Das Protestlied existiert, seit es Musik und Macht gibt. Hier zu sehen sind afroamerikanische Sklaven beim Banjo-Tanz.

Das Protestlied und seine Geschichte

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Seit es Musik gibt, gibt es das Protestlied und so wie Musik und Gesang von Anbeginn zur Geschichte der Menschheit dazugehören, tun das auch Protestsongs unterschiedlicher Art. Während ich mir diese Woche auf dem Podcast die Schattenseite der Musik anschaue und über ihre Verwendung als Waffe und Folterinstrument spreche, möchte ich in diesem Beitrag daher über den Einfluss von Protestmusik auf unsere heutigen Gesellschaften sprechen. Denn Lieder dienten uns immer schon als Ventil, als Rückzugsort für unterdrückte Minderheiten und als politischer Akt. Insbesondere in den letzten zwei Jahrhunderten können wir auch viele Beispiele finden, in denen Protestsongs ganze Genres begründeten und die Kultur nachhaltig veränderten.

Um diese Lieder und ihre Wirkung soll es hier gehen. Ich werde an verschiedenen Stellen in diesem Beitrag Links zu passenden Musikstücken auf YouTube einfügen. Falls du bei Spotify bist, habe ich aber auch dort eine Playlist zusammengestellt, das ist dann noch einfacher. Ich empfehle dir also: Anmachen und parallel zum Lesen durchlaufen lassen 🙂

Die Sklavenmusik und der Blues

Beginnen wir unsere Reise mit dem musikalisch wohl einflussreichsten Beispiel für eine Form der Protestmusik: Dem Blues der amerikanischen Südstaaten. Ohne ihn gäbe es einen großen Teil der heutigen Popularmusik gar nicht. Der Rock stammt aus dem Blues genauso wie der Jazz, der R ‘n’ B und über Umwege sogar der Hip Hop. Der Blues selbst wiederum hat seine Wurzeln in der Musik der afroamerikanischen Sklaven und ist somit tief mit Repression und der Reaktion darauf verknüpft. Diese Geschichte wird oft gar vereinfacht dargestellt. So findet man online immer wieder Erzählungen, die einem weismachen wollen, dass die Sklaven einfach irgendwann Instrumente gefunden und damit aus dem Nichts den Blues entwickelt hätten. Auch im Beitragsbild zu diesem Artikel finden wir eine solche angebliche Szene. In Wirklichkeit war der Prozess dorthin aber natürlich ein viel längerer.

In seiner heute bekannten Form kam der Blues erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, also gut dreißig Jahre nach Ende der Sklaverei in den USA. Die frühen Bluesmusiker lebten aber nichtsdestotrotz in Umständen, die denen der Sklaverei nicht ganz so unähnlich waren. Viele von ihnen waren zu der Zeit noch immer auf genau jenen Plantagen angestellt, auf denen ihre Väter noch als Sklaven geschuftet hatten. Oftmals geschah das sogar ohne nennenswertes Gehalt, da die Plantagenbesitzer dieses direkt für die Unterkunft wieder abzogen. Was genau da der Unterschied zur Sklaverei ist, muss man mir auch erst erklären … In diesem Kontext ist der sich entwickelnde Blues also durchaus eine Art Protestlied, wenn auch die frühen Vertreter des Genres keinen einheitlichen Stil spielten. Gemein hatten sie nur den klagenden Ton. Ein klassisches Blues-Stück besteht fast immer aus der Beschreibung einer schwierigen Situation, die immer und immer wiederholt wird. Daher kommt auch der Name: “blue” steht für traurig.

Für die Musiker wie auch die schwarze Bevölkerung Amerikas in dieser Zeit nach Ende der Sklaverei aber lange vor der rechtlichen Gleichstellung war diese Musik somit ein Ventil und eine Quelle der Identität. Den großen Durchbruch schaffte die Musikrichtung aber erst in den 1950ern, als viele der Musiker auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen gen Norden zogen. So entstand unter anderem der Chicago Blues, der wiederum bald enormen Einfluss auf die Rock ‘n’ Roll-Szene nehmen würde. Als Protestlied war der Blues jedoch (zumindest in politischer Hinsicht) nicht sonderlich erfolgreich. Es verlangte nach weißen Bands, bis Bluesmusik im großen Stil im Radio zu hören war. Volle Bürgerrechte erhielt die afroamerikanische Bevölkerung erst in den 60ern und auch das war mit einer neuen Welle politischer Songs verbunden.

Das Protestlied in der Bürgerrechtsbewegung

Die 60er-Jahre gelten noch heute als der Höhepunkt des Protestliedes und der politischen Songs an und für sich. Noch immer denkt man beim Protestsong zu allererst an Interpreten wie Woody Guthrie oder (auch wenn er es selbst nie so sehen wollte) Bob Dylan. Es waren nun vorwiegend weiße Musiker bewaffnet mit Akustikgitarre, die der Antikriegsbewegung der Zeit ihren Soundtrack gaben. Auch die 1968-er Bewegung, die in Deutschland ebenfalls ihren Wellen schlug, wurde von solchen Protestliedern getragen. Es waren Protestsongs gegen den Vietnamkrieg, gegen die Moralvorstellungen der Elterngeneration und – gerade innerhalb der schwarzen Bevölkerung der USA – für rechtliche Gleichstellung. Die deutschen 68er revoltierten obendrein gegen die oft verschwiegene Nazivergangenheit der älteren Generation und in verschiedenen Abstufungen für den Sozialismus.

Antikriegslieder gehörten aber auch zum fixen Repertoire vieler damaliger Blues- und Rockmusiker und weder ein Interpret wie Jimi Hendrix noch eine Musikveranstaltung wie das Woodstock-Festival konnten sich der Politisierung ganz entziehen. All das zusammen formt die Zeit, aus der wir unser heutiges Verständnis von Protestmusik nehmen. Das ist der Standard, den wir bis heute ansetzen, wenn wir über Protestlieder sprechen und gerade die Vorstellung des Mannes mit der Akustikgitarre, der gegen das “System” ansingt, besteht noch immer fort. Den Erfolg kann man der Bewegung der Zeit auch sonst beim besten Willen nicht absprechen. Die konservativen Moralvorstellungen der frühen 60er waren bis ins nächste Jahrzehnt bis zur Unkenntlichkeit aufgebrochen, die alte gezwungene Konformität der Jugend war endgültig Vergangenheit.

Die Revolution namens Punk

Mit dem heutigen Protestlied hat die Musik der 60er aber nur noch in Teilen etwas gemein. So kulturell einflussreich die 68er-Bewegung auch war, entwickelte sich die Musik des Protests doch stetig weiter. Der moderne Protestsong hängt nicht mehr von einem bestimmten Genre oder einem Instrument ab. Man muss sich heute keine Akustikgitarre und Mundharmonika mehr umschnallen oder verzerrte Gitarrentöne über die Bühne jagen, um als Protestmusiker durchzugehen. Der Weg dorthin begann aber trotzdem genau damit: Mit laut verzerrten Gitarrentönen, die ein paar Jugendliche über die Bühnen Englands und der USA jagten. Er begann mit der Revolution namens Punk.

Der Punkrock der späten 70er brach endgültig mit allen musikalischen Normen. Die Musik war aggressiv, laut und simpel mit einer ebenso aggressiven, lauten und simplen politischen Message. Was mit Vorläufern wie Iggy Pop und den Stooges begann, explodierte spätestens mit den Sex Pistols an die (eher schockierte) Öffentlichkeit. Und genau dieses Schocken war auch das Hauptziel der Bewegung. Denn was genau ein Protestlied a la “God save the Queen” erreichen wollte, wusste schon damals niemand. Aber einen Satz wie “God save the Queen, the fascist Regime” … so etwas hatte sich noch keine britische Band zu singen getraut. Nur wenige Jahre zuvor verstanden Freddie Mercury und Co. es sogar noch als subversiv, ihre Band nach der Queen zu benennen. Das war auch ganz ohne Faschismusvergleich ein halber Skandal. Aber die Zeiten hatten sich eben geändert.

Der Punk Rock verbreitete sich in den späten 70ern über die ganze Welt. In England brachten es Bands wie The Clash zu legendärem Status, in New York folgten The Ramones und hierzulande Deutschpunk-Bands wie Slime (mit so radiotauglichen Hits wie “Wir wollen keine Bullenschweine”). Punk sprengte die Türen der Massenmusik damit sperrangelweit auf. In den 80ern folgten dann der Post-Punk, New Wave und schließlich die unterschiedlichsten Rock-, Punk- und Metalrichtungen der 90er. Das Protestlied kann spätestens seitdem fast jede Form annehmen. Weite Teile des Hip Hops sind ein Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA. Das war er schon in den 80ern, als NWA (Niggaz Wit Attitudes) mit “Fuck Tha Police” schockten. Die Ähnlichkeit zu Slimes Bullenschweinen ist übrigens kein Zufall. Das ist er auch heute noch in Childish Gambinos “This is America” und daneben kann ein Protestlied heute auch ganz anders klingen. Etwa so.

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