Flüchtlinge! Die Hugenotten kommen

Hugenotten auf der Flucht. Hier zu sehen: Einzug in Brandenburg.
Hugenotten auf der Flucht. Flüchtlingskrisen gab es eben schon immer.

Es gibt viele Gründe, sein Land zu verlassen. Beispiele wären bessere Berufschancen, eine günstigere Ausbildung oder einfach nettere Menschen (für einen Österreicher weit oben auf der Liste). Aber leider sind bekanntlich nicht alle Umzüge freiwillig. Nicht alle im Ausland lebenden Menschen nennen sich stolz „Expat“, treten English Drama Classes bei und hängen mit Ihresgleichen in Irish Pubs ab. Es gibt da nämlich noch den weniger beliebten Schwesterbegriff zum Expat: den Flüchtling. Um eine Flüchtlingsgruppe, die in Europa Spuren hinterlassen hat, wie kaum eine andere, soll’s heute gehen. Die Hugenotten.

Die Huge… wer bitte?

Die Hugenotten waren etwas, das man sich im heutigen Frankreich kaum noch vorstellen kann: Protestanten. Und der Grund, dass kein Mensch heute noch Protestantismus mit Frankreich verbindet, ist ein erwartungsgemäß grausiger. Dabei fing alles so wunderbar zivilisiert an. Es war ja bekanntlich im Jahr 1517 – das 500-Jahr Jubiläum könnte dem ein oder anderen aufgefallen sein – als Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür in Wittenberg donnerte. Was er damit anstoßen sollte, war ihm wohl selbst nicht ganz bewusst. Denn seine revolutionären Ideen fielen auf überraschend fruchtbaren Boden und das nicht nur in Deutschland. Ich meine, klar, ein paar Nörgler gab es auch damals schon. „Wie jetzt? Ich soll jetzt auch noch selbst die Bibel lesen?“ ist ein Satz, den man in den 1520ern öfter mal gehört haben dürfte. 

Jedenfalls war Luther auch in Frankreich kein Unbekannter. In Paris gab es auch zu der Zeit schon einige großköpfige Philosophen. So befand sich damals Erasmus von Rotterdam dort, oder auch Jacques Lefèvre, die schnell begannen, sich mit Luthers Ideen auseinanderzusetzen. Sogar der damalige französische König Franz I war der Idee gar nicht so abgeneigt. Der hatte sich zuvor sowieso schon in den Kopf gesetzt, die Kirche als quasi-Ersatzbürokratie für den Staat zu missbrauchen. Wenn diese Kirche nun mehr Unabhängigkeit vom Rom bekommen sollte, warum soll das den lieben Franz stören? Somit konnten reformatorische Ideen in Frankreich schnell Fuß fassen. Nur leider sollte sich bald herausstellen, dass königliche Überzeugungen schnell zu ändern sind.

Wie war das mit der Inquisition nochmal? Keiner erwartet die….

Die Entwicklungen um die Reformation gerieten nämlich schneller außer Kontrolle als heutzutage ein  G20-Gipfel. Schon 1521 wurde Martin Luther vom Papst exkommuniziert. Das wäre für König Franz noch kein grundlegendes Problem gewesen, aber die Optik war schon mal nicht schön. Die katholische Kirche in Frankreich erwartete sich jetzt aber natürlich von ihrem König, dass der durchgreift. Und da diese Kirche wie gesagt die einzige brauchbare Bürokratie darstellte, die Franz im Land hatte, konnte er sich nicht ewig gegen solche Forderungen stellen. Und nun ja, so wichtig war es ihm wahrscheinlich auch nicht.

Auf jeden Fall wurden französische Protestanten und deren Sympathisanten im Laufe der 1520er-Jahre immer stärker unterdrückt und in den 30ern eskalierte die Lage dann endgültig. Nachdem Protestanten 1534 mehrere französische Städte mit anti-katholischen Plakaten zugepflastert hatten – jaja, sowas gab es auch damals schon – war das Fass dann voll. Im Jahr darauf gründete Franz die französische Inquisition unter dem klingenden Namen „Chambre ardente„, die „glühende Kammer“. Deren Mitglieder wurden großköpfig als „Spürhunde des Herrn“ bezeichnet und suchten infolge im ganzen Land nach „Ketzern“, um sie eines Besseren zu belehren. Wie man das halt tut. Mit Folter und so.

Im Laufe dieser Entwicklungen wurde auch Johannes Calvin aus Paris vertrieben, was sich als recht mittelmäßiger Schachzug herausstellen sollte. Der ging nämlich bekanntlich nach Genf und befeuerte das sich dort bildende Zentrum der Reformation. Direkt vor den Toren Frankreichs! Das Resultat kann sich sehen lassen. Trotz aller Unterdrückung bis hin zur Inquisition gab es bald in ganz Frankreich protestantische Gemeinden im Untergrund. Schnell sollte rund 10% der Bevölkerung Frankreichs reformiert sein.

Das königliche Frankreich zieht in den Krieg gegen die Hugenotten

Das Problem für König Franz und seinen Sohn, den späteren König Heinrich II, nahm mit der Zeit nur zu. Inzwischen hatten sich auch mehrere Adelige auf die Seite der Hugenotten geschlagen. In einzelnen französischen Ländern kam es zum offenen Krieg zwischen den beiden Seiten. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die Verfolgung dann 1572 in der sogenannten Bartholomäusnacht. In Paris wurden dabei führende französische Protestanten von königlichen Garden ermordet. In der Nacht kam es im ganzen Land zu Ausschreitungen und am Ende waren zigtausende Protestanten tot. 

Kleinere und größere Scharmützel folgten auch in den nächsten Jahren, bis dann 1598 mit dem Edikt von Nantes endlich eine Waffenruhe erreicht wurde. Den Protestanten wurden darin volle Bürgerrechte und religiöse Toleranz zugesichert , der Katholizismus wurde aber zugleich zur Staatsreligion Frankreichs. Das war im Grunde nichts als eine tickende Zeitbombe, die niemand anderer als Ludwig XIV, der Sonnenkönig, etwas später zünden sollte.

Nach einem knappen Jahrhundert relativen Friedens sollte der Machthunger der französischen Monarchen nämlich doch noch über die Vernunft siegen. 1685 hebt Ludwig XIV das Edikt von Nantes auf. Zu dem Zeitpunkt war die Zentralisierung Frankreichs schon so weit fortgeschritten, dass der Sonnenkönig Spaltungen wie diese anscheinend nicht mehr tolerieren konnte. Oder das ganze Bleipuder, das er sich in Versailles ins Gesicht patzte stieg ihm einfach zu Kopf. Diese Theorie ist zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen.

Und sowas nennt sich dann Flüchtlingskrise

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes war der Protestantismus in Frankreich quasi über Nacht wieder eine Straftat. Jeder, der offen als Hugenotte auftrat, musste mit Kerkerstrafen und Enteignung rechnen. In einigen Regionen leisteten die protestantischen Gemeinden zwar Widerstand, der wurde aber von Ludwig eiskalt niedergeschlagen. Der Rest, der sich weder „bekehren“ ließ, noch einen Aufstand anzettelte, wurde zumindest enteignet. Und das Resultat? Die größte Flüchtlingswelle der europäischen Neuzeit.

Um die 200.000 Hugenotten verließen Ende des 17. Jahrhunderts ihre Heimat, um in protestantische Nachbarländer zu ziehen. Die meisten gingen nach England, aber auch Deutschland, die Schweiz, die Niederlande und die nordamerikanischen Kolonien waren häufige Ziele. Und was hatte Ludwig von der Sache? Nicht sehr viel. Die Hugenotten zählten nämlich zur wohlhabendsten und gebildetsten Schicht Frankreichs. Ihr Abzug bedeutete einen Brain Drain sondergleichen. Plötzlich fehlten Frankreich zigtausende Fachkräfte und Steuereinnahmen in exorbitanter Höhe. Extreme Staatsverschuldung und zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit im Land sollten bald die Folge sein. Die Rechnung dafür zahlte leider nicht mehr Ludwig XIV sondern 100 Jahre später sein Nachfolger und Namensvetter Ludwig XVI. 

Dem Rest Europas nützte die Flüchtlingswelle aus Frankreich zugleich sehr. Sowohl in Preußen als auch in England spielten die Hugenotten und ihre Nachkommen in den folgenden Jahren eine ganz bedeutende Rolle. Sie und ihr Fachwissen waren in der Zukunft an zahlreichen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen beteiligt, etwa auch den ersten Schritten in Richtung Industrialisierung. Und wenn man sich die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gegebenheiten in Europa 150 Jahre später anschaut, kann man auch eigene Schlüsse ziehen.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Für die weitere Lektüre empfehle ich wie immer zwei Bücher. Als ernster aber kurzer Überblick über die Geschichte der Hugenotten kann man mit dem Band „Hugenottennicht viel falsch machen. Und wenn wir uns ehrlich sind: 120 Seiten müssen ja auch wirklich genügen. Als Alternative wäre da dann noch das Juwel „1000 Years of Annoying the French“, in dem sich der Engländer und Wahl-Franzose Stephen Clarke mit dem Englisch-Französischen Verhältnis auseinandersetzt. Brilliant! Und für 8€ macht man da nichts falsch. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!



 

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