Stephan Báthory und die Mär von zwei guten Freunden

Stephan Báthory in Pskov
Stephan Báthory empfängt die Würdigungen des russischen Bojaren von Pskow.

Polak, Węgier — dwa bratanki,
i do szabli, i do szklanki,
oba zuchy, oba żwawi,
niech im Pan Bóg błogosławi.

Lengyel, magyar – két jó barát,
Együtt harcol s issza borát,
Vitéz s bátor mindkettője,
Áldás szálljon mindkettőre.

Pole, Ungar – zwei gute Freunde,
zusammen kämpfen sie und trinken Wein,
beide tapfer, beide mutig,
 Segen sei mit ihnen.

 

Eine eigenartige Freundschaft

Dieses alte Gedicht formt die Basis einer eigenartigen Freundschaft. Fragt man nämlich in Ungarn Leute auf der Straße, welches Land denn ihr wichtigster Verbündeter sei, bekommt man fast immer dieselbe Antwort: Polen. Jahrhundertelang waren sie Nachbarn und Partner, nie hätten sie Krieg geführt. Geschichte, Tradition und Kultur verbinden sie. Und so weiter und so fort. So weit die Geschichte. In Polen ist die Lage wie man hört nicht viel anders und wenn man sich die beiden Länder heute so ansieht, scheinen sie sich tatsächlich näher denn je. Aber woher kommt das?

In einer Sache sind sich scheinbar alle einig: die Freundschaft zwischen Polen und Ungarn ist alt, zeitlos sozusagen. Das oben zitierte Gedicht geht angeblich sogar bis ins Mittelalter zurück. Damals, im 14. Jahrhundert, regierte für eine Zeit lang der ungarische König Ludwig I. beide Länder in Personalunion. Nun gut, das ist jetzt erstmal nicht so aufregend. Da gab es schon länger währende Unionen, die weniger Spuren hinterlassen haben. Oder wann hat man zuletzt von der ach so engen Verbindung zwischen Österreich und Spanien gehört? „Ach damals und Karl V., wisst ihr noch? Sind wir nicht gute Freunde!“ Eben. Andere oft zitierte Anknüpfungspunkte für die polnisch-ungarische Freundschaft sind das Revolutionsjahr 1848/49, als der Pole Józef Bem auf ungarischer Seite gegen Habsburg kämpfte. Oder 1939, als Ungarn trotz seines Bündnisses mit Nazi-Deutschland tausende polnische Flüchtlinge aufnahm. Oder 1956, als sich dasselbe unter umgedrehten Vorzeichen wiederholte. 

Ganz besonders oft erwähnt wird dabei aber ein Mann: Stephan Báthory. Der schaffte es im 16. Jahrhundert, vom Fürsten des kleinen Siebenbürgen (von Sultans Gnaden, sollte man dazusagen) zum mächtigen König Polen-Litauens aufzusteigen. Keine schlechte Story. Vielleicht kann die ja etwas Licht ins Dunkel der polnisch-ungarischen Freundschaft bringen?

Gar nicht so schlecht für einen Siebenbürger

Dass dieser Stephan Báthory es so weit bringen sollte, war dabei überhaupt nicht vorhersehbar. Er wurde 1533 geboren, in der weithin bekannten Weltstadt Szilágysomlyó in Siebenbürgen. Ja genau dieses Szilágysomlyó. Sein Vater, ebenfalls ein Stephan Báthory – man erwarte nicht zu viel Kreativität – gehörte der ungarischen Adelsschicht des Landes an, jedoch fiel Stephans Geburt in eine für diesen Adel eigenartige Zeit. Sieben Jahre zuvor hatte sich der Siebenbürger Fürst Johann Zapolya auf die Seite der Osmanen gestellt, die das ungarische Königreich bei Mohács vernichtend schlugen. Eigentlich hatte Zapolya sich dadurch ja Hoffnungen auf die ungarische Krone gemacht, blöderweise dachte sich Ferdinand von Österreich das aber auch und marschierte in Ungarn ein. Am Ende wurde das Land geteilt, Zapolya musste sich mit dem kleinen Siebenbürgen begnügen, Ferdinand erhielt einen Teil Nord- und Westungarns und der Rest blieb unter osmanischer Kontrolle. Zapolyas Siebenbürgen blieb ein Vasall des Osmanischen Reichs. Da hat sich der Aufwand ja wenigstens gelohnt…

Stephan Báthory sollte schon früh in der Politik der Zeit mitmischen. In den 1550er-Jahren kämpfte er erstmals auf Seiten Österreichs gegen die Osmanen. Als er dann aber gefangen genommen wurde und Ferdinand sich schlichtweg weigerte, seine Kaution zu bezahlen, dämmerte es Stephan, dass ein Seitenwechsel vielleicht nicht die dümmste Idee war. Übertriebene Höflichkeit konnte man Ferdinand ja tatsächlich nicht vorwerfen. Also schloss Stephan sich Johann Zapolya an und konnte sich nach dessen Tod 1571 als Nachfolger in Siebenbürgen durchsetzen. Gar nicht mal so schlecht dieser Karrieresprung. Aber andererseits: so toll war das Dasein als Herrscher über ein paar östliche Wiesen und Wälder von Sultans Gnaden dann auch wieder nicht. 

König gesucht! (*es gelten die AGB)

Doch Stephan sollte Glück haben. Zur selben Zeit starb nämlich in Polen (seit kurzem ja eigentlich Polen-Litauen aber wollen wir mal nicht so genau sein) König Sigismund, ohne Erben zu hinterlassen. Nun war Polen eine Adelsrepublik. Die Adeligen des Landes konnten also einen neuen König wählen und das konnte – wie wir schnell erkennen werden – wirklich jeder sein. Nach Sigismunds Tod wählten sie zuerst den Bourbonen Heinrich. Nur stieg der schon im Jahr darauf zum französischen König auf, was ihm verständlicherweise lieber war, als in Krakau zu vergammeln, und er kehrte nach Paris zurück. Einige polnische Adelige wollten daraufhin gar Kaiser Maximilian II. von Österreich zum König machen, was aber auch nicht überall so gut ankam. Am Ende fand man einen Kompromiss: die Schwester des alten Sigismund, Anna, sollte Königin werden und einen gleichgestellten König als Ehemann zur Seite gestellt bekommen. Wie auch immer er diesen Trick vollzog: Stephan Báthory wurde zu diesem König bestimmt.

Das ergab dann doch eine reichlich merkwürdige Konstellation. Mit Anna hatte Polen zwar eine „polnische“, das heißt jagiellonische Königin. An ihrer Seite stand aber, ihr gleichberechtigt als gekrönter König, Stephan Báthory, ein ungarischer Adeliger aus dem kleinen Siebenbürgen. Am Ende war das aber relativ egal, denn wie Stephan bald lernen sollte, galten bei der polnischen Krone immer die AGBs. Und die bestimmte der Adel. Hätte er vielleicht doch das Kleingedruckte lesen sollen…

Stephan Báthory als polnischer König

Wollte man als polnischer König nämlich irgendetwas, zahlte das natürlich zumeist der Adel. Blöd nur, dass der anders als in absolutistischen Staaten dafür auch Forderungen stellte. Um Steuern zu erhöhen und die Armee zu reformieren, musste Stephan beispielsweise öffentliche Gerichte zulassen, die seine Autorität deutlich einschränkten. Auch sein „außen“-politisches Hauptanliegen, Ungarn von der osmanischen Herrschaft zu befreien, scheiterte zumindest zum Teil am fehlenden Zahlungswillen von Seiten des Adels. Zum anderen Teil scheiterte es natürlich an der osmanischen Übermacht zu der Zeit, aber das wollen wir dem guten Stephan mal nicht vorwerfen.

In Polen wurde Stephan dennoch bald für seine militärischen Erfolge an anderen Fronten gefeiert. Das ist einigermaßen interessant, da er eigentlich keine militärischen Erfolge vorzuweisen hatte. Schon nach seiner Wahl forderte die Hansestadt Danzig Privilegien, bevor sie ihn anerkannte. Stephan belagerte die Stadt daraufhin gleich zwei Mal, musste beide Male erfolglos abziehen und letztendlich die gewünschten Privilegien bestätigen. Eine österreichisch-russische Invasion konnte er ebenfalls nur mit viel Glück umgehen, da Maximilian, der nach seiner Fast-Ernennung zum polnischen König Blut geleckt hatte, schlicht kurz vor dem geplanten Einmarsch starb. Einige Jahre später kam es dann schließlich zum Krieg mit dem Zarenreich, den Stephan zwar mit einem für ihn vorteilhaften Waffenstillstand beenden konnte. Schön und gut. Aber es war halt immer noch nur ein Waffenstillstand.

In seiner späteren Herrschaftszeit sollte Stephan dann mit der Hinrichtung eines hohen polnischen Adeligen noch einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, der die Beziehungen der zukünftigen polnischen Könige mit dem Adel auf Generationen belastete. Dem Báthory war das allerdings schon egal. Der starb zwei Jahre darauf heldenhaft an einem Schlaganfall.

Polen und Ungarn: wirklich so gute Freunde?

Stephan hinterließ keinen Erben. Nach seinem Tod wählte der polnische Adel erst mal den Habsburger Maximilian III. zum König. Tradition ist nun mal Tradition. Ebenfalls in guter Tradition wurde das dann natürlich angefochten, diesmal vom schwedischen König Sigismund, der sich auch durchsetzen konnte. Ja, damals war Schweden plötzlich eine ernstzunehmende Großmacht, aber dazu vielleicht mehr ein anderes Mal.

Warum diese Geschichte um Stephan Báthory nun aber die Freundschaft zwischen Polen und Ungarn bekräftigen soll, ist indes unklar. Báthory sah Siebenbürgen und Polen strikt als zwei getrennte Herrschaftsbereiche an. Der polnische Adel war auch von seinen außenpolitischen Ideen für Ungarn alles andere als begeistert und Stephan hinterließ dann auch keinen „ungarischen“ Erben. Die polnische Krone ging nach seinem Tod stattdessen an einen Schweden. Im Endeffekt ist die polnisch-ungarische Freundschaft also wohl einfach eine Geschichte, die man sich eben seit Jahren erzählt. Und wie man weiß: erzählt man sich eine Geschichte lange genug, glaubt man sie auch irgendwann. Dazu braucht man allerdings keinen Ludwig, keinen Józef Bem und keinen Adolf Hitler. Einen Stephan Báthory braucht man ebenso wenig. Und dass sich heute ein Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński gut verstehen, hat dementsprechend wenig mit Geschichte zu tun, egal wie sehr sie das behaupten.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Zum Schluss empfehle ich wie immer noch etwas Lektüre zum Thema. Dazu nehme ich einfach mal den Band eines Bekannten, den man mir auch in der Studienzeit schon aufs Auge drückte, „Geschichte Ostmitteleuropas – Ein Abriss“. Weil es einfach wirklich nicht schaden kann, etwas mehr über die Geschichte seines geografischen Umfelds zu wissen. Aber eben nicht zu viel. Ein Abriss eben. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!

 

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