Das niederländische Tulpenfieber von 1637. Die Geschichte einer äußerst dummen Wirtschaftskrise

Das Tulpenfieber wurde schon von Zeitgenossen spöttend betrachtet. So hier in einem Gemälde von Jan Brueghel.
Die „Persiflage auf die Tulpomanie“ von Jan Brueghel gibt uns eine spöttische Darstellung des Tulpenfiebers von einem Zeitzeugen.

Wir schreiben das Jahr 1637. Mitteleuropa befindet sich mitten im Dreißigjährigen Krieg, der blutigsten Auseinandersetzung, die der Kontinent lange gesehen hat. Nicht weit fernab des Geschehens liegen die Niederlande. Grund genug, sich zu fürchten, würde man meinen. Aber wer das denkt, kennt die Niederländer schlecht! Die hatten nämlich mitten in diesem Chaos nichts Besseres zu tun, als Blumen zu züchten und wild mit ihnen zu spekulieren. Dieses Tulpenfieber sollte sich zur ersten gut dokumentierten Wirtschaftskrise der Welt entwickeln. Und zu einer ziemlich dummen noch dazu. Grund genug, sie sich näher anzuschauen!

(Mit dem gerade erschienen Film „Tulpenfieber“ mit Christoph Waltz hat das natürlich rein gar nichts zu tun. Aber wenn mich da jemand sponsern will: immer her damit!)

Die Niederlande im Goldenen Zeitalter

Dass die Niederländer überhaupt Zeit hatten, sich mit Tulpen zu befassen, ist eigentlich schon die erste Überraschung. Im frühen 17. Jahrhundert war die frisch ausgerufene Republik der Vereinigten Niederlande immer noch in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien. Das war – wie man sich denken kann – eine recht zeitraubende Sache. Ganze 80 Jahre sollte dieser Krieg dauern, bis die Unabhängigkeit 1648 endlich anerkannt wurde. Trotz dieses kleinen Problemchens und einiger anderen „Herausforderungen“ (wie etwa einer ausgewachsenen Pestepidemie) gilt das 17. Jahrhundert für die Niederlande aber als Goldenes Zeitalter. Der kleine Staat wurde zu der Zeit schließlich zur kolonialen Großmacht.

So eine Etablierung als Kolonialmacht hinterlässt natürlich auch zuhause seine Spuren. In Teilen der Bevölkerung brach geradezu der Reichtum aus und eine neue wohlhabende Mittelschicht entstand. So hat nun mal alles sein Gutes. Die halbe Verwandtschaft mag zwar an der Pest oder im Krieg sterben, dafür heißt es aber reiches Erbe und eine angenehme Arbeitsmarktsituation. Da kann man sich dann schon mal um Hobbys umschauen. Möglichkeiten gab es da ja viele. Völlig unverständlicherweise setzte sich aber ausgerechnet die Blumenzucht durch. Blumenzucht… Wer liebt es nicht, in seiner Freizeit bis zur Hüfte im Dreck zu sitzen und Blumenzwiebel einzupflanzen?

Das Tulpenfieber: eine wirklich eigenartige Geschichte

Der Hype um die Tulpe begann im ausgehenden 16. Jahrhundert. Zu der Zeit schaffte es die Blume über das Osmanische Reich nach Europa und wurde für reiche Schnösel allerorts schnell zum Objekt der Begierde. Das ist auch einfach erklärt: Tulpen waren vergänglich, zierlich und selten. So etwas musste man einfach besitzen! In den Niederlanden dürfte es ein gewisser Carolus Clusius gewesen sein, der als erster im großen Stil Tulpen anpflanzte. Lange blieb er damit aber nicht allein. Denn wie gesagt hatte die wachsende wohlhabende Schicht der Niederlande trotz Krieg und Krankheit Zeit für Hobbys und so bildeten sich schnell Kreise von Tulpenliebhabern. Die trafen sich dann regelmäßig, tauschten sich über Neuzüchtungen aus, erkundigten sich nach dem Wachstum der Pflanzen und tauschten Blumenzwiebel. Höchstspannend! Hätte es damals schon Pokémon-Karten gegeben, hätten sich die Leute wirklich viel erspart.

Leider bleiben so beliebte Hobbys aber selten nur das. Spätestens wenn der erste seine Chance sieht, aus dem Hobby Geld zu machen, geht die Sache den Bach runter. Bei den niederländischen Tulpen war die Lage dabei aber besonders schlimm, denn all die genannten Gründe, die die Tulpen als Sammel- und Zuchtobjekt so beliebt machten, machten sie auch sehr wertvoll. Tulpen waren nun mal selten, vergänglich und unfassbar beliebt. Da kann man doch nur gewinnen! Das ist so wie heute mit Bitcoins. Was soll da denn schiefgehen?

Einer muss es immer übertreiben…

Die alten Tulpenliebhaber, Händler und Privatleute stürzten sich also bald auf die Tulpenvorräte des Landes. Das war schon mal gar nicht mal so einfach, wie es klingt. Tulpen blühen nur für ein paar Monate im Frühsommer. Daher wurde schon längst ganzjährig mit Zwiebeln gehandelt. Man muss sich das so vorstellen: Du möchtest im nächsten Jahr eine Tulpe haben. Ein Händler sagt dir, er hat da eine Zwiebel in der Erde, aus der wird schon was. Darauf verlässt du dich natürlich blind und kaufst eine Option auf diese Tulpe. Klingt schon in der Theorie etwas fragwürdig. In der Praxis war es mit dem Tulpenfieber aber noch viel schlimmer! 

Das Problem fing schon damit an, wo man solche Geschäfte überhaupt tätigen konnte. Dafür ging man nämlich nicht an die Börse, sondern in ein sogenanntes „Kolleg“. Das ist ein hochtrabendes Wort für ein Hinterzimmer irgendeiner Kneipe. Dort traf man dann seinen Handelspartner und konnte notariell beglaubigt eine Option kaufen. Das nächste Problem war natürlich, dass dieser Handelspartner nicht zwangsläufig der Besitzer der Zwiebel sein musste. Es konnte ja sein, dass der die Option selber gerade erst gekauft hatte und sie jetzt teurer weiterverhökerte. Wirklich viel Geld hat er dafür ja ohnehin nicht hingelegt, da die Bezahlung der Blumen selbst erst mit Lieferung stattfindet. Das heißt der Preis der Option war vollkommen marktgetrieben ohne echtem Produkt dahinter. Wer die letzten paar Wirtschaftskrisen im Hinterkopf hat, kann sich jetzt vorstellen, dass da eventuell ein Problem lauern könnte…

Es ist halt doch nur eine Blume

In den 1630er-Jahren verbreitete sich der Spekulationshandel mit Optionsscheinen dann explosionsartig. Extreme Preisanstiege waren die natürliche Folge und im Winter 1636/37 war der Höhepunkt dann erreicht. Angeblich soll für eine einzige Edelzwiebel zu dem Zeitpunkt folgendes bezahlt worden sein:

120 Scheffel Weizen, 240 Scheffel Roggen, 4 fette Ochsen, 8 fette Schweine, 12 fette Schafe, 2 Oxhofte (ja ich weiß auch nicht) Wein, 4 Fuder (hä?) Bier, 2 Fässer Butter, 1000 Pfund Käse, ein ganzes Bett, ein Anzug und ein Silberbecher.

All das zusammen. Für eine einzige Tulpenzwiebel! Diese konkrete Aufstellung stammt zwar aus dem 19. Jahrhundert und ist anzuzweifeln, die Preise dürften aber tatsächlich vollkommen irre gewesen sein. Und dann kam es Anfang 1637, wie es kommen musste, und es ging plötzlich bergab. Wie sich herausstellte, gab es nämlich gar nicht so viele Optionsbesitzer, die wirklich ein Interesse an den realen Tulpen hatten. Der Markt brach somit mangels Nachfrage zusammen und die Tulpen verloren bis zu 75% an Wert. Wer hätte das gedacht?

Am Ende sind Tulpen eben doch nur Blumen und Blumen braucht kein Mensch. Für die Händler und Spekulanten, die sich auf die vereinbarten Preise verlassen hatten, bedeutete diese Realisierung selbstverständlich einen bitteren Verlust. Die Auswirkungen, die das Tulpenfieber auf die Allgemeinbevölkerung hatte, wurden aber lange übertrieben. Die Niederlande rutschten jedenfalls in keine volle Wirtschaftskrise, die breite Bevölkerung verlor kaum Geld und das Goldene Zeitalter des Landes sollte auch noch über ein halbes Jahrhundert anhalten. Ein Platz in der Hall of Fame der dümmsten Wirtschaftskrisen aller Zeiten ist den Niederländern damit trotzdem sicher.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Übrigens hatten in der Geschichte nicht nur niederländische Blumenspekulanten schlechte Tage. Da gab es schon viel schlimmeres Pech. Einiges davon wurde nun im Buch „Bad Days in History“ wunderbar gesammelt. Solltest du stattdessen noch mehr über das Tulpenfieber wissen wollen (wirklich?), gibt es natürlich auch da noch einen Klassiker und zwar von Mike Dash. Wie immer tust du mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal!



 

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