Warum wir uns mit Geschichte beschäftigen sollten

Déjà-vu: ein Geschichte Blog

Geschichte wiederholt sich. Diese Aussage ist so bekannt, wie sie falsch ist. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, wie sollte sie denn auch? Jede Zeit hat ihre eigenen Rahmenbedingungen und Probleme. Die Tatsache, dass in allen Epochen Menschen in Kriegen oder Epidemien sterben, bedeutet eben nicht, dass sich Geschichte wiederholt. Kriege und Epidemien sind schlicht und ergreifend die Geschichte!

Trotzdem kennt jeder von uns diesen Gedanken: „das kommt mir doch irgendwie bekannt vor“. Fast täglich passiert etwas in der Welt, das in uns so ein Déjà-vu auslöst. Finanzkrisen, Migrationsströme, extreme Politik. All das ist gefühlt schon mal da gewesen. Und auch wenn sich deshalb die Geschichte eben nicht wiederholt, ist es doch wichtig, sich solche Ähnlichkeiten und Zusammenhänge genauer anzuschauen. Genau das soll dieser Blog tun.

Aus der Geschichte lernen?

Doch warum das Ganze? Hat uns die Geschichte nicht gelehrt, dass wir unfähig sind, aus ihr zu lernen? Schaut man sich in der Welt um, kann man ja kaum zu einer anderen Schlussfolgerung kommen. Wir wissen alles über die Weltwirtschaftskrise von 1929, trotzdem erlebten wir in den letzten 20 Jahren gleich zwei ähnliche Finanzkrisen. Griechenland war in den letzten 200 Jahren regelmäßig alle paar Jahrzehnte bankrott. Ein Mittel dagegen wurde offensichtlich bis heute nicht gefunden. Populistische Politiker mit unglaubwürdigen Versprechungen wurden im 20. Jahrhundert von Europa bis Lateinamerika überall gewählt und scheiterten überall dramatisch. Trotzdem ist Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten.

Lernen aus der Geschichte tun wir also nicht. Oder zumindest nicht erfolgreich. Dennoch haben diese Déjà-vu Momente etwas für sich. Sie erinnern uns daran, dass wir heute nicht vor vollkommen neuen Problemen stehen. Für liberal denkende Menschen überall auf der Welt mag die Wahl Donald Trumps ein Desaster sein. Da ist es doch zumindest schön, zu sehen, dass es ähnliche Desaster auch früher gab. Und wir leben immer noch.

Es könnte alles viel schlimmer sein

Ein Blick zurück hilft uns dabei, unsere Lage etwas realistischer einzuschätzen. Die oben genannten Beispiele verdeutlichen das. Die Weltwirtschaftskrise 1929 hat uns vielleicht nicht gelehrt, keine ähnlichen Krisen mehr zu verursachen. Doch damals setzte eine Krise die westliche Welt über Nacht um Jahrzehnte zurück und führte in Europa zu nie dagewesenem politischen Extremismus. Das tun Krisen zwar auch heute noch, ganz für einen neuen Hitler reicht es dann aber doch nicht. Ging Griechenland im 19. Jahrhundert pleite, bedeutete das für viele Griechen Hungersnöte und Tod. Heute wandern sie nach Irland aus und arbeiten in einem Pub. Wurden populistische Politiker vor 80 Jahren gewählt, hieß das Gulag und KZ. Heute heißt das verwirrende Tweets und dumme Forderungen nach Solar-Mauern. (ich vereinfache hier)

Die Moral von der Geschicht, könnte man also sagen: heute haben wir es doch um vieles besser als noch vor einigen Jahrzehnten. Auch diese Realisierung soll dieser Blog regelmäßig erneuern. Wie in allen Zeiten glauben viele Menschen auch heute, in der schlechtesten aller Zeiten zu leben. Das ist nüchtern betrachtet reiner Unsinn. Im historischen Kontext ist es vielmehr schon fast eine Beleidigung der Opfer der Vergangenheit, wenn Donald Trump für das Feuern eines FBI Direktors als Faschist bezeichnet wird. Trumps Präsidentschaft ist schlimm. Es gab aber doch schon deutlich Schlimmeres.

Make History Great Again

Geschichte kann uns also nicht die Zukunft vorhersagen und ist auch kein Spiegelbild der Gegenwart. Trotzdem ist sie extrem wichtig. Ein besseres historisches Verständnis hilft uns, die Gegenwart besser zu verstehen. Historische Parallelen zu heutigen Ereignissen geben uns Hinweise darauf, wie sich solche Ereignisse entwickeln können. Sie sagen uns nicht, wie sie sich konkret entwickeln werden, aber das kann man auch nicht verlangen. Wäre ja auch furchtbar langweilig.

Das öffentliche Interesse an Geschichte nimmt auch glücklicherweise nicht ab. Historische Romane gehören seit Jahren zu den meistverkauften Literaturgenres. Bücher wie Game of Thrones wurden zu Geschichten einer Generation und zur erfolgreichsten Fernsehserie seit vielen Jahren. Leider sind diese Bücher und Serien zwar historisch angehaucht, echte Geschichte sind sie aber natürlich nicht. Währenddessen hat es die „echte“ Geschichtswissenschaft offensichtlich vollbracht, die Menschen abzuschrecken. Dabei war die Geschichte doch seit jeher eine der zugänglichsten Geisteswissenschaften überhaupt! Aber vielleicht sehen wir auch hier wieder nur einen Trend. News werden zu Fake News. History wird zu Fake History. 

Der Sinn eines Geschichte Blogs

Es gibt also gute Gründe, einen Blog über Geschichte zu schreiben. Geschichte wiederholt sich nicht, kann uns aber Perspektive auf die Gegenwart geben. Wir lernen nicht aus der Geschichte, sollten es aber, wir beschweren uns über die Gegenwart, ohne einen Vergleichswert zu haben und wir schätzen Historie, finden echte Geschichtswissenschaft aber etwas öde. Da macht es doch Sinn, sich der Materie mal unvoreingenommen zu nähern. Wäre es jetzt 2005, würde man sofort rufen: „das verlangt doch nach einem Blog!“ 2017 ist die Sache etwas anders, aber ich bin nun mal Historiker. Wer kann schon von Historikern erwarten, immer am Puls der Zeit zu sein?

Auf diesem Blog möchte ich daher von nun an alle zwei Wochen einen Blick in die Geschichte werfen. „Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor“ – genau dieses Gefühl soll der Ausgangspunkt sein. Ich möchte aktuelle politische Ereignisse herauspicken und ihre historischen Verwandten etwas beleuchten. Müssen wir uns wirklich Sorgen um den Kollaps der Weltwirtschaft machen? Wie war das früher mit Flüchtlingskrisen? War die Jugend schon immer so verdorben? Haben wir diesen Brexit nicht auch schon mal gesehen? Und die Sache mit der schottischen Unabhängigkeit? Stoff gibt es genügend.

Und wenn wir schon nichts aus diesen Geschichten lernen, sie uns auch nichts grundlegend Neues über die heutigen Zustände verraten, so können wir uns danach zumindest zurücklehnen und sagen: „so schlimm ist das gar nicht. Das haben wir doch alles schon mal gesehen“. Ob das dann Fake History ist oder nicht, ist schließlich euch, den Lesern, überlassen.

Ralf Grabuschnig

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