Von unschmeichelhaften Beinamen, zerfallenden Reichen und haarigen Katalanen

Katalonien war nicht immer Spanien. Hier sieht man, wie Wilfried der Haarige von Barcelona von Karl dem Kahlen am Krankenbett besucht wird.
Karl der Kahle besucht Wilfred den Haarigen am Krankenbett, taucht seine Finger in dessen Wunde und malt vier Linien auf ein Schild – die katalanische Flagge ist geboren. Naja, wer’s glaubt.

Das 9. Jahrhundert war schon eine seltsame Zeit. Europa lag wieder mal im Umbruch. Das legendäre Frankenreich Karls des Großen stand vor seinem Ende. Wikinger machten die Meere unsicher. Was aber fast noch mehr auffällt als die politischen Umwälzungen der Zeit, ist wie dumm die Herrscher damals eigentlich benannt waren. Mir PR-Wirkung hatte man es damals offensichtlich noch nicht so. Tauchen wir also ein in eine Welt von Kahlen, Stammelnden, Dicken, Haarigen und schlichtweg Einfältigen. Auf dieser Reise werden wir ganz nebenbei noch erfahren, wie Katalonien zum ersten Mal in seiner Geschichte die Unabhängigkeit erlangte und vielleicht – nur ganz vielleicht – sogar etwas über die Welt von heute lernen.

Das Jahr 843 – als der Traum des Römischen Weltreichs endgültig starb. So wie 476, 480, 1453…

Wie gesagt, das 9. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs. Dabei sah es an der Wende zu diesem Jahrhundert noch vielversprechend aus für Europa. Karl der Große konnte weite Teile des ehemaligen Römischen Reichs unter seiner Herrschaft vereinen, ein großer Traum der damaligen Zeit, vor allem unter der kirchlichen Elite. Im Jahr 800 wurde Karl sogar zum ersten Kaiser seit dem Fall Roms gekrönt! Die tragische Geschichte des römischen Niedergangs schien damit endlich ihrem positiven Ende zugeführt worden zu sein. Tja, leider wohl zu früh gefreut.

Nach dem Tod Karls des Großen und spätestens seines Sohnes begann das stolze Gebilde des Frankenreichs nämlich auch schon wieder zu bröckeln. Im Jahr 843 wurde der Staat dann im Vertrag von Verdun unter drei Brüdern geteilt, was in Europa – sagen wir mal – seine Spuren hinterließ. Der westliche Teil ging an den jüngsten der Brüder, Karl II. Daraus sollte später Frankreich werden. Den Osten erhielt der mittlere Bruder, Ludwig II., genannt der Deutsche. Man kann sich bei dem Namen ja denken, was daraus wurde. Alles dazwischen fiel schließlich an Ältesten, Lothar I. Das war gar nicht mal so wenig Land. Immerhin erstreckte sich sein Gebiet von den heutigen Niederlanden bis nach Rom! Allzu praktisch gelegen war es aber leider nicht (mittendrin die Alpen und so), weshalb dieses längliche Gebilde, dass scherzhaft auch gern als Kegelbahn bezeichnet wurde, sich nicht auf Dauer halten konnte. Aber zumindest im Namen der Landschaft Lothringen konnte Lothar sein Erbe hinterlassen. Alle Quiche-Liebhaber werden es ihm danken.

Eine Reichsteilung wie die von Verdun hat nun aber einige Nachteile. Der offensichtlichste dabei: das Reich wird geteilt. Der zweite: ganz so friedlich sollte diese Teilung über die Zeit auch nicht bleiben. Oder wer kennt den Ort Verdun heute noch in erster Linie wegen des Vertrags von 843? Nichtsdestotrotz kann so eine Reichsteilung auch Vorteile mit sich bringen, wenn auch nicht unbedingt für die drei Brüder selbst. Es war vielmehr an den Rändern des fränkischen Großreichs, dass Herrscher gekonnt ihre Vorteile aus der Situation zogen.

Unter den Kahlen ist der Haarige König

Vor allem im westlichen Teil des alten Frankenreichs lief es nach der Trennung erstmal nicht so besonders. Von solchen Problemen hört man ja heute noch regelmäßig nach Scheidungen, aber dann ist es leider schon zu spät. Das Westfrankenreich geriet jedenfalls schnell in stürmische Zeiten. Einerseits klopften ab Mitte des 9. Jahrhunderts zunehmend die Wikinger an die Tür. Die waren ja schon seit dem vorigen Jahrhundert immer wieder in England aufgetaucht und verursachten dort wirklich nur Probleme… 845 standen sie dann plötzlich vor Paris und Karl II. tat, was jeder stolze König tun würde. Er bezahlte sie, sodass sie wieder abhauten. Wohlerzogen wie die Wikinger waren, nahmen sie diese Abmachung auch sofort ernst. Für ganze elf Jahre, bevor sie dann erst recht in Paris einfielen, alles plünderten, brandschatzten und taten, was man als Wikinger eben so tut.

Doch auch die Herrschaft selbst gestaltete sich im Westfrankenreich schwierig. König Karl II., besser bekannt als Karl der Kahle, war trotz seiner Fehlkalkulation bei den Wikingern noch der fähigste der ersten Könige. Sein Sohn Ludwig der Stammler (ein wahrlich Ehrfurcht gebietender Name) überlebte dann ganze zwei Jahre seiner Herrschaft. Die ging wiederum an dessen beiden Söhne weiter, die aber auch beide innerhalb kürzester Zeit starben. Es kam sogar so weit, dass zwischenzeitlich der Ostfränkische Herrscher Karl der Dicke (ja… wirklich) auch im Westen das Ruder übernahm. Und als sollte das nicht genügen, kam daraufhin auch noch Ludwigs dritter Sohn, Karl der Einfältige, an die Macht.

Dieses Chaos im Zentrum konnten die kleineren Herrscher an den Rändern des Reiches nun aber für sich nutzen. Einer, der dies besonders erfolgreich bewerkstelligte, war Wilfried I. von Barcelona, besser bekannt als Wilfried der Haarige. Aber gut, besser haarig als kahl würde ich mal behaupten. Und zu der Zeit nicht zu den Dicken, Stammelnden oder Einfältigen zu gehören, war an sich schon ein Erfolg. Unfähig war er obendrein auch nicht. Mit Taktik und einer Prise Glück schaffte Wilfried es nämlich bald, erstmals in der Geschichte ein unabhängiges Katalonien zu erschaffen!

Das erste unabhängige Katalonien der Geschichte

Dabei begann Wilfried ganz unten. Naja, so weit unten man als gehobener Adeliger eben beginnen kann. Im Jahr 870 ernannte ihn Karl der Kahle erst mal zum Graf zweier kleiner Länder in Nordkatalonien. Acht Jahre später kamen dann mehrere Besitztümer in der sogenannten Spanischen Mark dazu, einem Gebiet, dass als Militärgrenze gegen die Muslime des Emirats von Cordoba diente. Kein allzu beliebtes Stück Land, kann man sich denken. Dort wurden immerhin ständig militärische Scharmützel ausgetragen und die Bevölkerung war schon lange in Massen abgehauen. Diese Landschaft zu regieren, war also wirklich mehr Strafe als Belohnung. Aber immerhin lag die Stadt Barcelona in dieser Mark, auch damals schon ein bedeutender Hafen. Darauf kann man doch aufbauen, dachte sich Wilfried.

Und tatsächlich: mit all den Problemen im Reich gewährten die Frankenkönige Wilfried bald das Recht, seine Herrschaft zu vererben. Die Länder mussten also nicht mehr von den Franken übertragen werden, diese mussten dem Erbe in Zukunft nur noch zustimmen. Aus diesem dynastischen Kern um die Grafschaft Barcelona sollte mit der Zeit der erste Staat Katalonien erwachsen. Drei Jahrhunderte darauf vereinigten sich die Nachfolger dieser Linie schließlich mit dem Haus Aragon, im 15. Jahrhundert folgte die Personalunion mit Kastilien und damit die Gründung Spaniens.

In Katalonien hinterließ dessen erster Herrscher Wilfried zahllose Spuren. Er gründete etwa das Kloster Santa Maria de Ripoll, welches sich über die Jahrhunderte zum kulturellen Zentrum Kataloniens entwickeln sollte. Auch die gelb-rote katalanische Flagge wird auf Wilfried zurückgeführt. Angeblich besuchte ihn nach einem Feldzug Karl der Kahle am Krankenbett, tauchte dabei seine Finger in Wilfrieds Wunde (ähm… unangenehm?) und malte mit seinen Fingern vier Linien auf ein gelbes Schild. Und tada: die katalanische Flagge! Wer’s glaubt wird selig. Aber eine gute Geschichte ist es allemal.

Warum ist Katalonien dann heute Teil Spaniens?

Dass es trotz des gewieften haarigen Wilfried heute keinen eigenständigen Staat Katalonien gibt, ist eine lange Geschichte. Die fängt schon damit an, dass, obwohl Wilfried in Katalonien durchaus als Staatsgründer betrachtet wird, das nicht ganz korrekt ist. Zeit seines Lebens (und das gilt auch für seine Nachfolger) war er ja eigentlich Graf von Barcelona und Fürst über die allermeisten katalanischen Provinzen. Eng politisch verbunden waren diese aber nicht. Erst die dynastische Vereinigung mit Aragon im 12. Jahrhundert änderte das. In diesem neuen Gebilde gab es nun tatsächlich erstmals ein Fürstentum Katalonien. Selbst die Vereinigung Aragons mit Kastilien zum Staat Spanien änderte diese Situation nicht grundlegend. Katalonien bestand als Fürstentum fort und wurde noch lange Zeit weitgehend getrennt regiert.

Die Ursache für die heutige Staatsform Spaniens und die aktuellen Tendenzen in Richtung katalanische Unabhängigkeit sind erst im 18. Jahrhundert und dem Spanischen Erbfolgekrieg zu suchen, infolge dessen Katalonien konstant an Bedeutung und Selbstständigkeit verlor. Aber das ist nun wirklich eine Geschichte für einen anderen Tag.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Willst du mehr über die wechselhafte Geschichte Kataloniens erfahren und einen tieferen Einblick in die dortige Unabhängigkeitsbewegung gewinnen, empfehle ich das Buch „Katalonien: Der diskrete Charme der kleinen Staaten“. Mehrere deutsche und katalanische Autoren nähern sich darin dem Thema katalonische Identität von zahlreichen Richtungen, darunter auch Kataloniens ehemaliger Präsident Artur Mas. Für einen historischen Überblick, wie wir denn überhaupt hierhin gekommen sind, muss man sich aber wie gesagt auch mit dem Spanischen Erbfolgekrieg befassen. Auch dafür habe ich einen Klassiker unten verlinkt. Wie immer unterstützt du mit dem Kauf auch diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal!



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