Das Darien-Projekt: als der Kolonialismus Schottland ruinierte

Das Banner der Company of Scotland, die das Darien-Projekt in Schottland leitete. Keine allzu glorreiche Geschichte.
Das Banner der Company of Scotland. Man hat sich offensichtlich mehr erwartet…

Im September 2014 stimmte Schottland darüber ab, ob sich das Land von Großbritannien loslösen und wieder ein selbstständiger Staat werden sollte. Bekanntlich war die Mehrheit der Befragten in diesem Referendum dagegen, dennoch ist die schottische Union mit England heute alles andere als in Stein gemeißelt. Wenn man genau hinschaut, war sie das aber eigentlich noch nie. Es war nämlich nicht gerade so, dass die Schotten den Act of Union, der die Königreiche England und Schottland im Jahr 1707 miteinander vereinte, sonderlich gefeiert hätten. Vielmehr war die Vereinigung aus schottischer Not entstanden. Und diese Not ist ohne eine ganz bestimmte Geschichte nicht zu verstehen: dem Scheitern des schottischen Kolonialismus im Darien-Projekt.

Die letzten Jahre des unabhängigen Staates Schottland

Als der Act of Union 1707 das Vereinigte Königreich schuf, waren England und Schottland schon seit über hundert Jahren in einer Personalunion miteinander verbunden. Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte die schottische Stuart-Dynastie den englischen Thron beerbt, den sie seither einigermaßen miserabel managte. Die Stuarts waren dabei so unfähig und unbeliebt, dass sie in nur hundert Jahren gleich zwei Revolutionen gegen sich provozierten. In den 1640ern wurde König Karl I. von den Truppen Oliver Cromwells erstmal von der Insel gejagt. Als nach zehn Jahren autoritärer Cromwell-Herrschaft die Stuart-Monarchie dann restauriert wurde, sollte es wieder keine dreißig Jahre dauern, bis das Parlament erneut revoltierte. Dieses Mal lud es gar den niederländischen König Wilhelm ein, eine kleine Invasion nach England zu starten. König Jakob II. hatte wieder das Nachsehen. Man kann also ohne Übertreibung sagen, die schottischen Könige Englands waren nicht gerade die erfolgreichsten. Andererseits waren die Tudors davor auch nicht viel besser. Oder die Hannoveraner danach…

Schottland und England waren im 17. Jahrhundert trotz all dem aber getrennte Staaten. Sie teilten sich nur das Staatsoberhaupt. Für Schottland war diese Situation naturgemäß etwas problematisch. Wenn die Stuart-Könige gerade mal nicht aus dem Land geschmissen wurden, saßen sie meist im weit entfernten London. Schottland war da im besten Fall ein Nebenschauplatz. Für England war diese Zeit trotz all des Tumults aber eine ausgesprochen erfolgreiche. Das 17. Jahrhundert sah den Beginn des englischen Empires, die East India Company machte enorme Gewinne mit dem Handel in Übersee und zahlreiche englische Bürger wurden durch ihre Beteiligung an der Kompanie reich. In Schottland sah die Sache währenddessen eher trist aus. Das Land hatte damals noch weniger Einwohner als heute, es gab keine nennenswerte Industrie abgesehen von der Wollherstellung (wow, Wolle…) und das Land hatte auch keine Kolonien in Übersee, die es hätte ausbeuten können. 

Heureka! Lasst uns Schotten nach Panama schicken!

In den 1690ern häuften sich langsam die Stimmen, die genau das ändern und Schottland als Kolonialmacht sehen wollten. War ja auch logisch! Alle großen europäischen Staaten besaßen Kolonien in Übersee: die Niederlande, Frankreich, Spanien, Portugal und natürlich der große Bruder England. Da wollte man auch als kleines Schottland nicht hintanstehen. Eine besonders laute Stimme war dabei die des William Paterson, einem selbsternannten Finanzexperten aus den schottischen Lowlands, der es in England zu einigem Reichtum gebracht hatte. Er hatte dort Erfahrungen im Kolonialhandel gemacht und dachte sich, sowas muss doch auch in Schottland funktionieren! Schnell entwickelte er daher einen Plan. Schottland sollte an der Landenge von Darien, im heutigen Süd-Panama, eine eigene Kolonie errichten!

Auf dem Papier klang dieser Plan brillant! Es war damals bereits bekannt, dass die mittelamerikanische Landmasse bei Panama mit am schmalsten war. Da erhoffte sich Paterson, dass man mit einer vom Atlantik zum Pazifik wirkenden Kolonie großen Reichtum erwirtschaften konnte. Etwas über 200 Jahre später wurde in Panama ja auch tatsächlich ein Kanal für genau diesen Zweck errichtet – so abwegig war die Idee also nicht. Das Problem bei William Patersons Plan war aber ein anderes: Anscheinend hatte sich den Ort dieser zukünftigen Kolonie nämlich niemand näher angesehen! Zumindest kann man sich sonst nicht erklären, wie sich irgendjemand dafür entscheiden konnte.

Die größte Schmach der schottischen Geschichte nimmt ihren Lauf

Die Schotten schien dieses kleine Manko in Patersons Plan nicht weiter zu stören. Das kennt man ja heute noch. Wenn da ein selbsternanntes Finanz-Genie auftaucht und ganz selbstlos das Geheimnis seines Erfolgs teilt, strömen immer noch Tausende heran, um in dessen Produkt zu investieren. Wir vertrauen eben gerne Experten, weil wir zu faul sind, uns mit diesen Dingen selbst zu beschäftigen. Leider sind wir aber auch zu faul, uns mit den Experten zu beschäftigen. So in etwa war das auch in Schottland und 1695 wurde die von Paterson erdachte Company of Scotland dann auch schon feierlich gegründet. Diese war klar am englischen Vorbild der East India Company ausgerichtet und sollte eine Handelskompanie in Übersee sein. Hauptziel war aber schon von Anbeginn die Errichtung der Kolonie in Darien.

Die Company of Scotland war dabei eigentlich als internationales Unternehmen geplant. Nach der Gründung suchte man in Schottland aber auch in London und sogar Amsterdam und Hamburg nach Investoren, die bereit waren, Startkapital in die Kompanie zu stecken. Dummerweise waren in England aber nicht alle begeistert von der Idee. Die East India Company sah ihre Interessen bedroht und auch König Wilhelm wollte die schottische Kompanie nicht aktiv unterstützen, da er die Großmacht Spanien nicht unnötig provozieren wollte. Also musste Paterson im Jahr darauf in Schottland nochmal von vorne anfangen mit dem Geldeinsammeln. Dort löste die Idee einer Kolonie aber zu seinem Glück einen wahren Run auf die Beteiligungen aus und es konnten ganze 400.000 Pfund gesammelt werden. In heutiger Währung wären das fast 50 Millionen Britische Pfund! Diese wurden dann – wie es sich gehört – sicher in einer Truhe verwahrt (ja, wirklich) und schon konnte es losgehen!

Ist ja traumhaftes Wetter hier! Schickt mal Nachschub!

Schon 1698 stießen die ersten fünf Schiffe in See, beladen mit abenteuerfreudigen Schotten und diversen wertvollen Produkten, die man mit den Ureinwohnern Panamas gegen Nahrung tauschen wollte. Selbst eine Landwirtschaft aufzubauen, ist auch wirklich zu viel Arbeit. In einem Anflug von Genialität wählten die Schotten dafür in erster Linie schwere Wollkleidung und Perücken. Was man im tropischen Urwald halt so braucht! Als sie dann nach mehrmonatiger Überfahrt in Darien ankamen, machten sie sich auch gleich voller Elan an die Arbeit. Sie errichteten ein Fort namens St. Andrews und die Siedlung New Edinburgh. Nur leider sollte sich schnell rächen, dass das Gebiet vorher niemand so recht begutachtet hatte. Es regnete dort nämlich so gut wie täglich, das Klima war schwül und heiß und die Gegend dadurch vollkommen malariaverseucht. Nicht mal die Ureinwohner der Region siedelten in der Bucht von New Edinburgh – das hätte den Schotten zu denken geben können.

Zu allem Überfluss stellte sich auch bald heraus, dass die Ureinwohner gar nicht so viel Interesse an den schottischen Tauschprodukten hatten. Das mit der eigenen Landwirtschaft lief währenddessen auch nicht so recht und als dann auch noch die spanischen Truppen der Region anfingen, unbequem zu werden und sich die Todeszahlen in New Edinburgh häuften (bis zu zehn Leute am Tag starben da an diversen Krankheiten!) gaben die Siedler nach nur sieben Monaten erschöpft auf und kehrten nach Schottland zurück. Nur dumm, dass es damals noch keine E-Mails gab. In Schottland dachte man nämlich währenddessen, die Sache mit der Kolonie liefe prächtig, und man schickte weitere Schiffe mit Siedlern los. Die fanden natürlich nur noch Ruinen und einige grantige Spanier vor und im Jahr 1700 war es dann endgültig dahin mit den schottischen Träumen des Kolonialreiches. Die Bilanz: von den insgesamt gut 3.500 Siedlern überlebte weniger als die Hälfte. Aja, und das ganze schöne Geld in der Truhe war auch auf nimmer Wiedersehen verloren.

Der Preis Schottlands? Wie sich herausstellt 400.000 Pfund

Das große Problem bei der Sache: das Geld in dieser Truhe betrug etwa ein Viertel des gesamten schottischen Reichtums! Wie gesagt hatte es einen enormen Run auf die Anteile gegeben und jeder, der es sich irgendwie leisten konnte, wollte an der Sache beteiligt sein. Das Problem betraf somit aber natürlich nicht nur die Bevölkerung, sondern auch den Staat insgesamt, der nach dem Scheitern des Darien-Projekts kurz vor dem Bankrott stand. Zum Glück gab es da aber den freundlichen Nachbarn im Süden, der sofort seine Hilfe anbot. England arbeitete in Windeseile den Act of Union aus, der die Königreiche Schottland und England vereinigen sollte. Damit würde der neue Staat Großbritannien (und seien wir uns ehrlich, das bedeutet in erster Linie England) auch für Schottlands Schulden aufkommen. Nicht ganz irrelevant dürfte dabei gewesen sein, dass viele der schottischen Abgeordneten, die später für diese Union stimmten, selbst durch das Darien-Projekt tief verschuldet waren. Da kam so ein Angebot natürlich gerade recht. Und ja: natürlich war unser lieber William Patterson darunter. Mit politischer Verantwortung hatte man es damals schon nicht so und dieser Verkauf der schottischen Unabhängigkeit ging später schmachvoll als „Price of Scotland“ in die Geschichte ein.

Das Darien-Projekt war somit der letzte Fehler, den sich das Königreich Schottland leistete. Von 1707 an gab es kein eigenständiges Schottland mehr. Ironischerweise sollten Schotten im Britischen Empire aber eine ganz bedeutende Rolle spielen. Wie sich herausstellte, hatten sie doch Talent für den Kolonialismus – nur nicht den eigenen! Auch nichts, worauf man im 21. Jahrhundert groß stolz sein sollte. Und falls Schottland sich in den nächsten Jahren doch noch einmal unabhängig erklärt und dann in eine Ölpleite schlittert, denke ich nicht, dass England nochmal so ein Angebot machen wird. Könnte auch finanziell knapp werden mit Brexit und so.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Wenn euch diese Geschichte des schottischen Scheiterns gefällt, teilt den Artikel doch bitte! Weiter unten findet ihr sogar praktische Buttons für Facebook und Twitter – es gibt also keine Ausrede! Wie die Geschichte in Schottland weitergeht, lässt sich dann übrigens wunderbar im Buch „1745 And All That: The Story of the Highlands“ nachlesen. Das Buch ist eine Fortsetzung der generell empfehlenswerten Reihe um „1066 And All That“. Auf diese Art lässt sich britische Geschichte wirklich aushalten! Wir sehen uns hier hoffentlich wieder in zwei Wochen. Bis dahin, nicht zu viel Scheiße bauen. Das übernehmen schon andere, wie zum Beispiel William Paterson.

 

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