Englands erster Brexit. Der Verlust der Normandie und Rückzug auf die Insel

Johann Ohneland auf der Jagd. Englands erster Brexit hat viel mit der Unfähigkeit dieses Herrschers zu tun.
Johann Ohneland auf der Jagd. Das lag dem Verursacher des ersten Brexit zumindest mehr als das Regieren.

Große Könige tragen oft große, schmeichlerische Namen: Karl der Große, Philipp der Schöne, August der Starke oder Richard Löwenherz, um nur ein paar zu nennen. Weniger große Könige tragen dann meist weniger klingende Namen oder werden überhaupt nur mit Ihrem Namen und ihrer Zahl genannt. Nur ganz wenige Könige schaffen es aber, sich in ihrem Leben einen dermaßen schlechten Ruf zuzulegen, dass ihr Rufname wenig mehr als eine direkte Beleidigung ist. Über genau so einen König reden wir heute. 

Ohneland, „das meinen sie doch sicher nett, oder?“

Johann I von England war beileibe kein sonderlich begabter Herrscher. Doch ohne überhaupt erst in Details zu gehen, ist hier der Name schon Programm. Für seinen im Deutschen geläufigsten Namen Johann Ohneland kann er allerdings nichts. Er bezieht sich darauf, dass Johann als viertgeborener Sohn schlicht wenig Chance auf Landbesitz hatte, im Englischen nannte man ihn entsprechend John Lackland. Doch ist das noch der netteste seiner Beinamen. Johanns wiederholte Niederlagen auf dem Feld brachten ihm später den Namen John Softsword ein. Am häufigsten nennt man ihn aber schlicht John the Bad. Nicht gerade ein beneidenswerter Spitzname.

Und ganz zu Unrecht trägt Johann keinen dieser Namen. Als Ohneland kam er auf die Welt und nach knapp 15 Jahren an der Herrschaft standen er und sein Staat wieder ohne Land da. Oder zumindest mit sehr viel weniger Land. Seine nur etwas über fünfzehnjährige Regierungszeit kann man mit „bad“ auch ganz gut zusammenfassen. Aber was macht ihn denn so schlecht? Dass er die Normandie verloren hat und damit Englands „ersten Brexit“ verantwortet? Naja, das ist doch zumindest ein Anfang!

Johann, der David Cameron des 13. Jahrhunderts

Johann kam im Jahr 1166 zur Welt. Genau 100 Jahre also, nachdem Wilhelm der Eroberer und seine Normannen England erobert und damit das Englisch-Normannische Doppelreich begründet haben. Obwohl die Normannen, wie der Name schon sagt, ursprünglich von Wikingern abstammten, waren sie zu der Zeit quasi kulturelle Franzosen und hatten ihre Basis eben in der nach ihnen benannten Normandie. So wurde in Johanns Zeit in der Londoner Upper Class fast ausschließlich Französisch gesprochen. Sein Beiname war damals auch vielmehr Sans-Terre als Lackland.

Johanns Vater Heinrich II und Bruder Richard Löwenherz vererbten ihm schließlich auch zahlreiche Ländereien in Frankreich. Neben dem Stammland der Familie, der Normandie, gehörten dazu im späten 12. Jahrhundert Anjou, Maine, Poitou, Aquitanien und noch einige andere französische Landstriche, die keiner so wirklich einordnen kann. Von England und der Normandie aus erstreckte sich der Besitz über die gesamte französische Atlantikküste bis nach Bordeaux und die Pyrenäen im Süden. 

Am Ende von Johanns Herrschaft gehörten seinen Nachfolgern gerade noch ein paar Fleckchen Land in Südwestfrankreich. Und auch dafür mussten sie dem französischen König als Lehnsherr huldigen. Auch wenn diese letzten Ländereien erst nach dem Hunderjährigen Krieg endgültig an Frankreich verloren gehen sollten, ist die Blütezeit Englands am Kontinent mit Johann ein für alle Mal vorbei. Von diesem Zeitpunkt an waren die Könige Englands nur noch das – Könige Englands. Keine Herzöge der Normandie mehr. Auch keine Grafen von Anjou. Stattdessen sollte später der englische Sonderweg folgen. Ein „Truly global Britain“ quasi, wie es Theresa May im Fall des heutigen Brexit wohl nennen würde.

1202, als man sich vor Franzosen noch fürchten musste

Das Dilemma begann für Johann schon kurz nach seiner Thronbesteigung 1199. Er übernahm die Krone von seinem Bruder Richard Löwenherz, was von den Adeligen in England soweit auch akzeptiert wurde. In Frankreich war die Sache aber etwas problematischer. Die Besitzungen dort waren nämlich Lehen des französischen Königs Philipp (der am Tod Richards jetzt nicht gerade unbeteiligt war, sollte man erwähnen). Drei Jahre später griff dieser dann auch gleich die Normandie an, um sich diese Länder zu sichern. Andere unzufriedene Adelige in den südlicheren französischen Ländern Johanns rebellierten mit und sogar Johanns eigener Neffe, Arthur von der Bretagne, schlug sich auf Seiten Philipps.

Johann konnte im Süden zwar einige Siege erringen, in der Normandie sah es aber zunehmend trist aus. Anfang 1204 fiel die als unbezwingbar geltende normannische Festung Gaillard. Die Hauptstadt Ruen folgte wenige Monate später. Die Adeligen in den englisch kontrollierten Teilen Frankreichs wechselten daraufhin schneller die Seiten als Theresa May nach dem Brexit Votum, was die Lage für Johann auch nicht gerade vereinfachte. Nach dem Krieg 1204 blieben ihm schlussendlich nur noch einige Länder um die Stadt Bordeaux erhalten. Aber das war doch immerhin ein moralischer Sieg. Wenn nach dem Brexit erst mal wieder Zölle eingeführt werden, werden sich die heutigen Engländer noch wünschen, Wein aus Bordeaux wäre kein Importprodukt.

Aus Johann Ohneland wird John the Bad

Wirklich bad läuft es für Johann aber erst nach dieser Niederlage. Ein Jahr nach dem Sieg Frankreichs zog er sein englisches Feudalheer in Portsmouth zusammen, um zum Gegenangriff anzusetzen. Unglücklicherweise für ihn hatten die englischen Adeligen inzwischen aber gehörig die Nase voll. Einer nach dem anderen erfanden sie Ausreden, um ihm nicht nach Frankreich zu folgen. Schlussendlich musste Johann alleine mit einem Haufen Söldnern übersetzen und wenig überraschend bereits ein paar Wochen später kapitulieren. Im Jahr darauf schaffte er es zwar noch einmal, ein paar Barone zum Angriff auf Südfrankreich zu überzeugen und war damit sogar einigermaßen erfolgreich. Viel an der Lage ändern konnte das alles aber nicht mehr.

Nach einem letzten, ganz ähnlich verlaufenden Rückeroberungsversuch 1214 hatten die englischen Adeligen dann endgültig genug. Kriege kosten Geld und es war jetzt ja nicht gerade so, dass erst Johann mit dem ständigen Kriegeführen angefangen hätte. Schon unter seinem Vater und Bruder war England fast pausenlos im Krieg. Richard zog dann auch noch in den Kreuzzug und schaffte es am Rückweg zu allem Überfluss noch, in Österreich gefangen genommen zu werden (ausgerechnet in Wien Erdberg, schlimmer kann man es kaum treffen). Die Lösegeldforderung der Österreicher war schließlich so gigantisch, dass sie ausreichte, die gesamte Festung Wiener Neustadt zu bauen. Zahlen durften das alles die Adeligen in England.

Erster Brexit: ein voller Erfolg

Nach wiederholten und erfolglosen Rückeroberungsversuchen der französischen Besitzungen war das Fass dann eben irgendwann voll. Die englischen Adeligen weigerten sich, weiteres Geld zur Verfügung zu stellen und zwangen Johann schlussendlich sogar dazu, ihre politischen Rechte schriftlich zu bestätigen. Das Dokument, das diese Rechte sichern sollte, war die Magna Carta und sollte zur Grundlage des englischen Rechtsstaats werden. Die katastrophale Niederlage in Frankreich und die Vertreibung Englands aus Europa führte damit zumindest zu bedeutenden Veränderung im Inneren. Es bleibt offen, ob der zweite Brexit das auch schaffen wird. 

Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Jedem, der noch an mehr englischer Geschichte wie dieser interessiert ist, sich aber nicht unnötig mit akademischem (aka furchtbar langweiligem) Kram auseinandersetzen will, möchte ich bei der Gelegenheit noch das Buch An utterly impartial history of Britain or 2000 years of upper class idiots in charge von John O’Farrell ans Herz legen. Für nicht mal 10€ bekommt man hier eine fast 600 seitige, beißend ironische und wunderbar unterhaltsame Geschichte Englands serviert. Unten findet ihr den Link zum Buch. Mit dem Kauf tut ihr auch gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent.

 

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