Die schmutzige US-Präsidentschaftswahl 1800

Donald Trump und Thomas Jefferson verbindet nicht viel. Was blutige Wahlkämpfe betrifft, kann Trump aber noch viel von Jefferson lernen.
Trumps Wahl 2016 war bei weitem nicht der schmutzigste US-Wahlkampf der Geschichte. Den gab es schon vor über 200 Jahren.

„Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten“ schrieb die Süddeutsche Zeitung wenige Tage nach der Wahl Donald Trumps. Die FAZ beschrieb den US-Wahlkampf als „außergewöhnlich schmutzig“ und überhaupt sind sich auf unserer Seite des Atlantiks alle einig, dass sowieso das steinzeitliche amerikanische Wahlsystem an allem schuld ist. Und das ist ja auch alles wahr. Aber war die Wahl 2016 wirklich so außergewöhnlich schmutzig und nie dagewesen? Nein, das war sie nicht! Mit sowas kennen sie die Amerikaner schon etwas länger aus.

Auch die Founding Fathers waren keine Heiligen

Eine ganz besonders schmutzige Wahl erlebten die USA gleich in ihrer frühen Kindheit, als im Jahr 1800 der amtierende Präsident John Adams von seinem Vize Thomas Jefferson herausgefordert wurde. Adams trat in dem Jahr als Mitglied der ersten quasi-Partei der USA, der Föderalisten, zur Wiederwahl an. Quasi weil es zu der Zeit noch keine richtigen Parteistrukturen und Hierarchien gab. Föderalisten weil… ja, gute Frage. Die waren eigentlich ziemlich zentralistisch aber ich unterstelle mal: andere Zeiten, andere Sitten? Adams Gegenkandidat Thomas Jefferson trat jedenfalls für die Demokratischen Republikaner an. Wie der Name schon sagt,  ist das die Gruppierung, aus der irgendwann die heutigen zwei großen US-Parteien hervorgehen sollten. Diese Gruppierung war dann tatsächlich föderalistisch und trat für mehr Staatsrechte ein.

Dieselben zwei Kandidaten traten übrigens auch vier Jahre zuvor schon gegeneinander an, was John Adams eben gewann. Man sieht also, die politische Inzucht hat in Amerika schon vor den Kennedys, Bushes und Clintons Tradition. Und obwohl die Wahl 1800 inzwischen über 200 Jahre her ist, kommt sie einem in vielen anderen Punkten doch auffallend bekannt vor. Die Wahl war schmutzig, die Bevölkerung war gespalten und die Kandidaten sprachen die tiefsten Instinkte der Menschen an.

In schmutzigen Kampagnen haben die Amerikaner Erfahrung

Heute regen wir uns ja bekanntlich über Trump-Aussagen wie „bad hombre“ oder „nasty woman“ auf. Aber im Vergleich zum Wahlkampf 1800 und den Attacken von Jefferson und Adams ist das alles fast lächerlich. Im Laufe des Wahlkampfs nannte Jefferson seinen Gegner einmal schlicht einen „scheußlichen, zwitterartigen Menschen, der weder die Kraft und Entschlossenheit eines Mannes, noch die Sanftheit und Sensibilität einer Frau besitzt“ (a “hideous hermaphroditical character who has neither the force nor firmness of a man, nor the gentleness and sensibility of a woman”). Adams schoss zurück und bezeichnete Jefferson als „kleinlichen, niederen Sohn einer Halbindianerin, gezeugt von einem Mulatten“ (a „mean spirited, low-lived … son of a half-breed Indian squaw sired by a Virginia mulatto father“). Da merkt man wieder mal: Zivilisation braucht eben Zeit. Wir sollten noch zwei Jahrhunderte warten müssen, bis wir so niveauvolle Angriffe wie „Lyin‘ Ted“ zu hören bekommen.

Auch Verschwörungstheorien und Fake News waren im Jahr 1800 nicht ganz unbekannt. Die Föderalisten hinter Adams streuten damals sogar das Gerücht, Thomas Jefferson sei chronisch krank oder sogar kürzlich verstorben! Ach, was waren das noch für Zeiten, als man einfach mal so behaupten konnte, jemand wäre tot, und niemand konnte es überprüfen. Wobei… Paul McCartney würde mir dabei wohl nicht ganz zustimmen.

Polarisierung gehört zu US-Wahlen einfach dazu

Die Tatsache, dass die Föderalisten und Demokratischen Republikaner noch keine richtigen Parteien waren, bedeutet übrigens nicht, dass das Land 1800 nicht gespalten gewesen wäre. Das war es allerdings. Und zwar anständig! Erstmal gab es auch damals schon die bekannten Nord-Süd-Streitigkeiten, die die USA noch lange prägen sollten. Jefferson bzw. die Demokratischen Republikaner gewannen die Wahl letztendlich auch nur mit den Stimmen der Südstaaten. Und auch das nur, weil die Sklaven dort als 3/5 eines Einwohners gezählt wurden und somit den Staaten mehr Gewicht gaben. Und da regen sich Afroamerikaner noch auf. Es wurde doch so viel für sie getan…

Auch die Themen der Zeit sollten uns bekannt vorkommen. Die Föderalisten standen für Zentralisierung (wie gesagt, in der Namenswahl waren sie etwas unglücklich), Freihandel und engere Verbindungen zu England. Die Demokratischen Republikaner dagegen waren für mehr Rechte für die Staaten, traten für Protektionismus nach Außen ein und unterstützten das napoleonische Frankreich. Die Föderalisten waren übrigens auch „tough on migration“, die Demokratischen Republikaner dagegen sprachen aktiv Migranten an. Allerdings weiße, englische, protestantische Migranten, bevor wir jetzt Freudensprünge machen und Jefferson zum Martin Luther King des 18. Jahrhunderts erklären.

Wer das US-Wahlsystem heute reformbedürftig findet: das ist schon die Reform!

Nachdem die Demokratischen Republikaner die Wahl mithilfe der Südstaaten dann gewonnen hatten, ging der Kampf aber erst richtig los. Für die Partei trat nämlich nicht nur Jefferson an, sondern er hatte natürlich einen Running Mate als Kandidat für das Vizepräsidenten-Amt. Das war ein netter Mann namens Aaron Burr aus New York. Wahlmänner im Electoral College durften damals noch je zwei Stimmen für den Präsidenten ihrer Wahl abgeben und keine getrennte für den Vize. Der Erstgereihte wurde dann automatisch Präsident, der Zweitgereihte Vizepräsident.

Die Demokratisch-Republikanischen Wahlmänner wollten nun also eigentlich all ihre Stimmen Jefferson und Burr geben. Nur einer von ihnen sollte sich seiner Zweitstimme enthalten und damit Jefferson an erste und Burr an zweite Stelle reihen. Dummerweise hat der das Memo wohl nicht erhalten. Oder es war ihm einfach egal. Auf alle Fälle erhielten sowohl Jefferson als auch Burr 73 Stimmen, John Adams 64. Und bei einem solchen Unentschieden entscheidet in den USA – bis heute übrigens – das Unterhaus des Parlaments über den Sieger.

Das neue Parlament, welches in dieser Wahl gewählt wurde, trat sein Mandat aber erst einige Monate später an. Also musste sich das alte Parlament mit seiner föderalistischen Mehrheit mit der Präsidentenwahl befassen. Und viele Föderalisten hassten Jefferson aus tiefstem Herzen. Er war für sie ein schlimmeres Feindbild als Trump für die liberalen Öko Hipster im heutigen Brooklyn. Sie hassten ihn sogar noch mehr, als die Brooklyner Öko Hipster Gangschaltungen auf ihren Fahrrädern hassen. Und daher wählten viele Föderalisten eben Aaron Burr, wodurch weder Jefferson noch Burr die notwendige Zustimmung aus neun Bundesstaaten erreichten und erneut abgestimmt werden musste. Und dann noch einmal. Und dann noch einmal. Schlussendlich, nach 35 (!) Runden, gewann dann doch Jefferson und wurde damit zum dritten Präsidenten der USA. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber da ist mir ein kleines Neuauszählen in Florida noch immer lieber.

Und Trump ist trotzdem schlimmer

Nach einem zerstörerischen Wahlkampf mit tiefen persönlichen Angriffen, einem Unentschieden zwischen Parteifreunden und 36 Abstimmungsrunden im Kongress wurde Jefferson 1801 also zum dritten Präsidenten der USA. In seiner Antrittsrede sagte er dann berühmterweise, „wir sind alle Republikaner, wir sind alle Föderalisten“ und versuchte damit, das Land wieder zu einen. Genau das hat Donald Trump nach sechs Monaten im Amt noch immer nicht gemacht. Er hat in diesen sechs Monaten auch sonst nicht viel gemacht. Aja, und Pussygrabber war Jefferson übrigens auch keiner. Aber das nur so am Rande.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Für alle, die jetzt doch etwas mehr über die amerikanische Geschichte erfahren möchten, habe ich auch noch zwei Büchertipps. Für die ernsthafte (aber dafür angenehm kurze) Lektüre kann ich nur den Geschichte der USA Band der C.H. Beck Reihe empfehlen. Die 9 € sind top investiert und schon nach ein, zwei Stunden Lesezeit kann man seine Überlegenheitsgefühle gegenüber den Amis endlich auch historisch untermauern!

Für einen unterhaltsameren Blick auf Amerika gäbe es da dann noch den Klassiker von Stephen Colbert, I Am America (And So Can You!). Ein bösartig ironischer Blick in die Seele Amerikas. Oder zumindest wie Liberale sich diese böse Seele vorstellen. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!

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