stimmen der Südstaaten. Und auch das nur, weil die Sklaven dort als 3/5 eines Einwohners gezählt wurden und somit den Staaten mehr Gewicht gaben. Und da regen sich Afroamerikaner noch auf. Es wurde doch so viel für sie getan…

Auch die Themen der Zeit sollten uns bekannt vorkommen. Die Föderalisten standen für Zentralisierung (wie gesagt, in der Namenswahl waren sie etwas unglücklich), Freihandel und engere Verbindungen zu England. Die Demokratischen Republikaner dagegen waren für mehr Rechte für die Staaten, traten für Protektionismus nach Außen ein und unterstützten das napoleonische Frankreich. Die Föderalisten waren übrigens auch „tough on migration“, die Demokratischen Republikaner dagegen sprachen aktiv Migranten an. Allerdings weiße, englische, protestantische Migranten, bevor wir jetzt Freudensprünge machen und Jefferson zum Martin Luther King des 18. Jahrhunderts erklären.

Wer das US-Wahlsystem heute reformbedürftig findet: das ist schon die Reform!

Nachdem die Demokratischen Republikaner die Wahl mithilfe der Südstaaten dann gewonnen hatten, ging der Kampf aber erst richtig los. Für die Partei trat nämlich nicht nur Jefferson an, sondern er hatte natürlich einen Running Mate als Kandidat für das Vizepräsidenten-Amt. Das war ein netter Mann namens Aaron Burr aus New York. Wahlmänner im Electoral College durften damals noch je zwei Stimmen für den Präsidenten ihrer Wahl abgeben und keine getrennte für den Vize. Der Erstgereihte wurde dann automatisch Präsident, der Zweitgereihte Vizepräsident.

Die Demokratisch-Republikanischen Wahlmänner wollten nun also eigentlich all ihre Stimmen Jefferson und Burr geben. Nur einer von ihnen sollte sich seiner Zweitstimme enthalten und damit Jefferson an erste und Burr an zweite Stelle reihen. Dummerweise hat der das Memo wohl nicht erhalten. Oder es war ihm einfach egal. Auf alle Fälle erhielten sowohl Jefferson als auch Burr 73 Stimmen, John Adams 64. Und bei einem solchen Unentschieden entscheidet in den USA – bis heute übrigens – das Unterhaus des Parlaments über den Sieger.

Das neue Parlament, welches in dieser Wahl gewählt wurde, trat sein Mandat aber erst einige Monate später an. Also musste sich das alte Parlament mit seiner föderalistischen Mehrheit mit der Präsidentenwahl befassen. Und viele Föderalisten hassten Jefferson aus tiefstem Herzen. Er war für sie ein schlimmeres Feindbild als Trump für die liberalen Öko Hipster im heutigen Brooklyn. Sie hassten ihn sogar noch mehr, als die Brooklyner Öko Hipster Gangschaltungen auf ihren Fahrrädern hassen. Und daher wählten viele Föderalisten eben Aaron Burr, wodurch weder Jefferson noch Burr die notwendige Zustimmung aus neun Bundesstaaten erreichten und erneut abgestimmt werden musste. Und dann noch einmal. Und dann noch einmal. Schlussendlich, nach 35 (!) Runden, gewann dann doch Jefferson und wurde damit zum dritten Präsidenten der USA. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber da ist mir ein kleines Neuauszählen in Florida noch immer lieber.

Und Trump ist trotzdem schlimmer

Nach einem zerstörerischen Wahlkampf mit tiefen persönlichen Angriffen, einem Unentschieden zwischen Parteifreunden und 36 Abstimmungsrunden im Kongress wurde Jefferson 1801 also zum dritten Präsidenten der USA. In seiner Antrittsrede sagte er dann berühmterweise, „wir sind alle Republikaner, wir sind alle Föderalisten“ und versuchte damit, das Land wieder zu einen. Genau das hat Donald Trump nach sechs Monaten im Amt noch immer nicht gemacht. Er hat in diesen sechs Monaten auch sonst nicht viel gemacht. Aja, und Pussygrabber war Jefferson übrigens auch keiner. Aber das nur so am Rande.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Für alle, die jetzt doch etwas mehr über die amerikanische Geschichte erfahren möchten, habe ich auch noch zwei Büchertipps. Für die ernsthafte (aber dafür angenehm kurze) Lektüre kann ich nur den Geschichte der USA Band der C.H. Beck Reihe empfehlen. Die 9 € sind top investiert und schon nach ein, zwei Stunden Lesezeit kann man seine Überlegenheitsgefühle gegenüber den Amis endlich auch historisch untermauern!

Für einen unterhaltsameren Blick auf Amerika gäbe es da dann noch den Klassiker von Stephen Colbert, I Am America (And So Can You!). Ein bösartig ironischer Blick in die Seele Amerikas. Oder zumindest wie Liberale sich diese böse Seele vorstellen. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!

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Englands erster Brexit. Der Verlust der Normandie und Rückzug auf die Insel

Johann Ohneland auf der Jagd. Englands erster Brexit hat viel mit der Unfähigkeit dieses Herrschers zu tun.
Johann Ohneland auf der Jagd. Das lag dem Verursacher des ersten Brexit zumindest mehr als das Regieren.

Große Könige tragen oft große, schmeichlerische Namen: Karl der Große, Philipp der Schöne, August der Starke oder Richard Löwenherz, um nur ein paar zu nennen. Weniger große Könige tragen dann meist weniger klingende Namen oder werden überhaupt nur mit Ihrem Namen und ihrer Zahl genannt. Nur ganz wenige Könige schaffen es aber, sich in ihrem Leben einen dermaßen schlechten Ruf zuzulegen, dass ihr Rufname wenig mehr als eine direkte Beleidigung ist. Über genau so einen König reden wir heute. 

Ohneland, „das meinen sie doch sicher nett, oder?“

Johann I von England war beileibe kein sonderlich begabter Herrscher. Doch ohne überhaupt erst in Details zu gehen, ist hier der Name schon Programm. Für seinen im Deutschen geläufigsten Namen Johann Ohneland kann er allerdings nichts. Er bezieht sich darauf, dass Johann als viertgeborener Sohn schlicht wenig Chance auf Landbesitz hatte, im Englischen nannte man ihn entsprechend John Lackland. Doch ist das noch der netteste seiner Beinamen. Johanns wiederholte Niederlagen auf dem Feld brachten ihm später den Namen John Softsword ein. Am häufigsten nennt man ihn aber schlicht John the Bad. Nicht gerade ein beneidenswerter Spitzname.

Und ganz zu Unrecht trägt Johann keinen dieser Namen. Als Ohneland kam er auf die Welt und nach knapp 15 Jahren an der Herrschaft standen er und sein Staat wieder ohne Land da. Oder zumindest mit sehr viel weniger Land. Seine nur etwas über fünfzehnjährige Regierungszeit kann man mit „bad“ auch ganz gut zusammenfassen. Aber was macht ihn denn so schlecht? Dass er die Normandie verloren hat und damit Englands „ersten Brexit“ verantwortet? Naja, das ist doch zumindest ein Anfang!

Johann, der David Cameron des 13. Jahrhunderts

Johann kam im Jahr 1166 zur Welt. Genau 100 Jahre also, nachdem Wilhelm der Eroberer und seine Normannen England erobert und damit das Englisch-Normannische Doppelreich begründet haben. Obwohl die Normannen, wie der Name schon sagt, ursprünglich von Wikingern abstammten, waren sie zu der Zeit quasi kulturelle Franzosen und hatten ihre Basis eben in der nach ihnen benannten Normandie. So wurde in Johanns Zeit in der Londoner Upper Class fast ausschließlich Französisch gesprochen. Sein Beiname war damals auch vielmehr Sans-Terre als Lackland.

Johanns Vater Heinrich II und Bruder Richard Löwenherz vererbten ihm schließlich auch zahlreiche Ländereien in Frankreich. Neben dem Stammland der Familie, der Normandie, gehörten dazu im späten 12. Jahrhundert Anjou, Maine, Poitou, Aquitanien und noch einige andere französische Landstriche, die keiner so wirklich einordnen kann. Von England und der Normandie aus erstreckte sich der Besitz über die gesamte französische Atlantikküste bis nach Bordeaux und die Pyrenäen im Süden. 

Am Ende von Johanns Herrschaft gehörten seinen Nachfolgern gerade noch ein paar Fleckchen Land in Südwestfrankreich. Und auch dafür mussten sie dem französischen König als Lehnsherr huldigen. Auch wenn diese letzten Ländereien erst nach dem Hunderjährigen Krieg endgültig an Frankreich verloren gehen sollten, ist die Blütezeit Englands am Kontinent mit Johann ein für alle Mal vorbei. Von diesem Zeitpunkt an waren die Könige Englands nur noch das – Könige Englands. Keine Herzöge der Normandie mehr. Auch keine Grafen von Anjou. Stattdessen sollte später der englische Sonderweg folgen. Ein „Truly global Britain“ quasi, wie es Theresa May im Fall des heutigen Brexit wohl nennen würde.

1202, als man sich vor Franzosen noch fürchten musste

Das Dilemma begann für Johann schon kurz nach seiner Thronbesteigung 1199. Er übernahm die Krone von seinem Bruder Richard Löwenherz, was von den Adeligen in England soweit auch akzeptiert wurde. In Frankreich war die Sache aber etwas problematischer. Die Besitzungen dort waren nämlich Lehen des französischen Königs Philipp (der am Tod Richards jetzt nicht gerade unbeteiligt war, sollte man erwähnen). Drei Jahre später griff dieser dann auch gleich die Normandie an, um sich diese Länder zu sichern. Andere unzufriedene Adelige in den südlicheren französischen Ländern Johanns rebellierten mit und sogar Johanns eigener Neffe, Arthur von der Bretagne, schlug sich auf Seiten Philipps.

Johann konnte im Süden zwar einige Siege erringen, in der Normandie sah es aber zunehmend trist aus. Anfang 1204 fiel die als unbezwingbar geltende normannische Festung Gaillard. Die Hauptstadt Ruen folgte wenige Monate später. Die Adeligen in den englisch kontrollierten Teilen Frankreichs wechselten daraufhin schneller die Seiten als Theresa May nach dem Brexit Votum, was die Lage für Johann auch nicht gerade vereinfachte. Nach dem Krieg 1204 blieben ihm schlussendlich nur noch einige Länder um die Stadt Bordeaux erhalten. Aber das war doch immerhin ein moralischer Sieg. Wenn nach dem Brexit erst mal wieder Zölle eingeführt werden, werden sich die heutigen Engländer noch wünschen, Wein aus Bordeaux wäre kein Importprodukt.

Aus Johann Ohneland wird John the Bad

Wirklich bad läuft es für Johann aber erst nach dieser Niederlage. Ein Jahr nach dem Sieg Frankreichs zog er sein englisches Feudalheer in Portsmouth zusammen, um zum Gegenangriff anzusetzen. Unglücklicherweise für ihn hatten die englischen Adeligen inzwischen aber gehörig die Nase voll. Einer nach dem anderen erfanden sie Ausreden, um ihm nicht nach Frankreich zu folgen. Schlussendlich musste Johann alleine mit einem Haufen Söldnern übersetzen und wenig überraschend bereits ein paar Wochen später kapitulieren. Im Jahr darauf schaffte er es zwar noch einmal, ein paar Barone zum Angriff auf Südfrankreich zu überzeugen und war damit sogar einigermaßen erfolgreich. Viel an der Lage ändern konnte das alles aber nicht mehr.

Nach einem letzten, ganz ähnlich verlaufenden Rückeroberungsversuch 1214 hatten die englischen Adeligen dann endgültig genug. Kriege kosten Geld und es war jetzt ja nicht gerade so, dass erst Johann mit dem ständigen Kriegeführen angefangen hätte. Schon unter seinem Vater und Bruder war England fast pausenlos im Krieg. Richard zog dann auch noch in den Kreuzzug und schaffte es am Rückweg zu allem Überfluss noch, in Österreich gefangen genommen zu werden (ausgerechnet in Wien Erdberg, schlimmer kann man es kaum treffen). Die Lösegeldforderung der Österreicher war schließlich so gigantisch, dass sie ausreichte, die gesamte Festung Wiener Neustadt zu bauen. Zahlen durften das alles die Adeligen in England.

Erster Brexit: ein voller Erfolg

Nach wiederholten und erfolglosen Rückeroberungsversuchen der französischen Besitzungen war das Fass dann eben irgendwann voll. Die englischen Adeligen weigerten sich, weiteres Geld zur Verfügung zu stellen und zwangen Johann schlussendlich sogar dazu, ihre politischen Rechte schriftlich zu bestätigen. Das Dokument, das diese Rechte sichern sollte, war die Magna Carta und sollte zur Grundlage des englischen Rechtsstaats werden. Die katastrophale Niederlage in Frankreich und die Vertreibung Englands aus Europa führte damit zumindest zu bedeutenden Veränderung im Inneren. Es bleibt offen, ob der zweite Brexit das auch schaffen wird. 

Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Jedem, der noch an mehr englischer Geschichte wie dieser interessiert ist, sich aber nicht unnötig mit akademischem (aka furchtbar langweiligem) Kram auseinandersetzen will, möchte ich bei der Gelegenheit noch das Buch An utterly impartial history of Britain or 2000 years of upper class idiots in charge von John O’Farrell ans Herz legen. Für nicht mal 10€ bekommt man hier eine fast 600 seitige, beißend ironische und wunderbar unterhaltsame Geschichte Englands serviert. Unten findet ihr den Link zum Buch. Mit dem Kauf tut ihr auch gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent.

 

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Warum wir uns mit Geschichte beschäftigen sollten

Déjà-vu: ein Geschichte Blog

Geschichte wiederholt sich. Diese Aussage ist so bekannt, wie sie falsch ist. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, wie sollte sie denn auch? Jede Zeit hat ihre eigenen Rahmenbedingungen und Probleme. Die Tatsache, dass in allen Epochen Menschen in Kriegen oder Epidemien sterben, bedeutet eben nicht, dass sich Geschichte wiederholt. Kriege und Epidemien sind schlicht und ergreifend die Geschichte!

Trotzdem kennt jeder von uns diesen Gedanken: „das kommt mir doch irgendwie bekannt vor“. Fast täglich passiert etwas in der Welt, das in uns so ein Déjà-vu auslöst. Finanzkrisen, Migrationsströme, extreme Politik. All das ist gefühlt schon mal da gewesen. Und auch wenn sich deshalb die Geschichte eben nicht wiederholt, ist es doch wichtig, sich solche Ähnlichkeiten und Zusammenhänge genauer anzuschauen. Genau das soll dieser Blog tun.

Aus der Geschichte lernen?

Doch warum das Ganze? Hat uns die Geschichte nicht gelehrt, dass wir unfähig sind, aus ihr zu lernen? Schaut man sich in der Welt um, kann man ja kaum zu einer anderen Schlussfolgerung kommen. Wir wissen alles über die Weltwirtschaftskrise von 1929, trotzdem erlebten wir in den letzten 20 Jahren gleich zwei ähnliche Finanzkrisen. Griechenland war in den letzten 200 Jahren regelmäßig alle paar Jahrzehnte bankrott. Ein Mittel dagegen wurde offensichtlich bis heute nicht gefunden. Populistische Politiker mit unglaubwürdigen Versprechungen wurden im 20. Jahrhundert von Europa bis Lateinamerika überall gewählt und scheiterten überall dramatisch. Trotzdem ist Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten.

Lernen aus der Geschichte tun wir also nicht. Oder zumindest nicht erfolgreich. Dennoch haben diese Déjà-vu Momente etwas für sich. Sie erinnern uns daran, dass wir heute nicht vor vollkommen neuen Problemen stehen. Für liberal denkende Menschen überall auf der Welt mag die Wahl Donald Trumps ein Desaster sein. Da ist es doch zumindest schön, zu sehen, dass es ähnliche Desaster auch früher gab. Und wir leben immer noch.

Es könnte alles viel schlimmer sein

Ein Blick zurück hilft uns dabei, unsere Lage etwas realistischer einzuschätzen. Die oben genannten Beispiele verdeutlichen das. Die Weltwirtschaftskrise 1929 hat uns vielleicht nicht gelehrt, keine ähnlichen Krisen mehr zu verursachen. Doch damals setzte eine Krise die westliche Welt über Nacht um Jahrzehnte zurück und führte in Europa zu nie dagewesenem politischen Extremismus. Das tun Krisen zwar auch heute noch, ganz für einen neuen Hitler reicht es dann aber doch nicht. Ging Griechenland im 19. Jahrhundert pleite, bedeutete das für viele Griechen Hungersnöte und Tod. Heute wandern sie nach Irland aus und arbeiten in einem Pub. Wurden populistische Politiker vor 80 Jahren gewählt, hieß das Gulag und KZ. Heute heißt das verwirrende Tweets und dumme Forderungen nach Solar-Mauern. (ich vereinfache hier)

Die Moral von der Geschicht, könnte man also sagen: heute haben wir es doch um vieles besser als noch vor einigen Jahrzehnten. Auch diese Realisierung soll dieser Blog regelmäßig erneuern. Wie in allen Zeiten glauben viele Menschen auch heute, in der schlechtesten aller Zeiten zu leben. Das ist nüchtern betrachtet reiner Unsinn. Im historischen Kontext ist es vielmehr schon fast eine Beleidigung der Opfer der Vergangenheit, wenn Donald Trump für das Feuern eines FBI Direktors als Faschist bezeichnet wird. Trumps Präsidentschaft ist schlimm. Es gab aber doch schon deutlich Schlimmeres.

Make History Great Again

Geschichte kann uns also nicht die Zukunft vorhersagen und ist auch kein Spiegelbild der Gegenwart. Trotzdem ist sie extrem wichtig. Ein besseres historisches Verständnis hilft uns, die Gegenwart besser zu verstehen. Historische Parallelen zu heutigen Ereignissen geben uns Hinweise darauf, wie sich solche Ereignisse entwickeln können. Sie sagen uns nicht, wie sie sich konkret entwickeln werden, aber das kann man auch nicht verlangen. Wäre ja auch furchtbar langweilig.

Das öffentliche Interesse an Geschichte nimmt auch glücklicherweise nicht ab. Historische Romane gehören seit Jahren zu den meistverkauften Literaturgenres. Bücher wie Game of Thrones wurden zu Geschichten einer Generation und zur erfolgreichsten Fernsehserie seit vielen Jahren. Leider sind diese Bücher und Serien zwar historisch angehaucht, echte Geschichte sind sie aber natürlich nicht. Währenddessen hat es die „echte“ Geschichtswissenschaft offensichtlich vollbracht, die Menschen abzuschrecken. Dabei war die Geschichte doch seit jeher eine der zugänglichsten Geisteswissenschaften überhaupt! Aber vielleicht sehen wir auch hier wieder nur einen Trend. News werden zu Fake News. History wird zu Fake History. 

Der Sinn eines Geschichte Blogs

Es gibt also gute Gründe, einen Blog über Geschichte zu schreiben. Geschichte wiederholt sich nicht, kann uns aber Perspektive auf die Gegenwart geben. Wir lernen nicht aus der Geschichte, sollten es aber, wir beschweren uns über die Gegenwart, ohne einen Vergleichswert zu haben und wir schätzen Historie, finden echte Geschichtswissenschaft aber etwas öde. Da macht es doch Sinn, sich der Materie mal unvoreingenommen zu nähern. Wäre es jetzt 2005, würde man sofort rufen: „das verlangt doch nach einem Blog!“ 2017 ist die Sache etwas anders, aber ich bin nun mal Historiker. Wer kann schon von Historikern erwarten, immer am Puls der Zeit zu sein?

Auf diesem Blog möchte ich daher von nun an alle zwei Wochen einen Blick in die Geschichte werfen. „Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor“ – genau dieses Gefühl soll der Ausgangspunkt sein. Ich möchte aktuelle politische Ereignisse herauspicken und ihre historischen Verwandten etwas beleuchten. Müssen wir uns wirklich Sorgen um den Kollaps der Weltwirtschaft machen? Wie war das früher mit Flüchtlingskrisen? War die Jugend schon immer so verdorben? Haben wir diesen Brexit nicht auch schon mal gesehen? Und die Sache mit der schottischen Unabhängigkeit? Stoff gibt es genügend.

Und wenn wir schon nichts aus diesen Geschichten lernen, sie uns auch nichts grundlegend Neues über die heutigen Zustände verraten, so können wir uns danach zumindest zurücklehnen und sagen: „so schlimm ist das gar nicht. Das haben wir doch alles schon mal gesehen“. Ob das dann Fake History ist oder nicht, ist schließlich euch, den Lesern, überlassen.

Ralf Grabuschnig

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