Joseph Kyselak: als ein Taugenichts aus dem Biedermeier die Graffiti erfand

In der Geschichte der Graffiti ist der Wiener Joseph Kyselak eine zentrale Figur: der erste Tagger.
Joseph Kyselak, der erste Tagger in der Geschichte der Graffiti, bei der Arbeit.

Kunst ist ja bekanntlich Ansichtssache. Was für den einen eine wahre Meisterleistung ist, ist für den anderen nur das nutzlose Gekritzel irgendeines betrunkenen Vollidioten. Und wenn wir ganz ehrlich sind: oft ist es das auch. In der Welt der Street Art und Graffiti ist dieses Problem ganz besonders ausgeprägt. Nichts erzürnt einen gestandenen Street Artist mehr, als wenn sein Werk von irgendeinem dahergelaufenen Sprayer verunstaltet wird. Ganz besonders wenn dem nichts Besseres einfällt, als einfach seinen Namen über das Bild zu sprayen, sich also billig zu taggen. Aber die Künstler sollten das nicht so eng sehen. Auch das Taggen blickt auf eine stolze Tradition zurück! Darf ich vorstellen: Joseph Kyselak, der erste Tagger der Geschichte und Graffiti Meister der Biedermeier Zeit.

Joseph Kyselak: ein geborener Versager?

Also wer war dieser Joseph Kyselak und was hat er mit Graffiti am Hut? Furchtbar viel ist über ihn nicht bekannt. Er wurde wohl irgendwann Ende des 18. Jahrhunderts in Wien geboren. So ganz sicher ist man sich bei seinem genauen Geburtsjahr nicht, es war aber sicher keine allzu tolle Zeit für eine sorgenfreie Kindheit. Gute zehn Jahre vor der Geburt des kleinen Joseph war ja in Frankreich die Revolution ausgebrochen, bald zog ganz Europa in den Krieg gegen Napoleon. Und da sagt nochmal einer die Kinder von heute hätten es so schwer. Reizüberflutung… Ja klar.

Ganz so wenig Glück hatte der junge Kyselak für die Zeit aber gar nicht. Immerhin kam er aus einer gestandenen österreichischen Beamtenfamilie! Sein Vater arbeitete bei der „k. k. Privat-, Familien- und Vitikalfondskassenoberdirektion“, einer Wiener Behörde und starkem Anwärter auf das unnütz längste Wort aller Zeiten. Kurz nach dem Sieg über Napoleon und dem folgenden Wiener Kongress, den er sicher auf die ein oder andere Art miterlebt hatte, schloss Kyselak dann auch das Gymnasium mit der Matura ab. Beste Voraussetzungen also, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Beamter zu werden!

Dafür war es auch eine gute Zeit. In Österreich war inzwischen der Biedermeier angebrochen. Es war da nicht so wichtig, was man im Leben genau machte. Wichtig war, dass man es leise tat und möglichst kein Aufsehen erregte. Wie gemacht für die Beamten. Dennoch entschied sich der junge Kyselak gegen das Beamtenleben und schrieb sich auf der Universität Wien für Philosophie ein. Ein Philosophiestudium war übrigens damals schon, was es heute noch meistens ist: eine Ausrede, um nur ja nicht zu arbeiten. Nach ein paar erfolglosen Semestern brach Kyselak das Studium dann auch ab. Sein Vater hatte ihm in der Zwischenzeit doch noch einen Job in seiner Behörde verschafft: ein unbezahltes Praktikum! Auch das kennen Philosophiestudenten von heute noch ganz gut.

Was so eine Kneipentour alles bringen kann

Kyselaks Praktikum in der Vitalfondskassenoberdingsbums verlief großartig. Es gefiel ihm dort sogar so gut, dass er nach sieben Jahren (!) immer noch Praktikant war! Er hatte sich zwischenzeitlich zwar für eine Stelle als Assistent beworben, wurde aber abgelehnt. Ironischerweise mit dem Verweis darauf, dass man anderen Bewerbern nicht noch länger eine unbezahlte Praktikantenstelle zumuten konnte. Dafür dürfte Joseph sicher vollstes Verständnis gehabt haben. Inzwischen schreiben wir das Jahr 1825. Kyselak geht rapide auf die Dreißig zu und hat im Leben noch überhaupt nichts erreicht. Ein gescheitertes Studium, sieben Jahre als Praktikant in der Behörde seines Vaters. Kein Wunder, dass er da gern mal einen trinken ging.

Bei einem dieser geselligen Trinkabende am Wiener Spittelberg kam es dann zum alles verändernden Moment seines Lebens. Er und seine Freunde schlossen im Rausch eine Wette ab, in der Kyselak behauptete, er könne innerhalb von drei Jahren im gesamten Habsburgerreich zu einer Berühmtheit werden. Und zwar ohne eine Straftat zu begehen oder eine neue Suizidmethode zu erfinden, wie er betonte. 

Vom hoffnungslosen Fall zum Graffiti Meister

Auch wenn dem lieben Kyselak die Erfindung einer neuen Suizidmethode sicher nicht schwergefallen wäre – er war ja immerhin ein Urwiener – überlegte er sich also etwas anderes. Noch im selben Jahr zog er auf eine mehrjährige Wanderung durch Österreich los. Dabei hatte er wohl zwei Motive. Einerseits verfasste er ein Buch über seine Abenteuer. Reiseberichte waren im Biedermeier ja sehr en vogue und damit konnte man recht schnell zu einiger Berühmtheit gelangen. Blöd nur, dass Kyselak als Schreiber ungefähr so begnadet war wie als Student und Praktikant. Absolut unlesbar, diese Berichte. Zu seinem Glück hatte Kyselak aber einen Ersatzplan: Er hatte auf seinen Reisen Tinte und Pinsel bei sich und begann wo immer er hinkam seinen Namen zu hinterlassen.

So zog er drei Jahre lang durch die Landen. Niederösterreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg, Bayern, Tirol… Überall hinterließ er an Wänden, Mauern und wo immer es sich anbot sein Markenzeichen: den eigenen Nachnamen in fetter, schwarzer Schrift. Schon nach einem Jahr mussten seine Saufkumpanen in Wien eingestehen: Er hat die Wette gewonnen. Nachrichten über den mysteriösen „Kyselak“-Schriftzug machten inzwischen im ganzen Land die Runde, von der Wachau bis ins Tiroler Hochgebirge wurden seine Tags gesichtet und die Presse rätselte über die Hintergründe. Und das alles 150 Jahre vor dem Aufkommen der modernen Graffiti!

Was bleibt vom ersten Graffiti Meister der Geschichte?

Allzu glücklich machte Kyselak sein neuer Ruhm und die gewonnene Wette aber trotzdem nicht. Im Jahr 1828 kam er von Passau aus nach Wien zurück und nur drei Jahre später starb er dort im Alter von knapp über Dreißig an der Cholera. Der Legende nach hat er sich die Krankheit sogar absichtlich zugezogen, indem er sich partout weigerte, die Stadt zu verlassen, und ganz gezielt ungewaschenes Obst zu sich nahm. Na also, geht doch! So hat er doch noch eine neue Suizidmethode erfunden!

Kyselaks Erbe ist aber noch heute zu sehen. Auf einer Felswand in der Wachau prangt sein Schriftzug zum Beispiel noch immer. In Wien gab es schon im 19. Jahrhundert die ersten Nachahmer, sodass der Name Kyselak dort heute auf zahlreichen Gebäuden zu sehen ist. Auch einige Legenden haben sich um den Graffiti Meister Joseph Kyselak gebildet. Einer dieser Mythen nach wurde er einmal sogar zu Kaiser Franz I. gerufen, der ihm befahl, doch endlich mit der elendigen Schmiererei aufzuhören. Kyselak schwor natürlich sofort Besserung. Ein paar Stunden später fand der Kaiser den Schriftzug „Kyselak“ auf seinem Arbeitstisch eingraviert.

Legenden hin oder her: mit seiner Unnachgibigkeit und der damals vollkommen absurden Angewohnheit, überall den genau gleichen Schriftzug – teils sogar mithilfe von Schablonen – zu hinterlassen, ist Kyselak fast ohne Zweifel der erste Tagger in der Geschichte der Graffiti. Wie gesagt: ein Problem, mit dem die Street Art Szene bis heute zu kämpfen hat. Seine Wette hat Kyselak somit klar gewonnen. Tausende Tagger geben ihm heute noch recht.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Die Straßenkunstszene Wiens hat heute übrigens zum Glück mehr zu bieten als billige Tags. Mein guter Freund Thomas hat dazu vor kurzem den Street Art Guide Vienna veröffentlicht – große Empfehlung an der Stelle! Auch auf der Facebookseite Vienna Murals gibt es regelmäßig Kunst aus dem öffentlichen Raum zu sehen. Tja, und sonst gibt’s da noch das Buch da unten! Wie immer unterstützt ihr beim Kauf dieses Haufens Scheisse diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zu nächsten Mal!

 

Hat dir der Artikel gefallen? Dann teil ihn doch bitte!
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on XingShare on Reddit

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.