Der deutsche Schlager birgt eine spannende Geschichte und schwierige Definition. Trotzdem liegt mir die Musik am Herzen, wie auf diesem Bild meiner Schlagerband Nicki und die Schneehaserl klarwerden sollte.

Der deutsche Schlager und seine überraschend spannende Geschichte

Der deutsche Schlager ist für viele nichts weiter als eine schreckliche Musikform, die immer “die anderen” hören. Und auch wenn es sicher oftmals so ist: Man gibt ungern zu, seinen Ohren selbst hin und wieder einen guten Schlager zu gönnen. Ob das nun alleine zuhause (eher bedenklich) oder betrunken auf dem Oktoberfest (zutiefst verständlich) ist. So oder so: Das Wort Schlager sagt jedem von uns etwas. Jeder kann sich etwas unter dieser Musik vorstellen, eine genaue Definition des Schlagers fällt aber doch erstaunlich schwer. Vielleicht kann ein Blick in die Geschichte dieser Musikrichtung helfen?

Der Schlager: Operette 2.0

Für den deutschen Schlager begann alles mit der österreichischen Operette der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Operette hatte sich zu dem Zeitpunkt nämlich langsam zu etwas entwickelt, was dem heutigen Schlager gar nicht mal so unähnlich war. Ursprünglich war die Operette ja nur als “kleine” Oper konzipiert. Im 19. Jahrhundert wurde sie aber zur Massenware für das wachsende bürgerliche Publikum. Außerhalb der höfischen Gesellschaft diente sie in diesen Kreisen der Massenunterhaltung. Das soll freilich nicht heißen, dass sie qualitativ minderwertig war. Aber gut, diese Diskussion könnte man auch über den heutigen Schlager führen …

Die großen Musikstücke der Operette des 19. Jahrhunderts bewegten sich jedenfalls immer mehr in Richtung moderner Unterhaltungsmusik. Die Lieder sollten die Handlung der Operette stützen, die meist leicht verdaulich, humoristisch oder auch sentimental gehalten war. Die musikalische Untermalung wurde daher schon im späteren 19. Jahrhundert immer eingängiger. Irgendwann wurden einige dieser Nummern dann auch außerhalb des Operettenstücks, aus dem sie stammten, zum Hit und damit war der Schlager geboren. Genau da kommt der Name “Schlager” ja auch her. Ein Schlager war – wie sein englischer Namensvetter Hit – ein besonders erfolgreiches und beliebtes Musikstück. So könnte man vielleicht den “Csárdás” aus Johann Strauss’ “Fledermaus” einen der ersten großen Schlagersongs nennen.

Im frühen 20. Jahrhundert wanderte das Zentrum des Schlagers – noch heute nicht ganz unüblich – schließlich von Österreich nach Deutschland. Berlin wurde zum neuen Epizentrum der deutschen Popularmusik. Hier finden wir schon langsam Songs vor, die auch heute noch ohne Probleme als Schlagertitel durchgehen würden. “Schlösser, die im Monde liegen” aus Paul Linckes Operette “Frau Luna” zum Beispiel. In Kombination mit dem sich langsam verbreitenden Grammophon koppelte sich die Musik bis zum Ersten Weltkrieg weiter von der Operette ab. Das Publikum blieb dabei aber wohl dasselbe. Die Menschen, die sich in den 1910er-Jahren ein Grammophon leisten konnten, waren dieselben, die vorher (und auch parallel noch) die Operettensäle stürmten.

Der Weg in den deutschen Mainstream

Was vor dem Weltkrieg begann, nahm im Berlin der Zwischenkriegszeit so richtig an Fahrt auf. Nun trat nämlich im größeren Stil die Schallplatte bzw. Schelllackplatte auf den Plan. Und von der Revolution, die dann der Radio brachte, sprechen wir hier noch gar nicht. Auch in kleinbürgerlichen Kreisen wurde es nun langsam normal, im Alltag Musik zu konsumieren. Und deutsche Musik, das hieß in den 1920ern in erster Linie Schlager, wie auch immer man ihn definieren will. Es war die Art von Musik, die man zehn, zwanzig Jahre vorher noch in einer Operette gehört hätte. Was die Qualität der Songtexte anging, nähern wir uns hier aber schon gewaltig dem heutigen Schlager an. Ein paar besondere Perlen der Zeit sind etwa “Unter den Pinien von Argentinien” oder “Josef, ach Josef, was bist du so keusch”. Mit Liedern wie Friedrich Hollaenders “Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt” waren aber auch Songs dabei, die bis heute Bestandteil der deutschen Musikkultur geblieben sind.

Dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 diesem regen musikalischen Treiben nicht gerade gut tat, muss wohl nicht gesondert erwähnt werden. Die Nazis mögen ja für so einiges bekannt sein, ein großes Verständnis für Spaß zählt aber sicher nicht dazu. Hinzu kam, dass viele der erfolgreichen Schlagermusiker und Komponisten der Zwanzigerjahre jüdisch waren und nun in Scharen das Land verließen. Diejenigen, die blieben, fanden sich bald mit Auftrittsverboten konfrontiert und nicht wenige von ihnen wurden später in Konzentrationslagern ermordet. Was im “Dritten Reich” an Musik übrig blieb war dann meist mehr oder weniger plumpe Propaganda. Nach Ende des Weltkriegs kehrte der Schlager zwar zurück. Wie auch in der politischen und persönlichen Aufarbeitung der Nazizeit würde es aber auch in der Musik den Schock der Sechzigerjahre brauchen, um die alten Muster aufzubrechen. Den deutschen Schlager würde das für immer verändern.

Wie definiert man Schlager?

Wie dramatisch sich die deutsche Musikszene in den 1960ern veränderte, kann man sich heute nur noch schwer vorstellen. Ein Blick in die Hitparaden der Zeit macht den Wandel aber mehr als deutlich. Um das Jahr 1960 waren so gut wie alle Lieder der Top 40 deutschsprachig. Es verirrte sich vielleicht mal der ein oder andere Elvis-Song darunter, auch “Rock around the Clock” war in Deutschland ein einschlagender Hit. Im Großen und Ganzen war die populäre Musik der Zeit aber durch die Bank deutschsprachig. Schaut man zehn Jahre später in die Hitparaden, hat sich das vollkommen gedreht. Nun waren vielleicht noch zehn Prozent der Lieder deutschsprachig. Und Schuld daran hatte in erster Linie eine einzige Band: die Beatles. Als sie Mitte der Sechziger auch in Deutschland den Durchbruch feierten, waren ehe man sich versah alle Songs der Top 10 Beatles-Lieder! Englischsprachige Musik war einfach cool geworden.

Musik aus Deutschland wurde dann immer öfter auf Englisch gesungen. Es entstand auch hierzulande eine englischsprachige Rockszene und auch zahlreiche Vertreter des deutschen Pop begannen, auf Englisch zu singen. Übrig blieb der deutsche Schlager, der zu jener Zeit ein eher desorientiertes Dasein fristete. Einerseits versuchten Schlagermusiker, neue Musikrichtungen zu imitieren, wie sich etwa Drafi Deutschers “Marmor, Stein und Eisen bricht” der Beatmusik annahm. Einige der traditionelleren Schlagerkünstler wie etwa Peter Alexander konnten sich daneben auch weiterhin halten. Die Große Zeit der deutschsprachigen Massenmusik war aber ein für alle Mal vorbei. Spätestens seit den Siebzigern stellt sich eher die Frage, was Schlager eigentlich sein soll. Eine klare Definition des Schlagers fällt schwer. Seit der Neuen Deutsche Welle fand die deutsche Popmusik wieder verstärkt zur deutschen Sprache zurück. Gleichzeitig wurden sogenannte Schlagersänger wie Wolfgang Petry immer rockiger und poppiger.

Was bleibt, ist meist nur ein elitäres Statement. Schlager ist alles, was kitschig ist. Was wir selbst niemals hören würden. Die Musik der anderen. Und doch erfüllt der Schlager in Deutschland eine wichtige Funktion. Er bietet einfache, emotionsgeladene Musik für die breite Masse. Es ist Musik, bei der man sich zurücklehnen kann und sich nicht mit den tagtäglichen Schwierigkeiten des Lebens auseinandersetzen muss. Musik ohne Konsequenz. Und ein Bedürfnis für diese Art der Musik gibt es überall. Dort nennt man das entsprechende Genre dann eben nicht Schlager, sondern vielleicht Country oder Reggeaton …


In der zu diesem Artikel gehörigen Podcast-Episode rede ich diese Woche mit meinem guten Freund und Schlagermusiker Daniel Courtney über genau das gleiche Thema. Dort philosophieren wir fast eine Stunde lang über den Schlager, seine Definition, Geschichte und Wirkung. Dan ist auch im Bild zu diesem Artikel zu sehen, gemeinsam mit mir und den anderen Mitgliedern unserer Schlagerband “Nicki und die Schneehaserl”. Ja du hast richtig gehört. Ich bin in einer Schlagerband. Hier kannst du dir unseren Debüthit “Ich will dich” ansehen. Wenn du nun Interesse an mehr Geschichte hast (was ich doch hoffen will!), melde dich noch gerne für den Déjà-vu Geschichte Newsletter an. Ich würde mich freuen, dich in der Community begrüßen zu dürfen.

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