Die Alchemie und der Stein der Weisen

Die Alchemie und der Stein der Weisen. Was wussten Adepten wie diese hier?

Die Alchemie, der Stein der Weisen, Gold machen und das ewige Leben. Das alles ist heute einer der wohl bekanntesten Aspekte des Mittelalters, nicht zuletzt auch wegen Harry Potter uns seinen Abenteuern um den Stein der Weisen. Im Rückblick erscheint uns die Alchemie heute zwar vollkommen fehlgeleitet. Man kann nicht aus Blei Gold herstellen und ein Rezept für das ewige Leben haben wir auch noch immer nicht gefunden. Ihre erklärten Ziele hat die Alchemie demnach nie erreicht. Das heißt aber nicht, dass sie vollkommen nutzlos gewesen wäre und uns gar nichts hinterlassen hätte. Werfen wir also gemeinsam einen Blick zurück und schauen es uns an: Was war dran an der Alchemie? Was ist ihre Bedeutung und was ist dieser Stein der Weisen jetzt wieder genau? Damit fangen wir doch am besten gleich an.

Gibt es den Stein der Weisen?

Den Ursprung des Steins der Weisen und damit die Anfänge der Alchemie müssen wir weit zurück in der Geschichte suchen. Die Idee entstand – soweit wir das mit Sicherheit sagen können – bereits in der Spätantike im griechisch-dominierten Ägypten und war ein Mischmasch aus ganz vielen teils noch älteren Einflüssen. Da ist einerseits die griechische Philosophie, insbesondere die Ideen von Aristoteles. Andererseits finden wir in der Alchemie aber auch esoterisch angehauchte Naturphilosophie und Mystik. Die Grundidee, auf die in der Alchemie alles aufbaut, ist dabei aber eine einfache: Man geht davon aus, dass alles – jeder Gegenstand, jede Materie und jedes Lebewesen – stets nach Vollendung strebt. Das trifft auf Menschen zu, das trifft auf Tiere zu, das trifft aber auch auf physikalische Stoffe zu. Daraus folgt, dass physische Stoffe durch eine spezielle Behandlung auch verändert, verbessert und „vollendet“ werden können. Aber dafür benötigen wir erst noch etwas …

Natürlich: Den Stein der Weisen brauchen wir! Und praktischerweise gibt es genau für den ein Rezeptbuch! Aus der antiken Frühzeit der Alchemie soll nämlich eine Schrift überliefert worden sein, die uns genau das beschreibt – die Tabula Smaragdina. Diese Schrift beschrieb den wohl wichtigsten aller Schritte der Alchemie: Wie man eben einen Stein der Weisen herstellen kann, der dann wiederum Blei zu Gold machen und ewiges Leben schenken soll. In der Blütezeit der Alchemie im Europa des Mittelalters war diese Schrift jedoch nur noch in „Abschriften“ erhalten. Ob es je ein Original gab, ist dabei eher anzuzweifeln. Das ist aber letzten Endes auch egal. Auch mit Rezept schaffte es keiner, tatsächlich einen Stein der Weisen zu finden. Nicht dass es nicht trotzdem viele behauptet hätten …

Ohne Muslime keine Alchemie

So berühmt sie heute sein mag, in Westeuropa war die Alchemie für lange Zeit vollkommen in Vergessenheit geraten und auch im Byzantinischen Reich nahm ihre Beliebtheit im Frühmittelalter schnell ab. Ihre Ideen kamen erst mit großer Verzögerung im 12. Jahrhundert wieder zurück, und zwar durch muslimische Vermittlung vor allem auf der iberischen Halbinsel. Das teilt die Alchemie mit vielen anderen arabisch-griechischen Quellen – nicht zuletzt den Texten von Aristoteles. Ab dem 12. Jahrhundert entwickelte sich die Alchemie nun aber rasant und das Ziel der Alchemisten blieb im Prinzip das Gleiche, das es schon 1000 Jahre zuvor gewesen war. Sie wollten physikalische Stoffe „veredeln“ oder ganz konkret: Aus Blei Gold machen.

Man ging nach wie vor davon aus, dass man dazu einen Katalysator brauchte, eben den Stein der Weisen. Dass es jetzt ausgerechnet Gold sein sollte, lag dabei nicht nur daran, dass die Herstellung von Gold finanzielle Vorteile bot, sondern auch, dass Gold als edelstes aller Elemente galt. Und wenn alles, wie die Alchemie besagt, seiner Vollendung entgegenstrebt, musste Gold doch der letzte Schritt sein. Aber so genau nahmen es die Alchemisten dann doch nicht. Silber war letzten Endes auch gut und mit der Zeit entwickelten sich noch ganz andere Ziele. So wollten Alchemisten mit ihrer Arbeit auch eine Panazee, ein Allheilmittel, herstellen, das die Menschen von allen möglichen Krankheiten heilen sollte. Daraus kommt dann wohl auch die Legende, dass der Stein der Weisen ewiges Leben schenken kann.

Wie genau man nun aber aus Blei Gold machte, das wusste niemand so recht. Die europäischen Alchemisten sagten – in Anlehnung an Aristoteles – es gehe um eine Balance aus den Elementen. Brachte man die nur in den richtigen Zusammenhang, könnte man aus fast allem Gold machen. Alle physischen Elemente erhalten ihre Merkmale der Alchemie zufolge nämlich durch ihre Balance der vier Grundelemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Die Alchemisten kamen nun zum Schluss, dass sie, um diese Balance zu ändern, die Materie mit Quecksilber und Schwefel versetzen könnten. Das würde das Gleichgewicht durcheinanderbringen, sodass man es neu formen kann. Wo genau da jetzt der Stein der Weisen reinpasst, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Quecksilber und Schwefel waren aber auf jeden Fall leichter zu bekommen als dieser Stein. Von daher kann ich den Alchemisten ihre Logik nicht vorwerfen.

Die Alchemisten: Eine verlorene Berufsgruppe

Aber wer waren diese Alchemisten überhaupt? Wer betrieb denn diese „Wissenschaft“? Das war anfangs tatsächlich ziemlich klar beschränkt. Im Mittelalter wurde Alchemie vor allem in Klöstern praktiziert. Oft wurden diese Alchemisten später aber auch an den Hof eines Adeligen geholt, sodass dieser von den „Ergebnissen“ profitieren konnte. Es gab also eine gewisse Nähe zwischen Politik und Alchemie und vielmehr noch zwischen Kirche und Alchemie. Alchemisten hielten ihr Wissen damals als Folge dessen streng geheim und sie benutzten in der Kommunikation und in ihren Notizen eine Codesprache, sodass andere ihre Experimente nicht nachvollziehen konnten. Das ist übrigens ein ganz zentraler Gegensatz zur heutigen Wissenschaft, die ja gerade darauf aufbaut, dass alles nachvollziehbar und überprüfbar sein muss.

Trotz (oder gerade wegen) der fehlenden Überprüfbarkeit ihrer Arbeit, bedienten sich die Alchemisten aber an Titeln, die ihre Errungenschaften und ihren Status genauer beschrieben. Wer etwa das Wissen um die Herstellung des Steins der Weisen besaß, wurde als Adept bezeichnet und war damit jemand, der als in die Geheimnisse der Alchemie eingeweiht galt. Da das aber ohnehin niemand überprüfen konnte und es auch keinen echten Stein der Weisen gab, war das alles ziemlich willkürlich. Erst mit dem aufkommenden Buchdruck der Neuzeit veränderte sich die Lage langsam und über die Jahre wurde Alchemie dann breiter und offener ausgelegt. Sie wurde von größeren Menschengruppen ausgeübt und die alte Geheimhaltung wurde somit auch schwierig. Denn das ist wie heute noch mit Homebrewing-Ratgebern. Sobald ein Buch zu den Methoden der Alchemie im Umlauf war, konnte eigentlich jeder in seinem Keller Hobby-Alchemist werden. Oder eben Brauer.

Da könnte ja jeder kommen!

Wie man sich wahrscheinlich schon vorstellen kann, kamen unter diesen Umständen auch schnell die ersten Betrüger auf. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es plötzlich massenhaft Leute, die von sich behaupteten, sie könnten Gold herstellen. Und sie ließen sich das auch gut bezahlen. Ihre Tätigkeit wurde bald verächtlich als „Goldmacherei“ bezeichnet und galt schon in der Neuzeit als Betrug, was freilich nicht bedeutete, dass nicht immer wieder Menschen und sogar Herrscher auf sie reingefallen wären. Es gab sogar eine päpstliche Bulle, um gegen diese Goldmacherei vorzugehen. Das ist dann doch interessant, wo doch auch die „echte“ Alchemie meist nicht viel mehr hervorbrachte als die betrügerischen Goldmacher. Die wurden von der Kirche aber sogar gefördert.

Die Alchemie blieb aber im Gegensatz zur Philosophie oder Medizin doch immer eine außeruniversitäre Wissenschaft, wenn man das Wort Wissenschaft benutzen möchte. An den Universitäten wurde sie nie gelehrt und das blieb auch so, bis sie schließlich obsolet wurde. Das wurde sie spätestens mit der beginnenden Aufklärung. Da setzte sich unter den Gelehrten der Zeit langsam durch, dass Wissen und Wissensschaffung darauf aufgebaut werden sollte, dass sie nachvollziehbar und auf Grundlage überprüfbarer Logik geschieht. Mit der Zeit wurden Teilbereiche der Alchemie, die sich durchaus als erfolgreich herausgestellt hatten, also von ihr abgetrennt und zu eigenen Lehrgebieten. Ein Beispiel dafür ist die Pharmazie und natürlich die Chemie, die mit der Alchemie nicht umsonst ihre Wortwurzel teilt.

Was bleibt von der Alchemie?

Heute wissen wir, dass die Alchemie in ihrem Kern vollkommen falsch lag. Teile der alchemistischen Arbeit hatten zwar durchaus einen Wert, aber im Großen und Ganzen besitzt die Alchemie keine Grundlage in der Realität. Das wusste man damals aber freilich nicht. Warum Menschen trotzdem so lange von der Alchemie überzeugt waren, wo doch niemand jemals tatsächlich Gold herstellte, ist dennoch ein Rätsel. Die Geheimniskrämerei der Alchemisten half dabei sicher und auch die Goldmacher konnten mit ihren Taschenspielertricks immer wieder Menschen weismachen, dass die Herstellung von Gold tatsächlich funktionierte.

Die Alchemie ist somit – wenn man es positiv formulieren will – ein Entwicklungsschritt hin zu dem, was wir heute Wissenschaft nennen. In ihrem Kern mögen ihre Annahmen falsch gewesen sein. Trotzdem ist es nicht so, dass sie in jeder Hinsicht nur Mumpitz gewesen wäre. Gerade in ihren Methoden hat die Alchemie nämlich auch einiges Positives hinterlassen. So wurde in Europa mit ihrer Hilfe erstmals Porzellan hergestellt, wenn auch auf eine andere Art als in China. Das Phosphor wurde durch Alchemisten entdeckt und auch die Methode der Destillation kommt aus ihr. Damit haben wir ihr also auch den Branntwein zu verdanken. Vielen herzlichen Dank auch!

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2 Gedanken zu „Die Alchemie und der Stein der Weisen“

  1. Ludwig Georg Rehle

    M.W. hat man inzwischen aus Blei – mit sehr viel Energie – Gold gemacht … 😉
    Und man kennt inzwischen einige defacto unsterbliche Lebewesen … und unsere Keimzellen sind das in gewisser Weise auch … insofern 😉

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