Ein offizielles Porträt von Enver Hoxha, der eisernen Hand Albaniens.

Der irre Herr Enver aus Albanien

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Albanien ist in vielerlei Hinsicht ein eigenartiges Land. Das wird jeder, der den kleinen Balkanstaat an der Adria schon mal besucht hat, bestätigen können. Auch dem vollkommen unvoreingenommenen Besucher fallen nämlich schnell ein paar Auffälligkeiten an diesem Land auf. Fährt man etwa durch Albaniens ländliche Gebiete, findet man dort nicht nur atemberaubend schöne Natur. Man findet vor allem eines: Bunker und Befestigungsanlagen wo das Auge hinfällt. Überall ragen diese Betonmonster wie Pilze aus der albanischen Erde. Fast 200.000 von ihnen hat es in dem Land mit nicht mal drei Millionen Einwohnern mal gegeben. Viele stehen heute noch rum. Sie sind das Werk und Vermächtnis eines Diktators, der auch im europäischen Vergleich seinesgleichen sucht: Enver Hoxha.

Unter der Führung Hoxhas nahm Albanien eine seltene Sonderstellung im Europa der Nachkriegszeit ein. Als Resultat seiner langen Regierungszeit wurde aus dem von ihm versprochenen Arbeiterparadies in Albanien der drittärmste Staat der Welt. Das Land fand sich nach dem Ende der Diktatur in einer Liga mit den ärmsten ex-Kolonien Afrikas und Asiens wieder. Aber Hoxhas Erbe bedeutet weitaus mehr für sein Land. Als einziger sozialistischer Machthaber Europas schaffte er es, sich noch zu Zeiten des Kalten Krieges von allen anderen Volksrepubliken der Welt zu isolieren. Erst überwarf er sich mit den jugoslawischen Nachbarn, um seine Treue zu Genosse Stalin zu beweisen. Nach dessen Tod zerstritt er sich dann mit dessen Nachfolgern, näherte sich stattdessen China an, nur um auch das bald wieder aufzugeben. Zum Zeitpunkt von Hoxhas Tod hatte Albanien mit keinem Land der Welt nennenswerte Kontakte. Auch das dürfte ein Grund für den irren Bunkerbau gewesen. Der Einmarsch Jugoslawiens war doch nur eine Frage der Zeit!

Als die sozialistische Diktatur auch in Albanien in den frühen Neunzigern ihr verdientes Ende fand, war das Land somit vollkommen zugrunde gewirtschaftet und international isoliert. Um nur ein Beispiel für den albanischen Lebensstandard und die Ungleichheiten der Zeit zu geben: Es gab im Jahr 1990 in ganz Albanien nicht mal 2000 angemeldete Autos, was die sozialistische Führung natürlich nicht davon abgehalten hatte, ein Prachtboulevard in der Hauptstadt Tirana zu errichten, sodass die Parteibonzen gemütlich ihre Villen erreichen konnten. Am Land nagte die Bevölkerung währenddessen am Hungertuch. Du kannst dir wahrscheinlich schon vorstellen: Das Bild Enver Hoxhas ist in Albanien heute etwas angeschlagen. Dabei verbanden viele so große Hoffnung mit ihm, als er an die Macht kam…

Vom faulen Studenten zum Revolutionär

Aber wer war Enver Hoxha? Nun erstmal teilte er eine Qualität mit einigen anderen sozialistischen Diktatoren seiner Zeit: Er kam aus eher unwahrscheinlichen Verhältnissen für einen Staatschef. Geboren wurde Hoxha im südalbanischen Gjirokastra, einer wunderschönen und historischen Kleinstadt, die heute als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt ist. Das hat freilich nichts mit Hoxha zu tun, so gerne er das wohl gehabt hätte. Seine Familie dort war zwar nicht arm, er gehörte allerdings auch nicht zur Elite der Stadt. Später hat der Diktator zwar immer wieder mal versucht, sich und seine Vorfahren als alteingesessenen Stadtadel darzustellen (auch das eine zumindest interessante Idee für einen Sozialisten), was aber nie wirklich funktionierte. Insgesamt wuchs Enver Hoxha somit wohl in recht unauffälligen Verhältnissen auf. Menschen, die ihn damals kannten, sollen ihn schlicht als „mittelmäßigen jungen Mann mit keinen besonderen Talenten oder Fähigkeiten“bezeichnet haben. Auch das hatte er mit anderen sozialistischen Diktatoren gemein.

Nach seinem Schulabschluss ging Hoxha im Jahr 1930 nach Frankreich, um dort Botanik zu studieren. Er konnte für sein Studium sogar ein Stipendium des albanischen Staates erlangen, was wahrscheinlich mehr an den Beziehungen seiner Familie als an seinen akademischen Leistungen lag. Er tat sich an der Universität Montpellier auch nicht gerade als fleißiger Student hervor. Erst im dritten Jahr des Studiums bestand er die ersten Klausuren und schon 1934 wurde ihm sein Staatsstipendium mangels Leistung wieder aberkannt. Hoxha hätte das Geld zurückzahlen müssen , was er aber nie tat. Stattdessen stieg er in einen Zug nach Paris und quartierte sich dort bei einem alten Jugendfreund ein. Ein Jahr später zog es ihn weiter nach Brüssel, wo er eine Anstellung am albanischen Konsulat fand und sich – zumindest pro forma – wieder an der Uni einschrieb, diesmal für Jura. In Frankreich und Belgien dürfte Hoxha wohl erstmals in kommunistischen Zirkeln unterwegs gewesen sein. Ansonsten war seine Zeit dort eher unspektakulär. Die einzige aufregende Geschichte aus der Zeit ist, dass einmal während seiner Schicht in das Konsulat in Brüssel eingebrochen wurde. Indizien zufolge könnte es Hoxha selbst gewesen sein, aber das wurde freilich nie bewiesen.

Nach sechs Jahren in Westeuropa kehrte Enver Hoxha 1936 nach Albanien zurück und wurde Lehrer an seiner alten Schule. Nach einigen unauffälligen Jahren zog er dann 1939 mit Beginn der italienischen Besatzung Albaniens nach Tirana und betrieb dort für die nächste Zeit einen Tabakladen. Ab diesem Zeitpunkt wird dann alles etwas schleierhaft. Wie auch immer das möglich war: Nur zwei Jahre darauf war Enver Hoxha plötzlich ein führendes Mitglied der kommunistischen Widerstandsbewegung Albaniens. Im Jahr 1943 wurde er gar der Vorsitzende der Kommunistischen Partei und ein Jahr darauf Ministerpräsident Albaniens. Der Karrieresprung kam damals auch für so einige seiner Bekanntschaften überraschend. Ein alter Schulfreund reagierte auf die Meldung, dass Enver Hoxha nun Vorsitzender der Kommunisten war, so:

Ich war der erste, der spottete und darüber lachte, dass Enver, den ich so gut kannte und der bis 1940 nie auch nur ein Wort über den Kommunismus verloren hatte, jetzt der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei sein soll. Ich habe darüber gelacht. Ich konnte ja nicht wissen, als wie bitter sich dieses Lachen herausstellen würde.

aus: Blendi Fevziu: Enver Hoxha. The Iron Fist of Albania.

Dieser alte Freund wurde bald nach der Etablierung der sozialistischen Herrschaft auf Hoxhas Befehl festgenommen. Das gleiche Schicksal ereilte auch Hoxhas Bekannten, der ihn in Paris beherbergt hatte, und sogar den Minister, der ihm sein Stipendium aberkannt hatte. Das aber nur so am Rande, um mal ein Gefühl dafür zu bekommen, mit was für einem Mann wir es in Enver Hoxha zu tun haben.

Enver Hoxha im Kampf gegen die Besatzer. Und alle anderen

Es stellt sich dabei nun natürlich die Frage: Wie wurde aus dem mittelmäßigen Schüler und faulen Studenten innerhalb weniger Jahre der Anführer der kommunistischen Bewegung in Albanien? Darüber ist tatsächlich kaum etwas bekannt. Bis 1940 dürfte Hoxha noch in Tirana gewesen sein und sein Tabakgeschäft betrieben haben. Das nächste Mal wird er dann erst im Herbst 1941 wieder greifbar. Da tauchte er erstmals auf einer antifaschistischen Demonstration in Tirana auf. Im gleichen Herbst war er dann schon auf dem Gründungstreffen der Kommunistischen Partei Albaniens vertreten. Hoxha war allerdings nicht wirklich zu diesem Treffen eingeladen. Zumindest ist er nicht auf der ursprünglichen Liste der Teilnehmer zu finden.

In späteren Jahren hat Enver Hoxha die Geschichte freilich etwas anders dargestellt. Der Diktator war ja, vor allem im höheren Alter, ein fleißiger – wenn auch nicht unbedingt guter – Autor. Er verfasste eine große Zahl an Büchern, insgesamt weit über fünfzig und darunter allein dreizehn Bände seiner Memoiren. In diesen behauptete er, er hätte am Gründungstag der Kommunistischen Partei nicht nur teilgenommen, sondern hätte die Sitzung selbst einberufen! Das war zwar eine frei erfundene Behauptung, allerdings war das in den Achtzigern schon lange kein Problem mehr. Alle Teilnehmenden der Sitzung waren ja inzwischen eingesperrt oder tot. Doch auch ohne seine späteren Übertreibungen war Enver Hoxha in der neu gegründeten Partei wohl von Anfang an eine wichtige Figur. Und er begann, sich seiner internen Gegner zu entledigen. Hier zeigte sich zum ersten Mal ein echtes Talent Hoxhas. Er war sehr gut darin, seine Stellung zu nutzen, andere gegenseitig auszuspielen und so nach und nach alle internen Widersacher auszuschalten.

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Das größte Problem der Kommunisten war zu dem Zeitpunkt aber eigentlich ein anderes: Die Besatzung durch die Achsenmächte. Als Hoxha die Partei übernahm, hatte die deutsche Wehrmacht gerade die Herrschaft über Albanien von Italien übernommen. Der Kampf gegen diese Besatzer dürfte für Hoxha aber nie große Priorität besessen haben. Er hatte vielleicht erkannt, dass sich Nazi-Deutschland nach dem gescheiterten Russlandfeldzug ohnehin auf dem Rückzug befand und auch ihr Abzug aus Albanien nur eine Frage der Zeit sein würde. Da konnte er sich ja getrost anderen Gegenspielern zuwenden. Das machte er dann auch weiterhin recht geschickt. Die Kommunistische Partei schloss sich bald mit anderen Widerstandsgruppen zum sogenannten „Antifaschistischen Nationalen Befreiungskomitee“ zusammen, wodurch er viele der Konflikte, etwa mit den diversen nationalistischen Gruppierungen, für eine Weile vertagen konnte, während er seine eigene Macht festigte. Innerhalb der Kommunisten begann Hoxha dann in jenen Jahren schon, seinen Führerkult aufzubauen.

Im Sommer 1944 wurde endgültig klar, dass der Abzug der deutschen Streitkräfte nur noch eine Frage von Monaten sein konnte. Die Wehrmacht befand sich in ganz Europa auf dem Rückzug, so auch auf dem Balkan. Das Befreiungskomitee genoss dagegen inzwischen große Anerkennung in der albanischen Bevölkerung. Das muss nicht bedeutet haben, dass die Kommunistische Partei Hoxhas allzu hohe Anerkennung genoss. Er und die Partei waren aber die agilste politische Organisation innerhalb des Komitees, was nun nicht gerade ein Nachteil war. Im Oktober 1944 nutzte Hoxha die Situation aus und machte endgültig ernst. Das Befreiungskomitee wurde umbenannt in die „Demokratische Regierung Albaniens“, Hoxha ernannte sich somit quasi selbst zum Premierminister. Also unter anderem zumindest. Nebenbei wurde er auch noch Innen- und Außenminister in Personalunion. Sicher ist sicher. Enver Hoxha schien somit jedenfalls so gut wie nicht mehr aufzuhalten.

Albanien ist wieder frei! Oder so

Aber so hatten die Granden der Kommunistischen Partei nicht gewettet. Immerhin war Enver Hoxha doch sowas wie ihr Kompromisskandidat gewesen! Sicherlich war es nun, dass die deutschen Besatzungssoldaten fast aus dem Land waren, an der Zeit, ihn zu ersetzen. Im November 1944 kam es daher zur zweiten Generalversammlung der Kommunistischen Partei, auf der sich Mitglieder des Politbüros gegen die Führung Hoxhas erhoben. Ihm wurde sein harter Kurs gegen politische Gegner vorgeworfen, seine Allüren als Alleinherrscher, der versuchte Personenkult. Letzten Endes war Hoxha sogar – ganz nach kommunistischer Tradition – gezwungen, Selbstkritik zu üben. Eine solche öffentlich vorgetragene Selbstkritik war in vielen Fällen nur die erste Vorstufe zur Absetzung oder gar Verurteilung. In einem Anflug von Genialität schaffte Hoxha es aber, eine Vertagung dieser Personalentscheidung durchzuboxen. Tirana war gerade in jenen Tagen von den deutschen Besatzern befreit worden und es war ein triumphaler Einzug vonseiten der „Demokratischen Regierung“ geplant. Nach den Feierlichkeiten sollten die personellen Entscheidungen dann aber sofort getroffen werden, versicherte Hoxha. Die Parteigranden kannten ihn wohl immer noch nicht. Sie waren dumm genug, diesem Vorschlag zuzustimmen. Man muss wohl nicht erwähnen, dass kaum einer von ihnen das Ende Hoxhas als Diktator vierzig Jahre später erlebte.

Die „Säuberungen“ Hoxhas endeten aber nicht in der kommunistischen Partei. Mit Ende der Besatzung fand sich Hoxha im Herbst 1944 ja schließlich auf dem Höhepunkt seiner Macht und ging nun gezielt gegen alle anderen verbliebenen politischen Kräfte im Land vor, allen voran gegen die Nationalisten, Royalisten und Anhänger des Besatzungsregimes. Die „freien Wahlen“ des Jahres 1945 waren dann selbstverständlich nichts dergleichen. Es gab bei diesen Wahlen zwei getrennte Boxen, eine für die Stimmzettel für die Regierung, eine für die „Reaktionären“. Einige arme Bürger glaubten tatsächlich, sie hätten eine Wahl. Sie wurden an Ort und Stelle festgenommen. Die anderen 93 Prozent nahmen ihr Schicksal hin und wählten die Kommunisten. Um die Sicherheit des Landes – damit meinen alle Diktatoren immer in erster Linie die eigene Sicherheit – noch weiter zu gewährleisten, wurde zu diesem Zeitpunkt auch schon die albanische Geheimpolizei gegründet, die Sigurimi. Als das sozialistische Regime Anfang der Neunziger sein Ende fand, hatte die Sigurimi angeblich über eine Million Akten angelegt. Das entsprach ungefähr der Anzahl der erwachsenen Einwohnern Albaniens zu der Zeit.

In den ersten Jahren nach der Machtübernahme durch die Kommunisten versuchten einige Kräfte aber noch tatsächlich, eine Oppositionspartei im albanischen Parlament zu bilden! Enver Hoxha hatte folgendes über den Anführer dieser Gruppierung zu sagen:

Riza Dani, ein Anhänger des alten Regimes und – natürlich – des alten bourgeoisen Parlaments, versuchte unser Parlament in einen Ort des Gelabers zu verwandeln, wo jeder so lange quasseln konnte, wie er es für richtig hielt, und alles ohne jegliche Einschränkung sagen konnte. Er und seine Anhänger erwarteten sogar, dass das, was sie dort sagen, in der Presse veröffentlich wird.

aus: Blendi Fevziu: Enver Hoxha. The Iron Fist of Albania.

So eine Unverschämtheit aber auch! Zeit damit aufzuräumen. Somit wurden in dieser Zeit alle wichtigeren Personen Albaniens – ob nun Kommunisten oder nicht – abgehört und infolge „liquidiert“, wie man in Regimekreisen so schön sagte. Teils geschah das auch mit einigermaßen kreativen Umständen. So wurde dem ersten Chef der Sigurimi bei seinem eigenen Prozess 1949 (ja, er konnte sich nicht mal fünf Jahre halten) vorgeworfen, dass er den Staatspräsidenten, Mitglieder des Politbüros und fast alle Minister der Regierung habe abhören lassen. Seiner Erwiderung, dass er jede dieser Maßnahmen mit Enver Hoxha persönlich besprochen hatte und dieser sie abgesegnet hatte, wurde freilich nicht stattgegeben. Er starb noch im selben Jahr am Strick.

Ärger im Arbeiterparadies

Doch auch die Außenpolitik und die Beziehungen zu den neuen starken Partnern in Belgrad und Moskau blieben nicht so rosig, wie sie direkt nach dem Krieg noch aussahen. Albanien näherte sich ab 1945 erst mal weiter an Jugoslawien an. Im Jahr 1947 unterzeichnete Hoxha sogar eine Zoll- und Währungsunion mit dem Nachbarstaat. Der Plan der Annäherung ging aber noch viel weiter. Albanien sollte überhaupt eine Teilrepublik Jugoslawiens werden, was das albanische Politbüro im März 1948 auch offiziell akzeptierte. Angeblich wurde im Föderationspalast in Belgrad schon Platz für eine siebente Republik gemacht! Dieser Plan wurde nur dadurch zerstört, dass der jugoslawische Präsident Tito und Stalin just im selben Monat aneinandergerieten und sich voneinander distanzierten.

Hoxha stellte sich in diesem Konflikt hinter Stalin und die Sowjetunion. Innerhalb weniger Monate drehte Hoxha dann die gesamte Rhetorik seines Regimes um. Die Jugoslawen waren nun plötzlich Verräter und Gegner des Kommunismus in Albanien. Die Sowjetunion und Stalin waren die neuen starken Partner. Er nahm diese Kehrtwende als willkommene Ausrede wahr, die Partei wieder mal gründlich zu reinigen. Diesmal von „pro-jugoslawischen“ Kräften. Das waren vor dem März 1948 nach offiziellem Verständnis alle Mitglieder der Partei. Wie praktisch! Das Urteil, das dabei am meisten Aufsehen erregte, war sicher das gegen den vorhin genannten Koçi Xoxe, bis dahin Vizepremier, Innenminister, Chef der Sigurimi und Nummer Zwei des Regimes. An seine Stelle trat ein neuer Vertrauter Hoxhas: Mehmet Shehu. Er war mit seiner pro-sowjetischen und anti-jugoslawischen Einstellung der Mann der Stunde und er blieb noch lange Zeit treu an Hoxhas Seite. Bis er dann 1981 selbst liquidiert wurde.

Mit der Sowjetunion hatte Albanien freilich eine noch ungleichere Beziehung als mit Jugoslawien zuvor. Hoxha war zwar ein großer Anhänger Stalins, dieser dürfte im Gegenzug aber herzlich wenig Interesse an ihm oder an Albanien gezeigt haben. Aber doch bedeutete der Bruch mit Jugoslawien auch für die sowjetisch-albanischen Beziehungen eine neue Ära. Albanien wurde nun Teil des Warschauer Paktes und von COMECON und damit wurde auch der politische Einfluss Moskaus für Tirana deutlich spürbar. Als Stalin im Jahr 1953 starb, verordnete Hoxha seinem Land gleich eine Staatstrauer von ganzen zwei Wochen – länger als in der Sowjetunion selbst! Unter Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow sah die Welt aber schon wieder ganz anders aus. Der machte nämlich gleich einiges, was den kleinen Stalinverehrer in Tirana bitter aufstieß. Zuerst besuchte Chruschtschow 1955 Belgrad, dann distanzierte er sich im Jahr darauf auch noch (halb-)öffentlich von Stalin und dem Stalinismus. Dabei hatte Enver Hoxha doch gerade erst den Stalinismus als Ideologie für sich entdeckt! Er tat also, was er immer tat, wenn ihm etwas nicht passte. Er distanzierte sich von der Sowjetunion und ließ pro-sowjetische albanische Kommunisten verfolgen. Das waren vor 1956 wiederum nach offizieller Lesart alle Mitglieder der Partei. Immer noch praktisch … Der Bruch mit der Sowjetunion war zwar nicht ganz so abrupt wie der mit Jugoslawien zuvor, dennoch wurden die Beziehungen zunehmend angespannter.

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Um das Jahr 1960 näherte sich Hoxha dann auch noch China an, das er als verlässlicheren Partner in der kommunistischen Welt ansah. Das ergab dann endgültig eine vollkommen absurde Konstellation. Das winzige Albanien in einer Allianz mit China am anderen Ende der Welt. Aber egal. Auch diese Allianz würde nicht ewig halten. Denn eine Sache trifft auf Enver Hoxha wie auf fast jeden anderen Diktator zu: Er traute absolut niemandem. Inzwischen wahrte er nicht mal mehr den Anschein. Er besuchte China kein einziges Mal, geschweige denn, dass sich Mao Zedong auf den Weg nach Tirana gemacht hätte. Als sich China in den späten Siebzigern dann auch zu öffnen begann, kam für Hoxha endgültig die Zeit, auch diese Beziehung zu beenden. Für die letzten zwölf Jahre des Regimes war Albanien in der Welt vollkommen isoliert.

Die letzten Jahre des Enver Hoxha

Das letzte große Opfer Hoxhas Paranoia wurde schließlich sein langjähriger Vertrauter und Ministerpräsident Mehmet Shehu. Er wagte es 1981 tatsächlich, seinem Sohn die Verlobung mit einer Frau aus einer „reaktionären“ Familie zu erlauben. Und das ohne vorher Hoxha zu fragen! Es kam, wie es kommen musste, und eines Abends wurde Shehu erschossen in seinem Bett vorgefunden, eine Pistole neben ihm. Selbstmord. Angeblich. Enver Hoxha tat auch dieses Mal wieder das, was er immer tat. Er erklärte Shehu für einen Verräter, der nicht nur für einen Feind gearbeitet hatte, sondern gleich für alle. Er soll – man lasse es sich auf der Zunge zergehen – gleichzeitig für den britischen, italienischen und französischen Geheimdienst, die Gestapo, die jugoslawische UDBA und das KGB gearbeitet haben! Und nebenbei war er ja noch amtierender Ministerpräsident Albaniens. Wenn man sich die Liste so ansieht, hätte es niemals zu seinem unnatürlichen Tod kommen können. Shehu wäre doch schon lange dem Burnout erlegen. Auf den Tod des Ministerpräsidenten folgte eine letzte große Welle der „Säuberungen“ in Albanien. Unter anderem wurde auch der Gesundheitsminister hingerichtet, angeblich nur, weil er sich laut fragte, warum keine Autopsie Mehmet Shehus durchgeführt worden war. Der mit ihm verurteilte Innenminister beschwerte sich übrigens vor Gericht, dass er zuvor gefoltert worden war. Der Richter erwiderte trocken: „Was Sie nicht sagen“.

Enver Hoxha folgte seinen vielen liquidierten Genossen nur wenige Jahre später. Er starb 1985. Zu diesem Zeitpunkt war Hoxha das einzige verbliebene Gründungsmitglied der Partei, das nicht hingerichtet oder eingesperrt worden war. In seinem Testament schrieb er, dass „Albanien unter ihm grundlegend umgeformt wurde und viele große Errungenschaften erreichen konnte, mehr als je zuvor in seiner Geschichte“. Zu diesem Zeitpunkt genoss sein Land ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von etwa dreizehn Euro im Monat. Hunger und Unterernährung waren allgegenwärtig, der Stand der Wirtschaft war weit hinter den der Nachbarn zurückgefallen. In einer besonders abstrusen Episode wurde es dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß 1984 erlaubt, Albanien auf einer Durchreise zu besuchen. Ihm und seiner Delegation zeigte man unter anderem eine Ausstellung albanischer Technologie, in der ein „Enver Hoxha Traktor“ zu bewundern war. Ein Mitglied der Delegation und Vertreter von Mercedes-Benz bemerkte: „Ja, wir haben die so um 1920 hergestellt“.

Hoxhas Tod und Begräbnis fanden in der Weltpresse kaum Aufmerksamkeit, was ihm wohl schon vorher klar gewesen sein dürfte. Dies war die letzte Kränkung des Diktators, hatte er doch fünf Jahre zuvor das pompöse Staatsbegräbnis Titos in Belgrad miterleben müssen, zu dem Staatschefs aus aller Welt angereist waren. Eine weitere Peinlichkeit leistete sich Hoxhas Frau, die bei der Beerdigung darüber sprach, wie ihr Ehemann jetzt seine alten Genossen wiedertreffen würde. Das war einerseits obskur, da er doch für die meisten ihrer Tode verantwortlich war. Andererseits passte das auch nicht gerade in das atheistische Bild Albaniens … So oder so. Fünf Jahre nach Hoxhas Tod starb dann auch endlich sein Regime. Eine der ersten Aktionen der Demonstranten war es, die kurz zuvor errichtete Bronze-Station Hoxhas im Zentrum Tiranas abzureisen. Man kann es ihnen wahrlich nicht verübeln.


Auf dem Podcast diese Woche fiel der Name Enver Hoxha übrigens auch ein paar Mal. Wie du aber wohl gesehen hast, hatte ich diesbezüglich etwas mehr zu sagen. Also habe ich mich dort zurückgehalten und erst mal über ein paar andere Diktatoren des letzten Jahrhunderts geredet, die im Kontext des Kalten Krieges die Macht erlangen konnten. Kollegen sozusagen… Hör doch direkt rein!

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