Die drei dämlichsten nationalen Meistererzählungen der Geschichte

Jede Nation braucht eine Meistererzählung. Oft sind die zum Wegschmeißen lächerlich. Hier ein Beispiel aus der englischen Geschichte: Hengist und Horsa.
Viele Nationen haben eine richtig dumme Meistererzählung. Hier zum Beispiel der englische Mythos von Hengist und Horsa in einer Karikatur aus 1906.

Nationen. Sie sind wohl die dümmste Erfindung, auf die die Menschheit je kam. Oder zumindest stehen sie doch auf einer Ebene mit Schwarzpulver und Autos. So eine Nation erhält sich aber natürlich nicht von selbst. Man muss dem eigenen Volk auch regelmäßig einreden, dass es immer noch zur Nation gehört! Hier kommt die sogenannte Meistererzählung ins Spiel. Eine Herkunftsgeschichte, die uns erklären soll, warum wir eigentlich zusammengehören und wie wir hinkamen, wo wir heute sind. Und so negativ die Auswirkungen des Nationswahns auch sind, bleibt uns zumindest eines: über diese Meistererzählungen zu lachen. Denn viele von ihnen sind wirklich unfassbar lächerlich. Hier sind meine Top 3 der dämlichsten nationalen Meistererzählungen der Geschichte.

Meistererzählung I | Ungarn und der Turul

Die ungarische Legende des Turul ist wohl die behämmertste nationale Geschichte von allen. Und noch besser: Sie ist zentral zum ungarischen Nationsverständnis! Da macht es gleich doppelt so viel Spaß, sich darüber lustig zu machen. Der Turul ist in der ungarischen Meistererzählung ein großer adlerähnlicher Greifvogel. Wer mal in Ungarn war, hat vielleicht sogar schon die ein oder andere Turul-Statue gesehen. Die Ungarn bauen diese nämlich gern am Autobahnrand auf, dass man sie auch als Außenstehender ja gut sehen kann. Aber dieser Turul ist nun natürlich nicht nur irgendein Vogel; nein nein, er ist der Vater der ungarischen Nation!

Der Legende nach erschien der Turul einer gewissen Emese im Jahr 819 im Traum und schwängerte sie bei der Gelegenheit gleich noch. Ja ich weiß… Biologische Bedenken stellen wir mal hintan. Daraufhin entsprang aus Emeses, nun… Privatgemächern… ein kleiner Bach und begann, in Richtung Westen zu fließen. Er floss die Schwerkraft ignorierend über Berg und Tal, wandelte sich mit der Zeit zu einem reißenden Fluss, bis er schließlich eine fruchtbare Ebene am anderen Ende der Berge erreichte. Diese Ebene war die pannonische Tiefebene. Die Berge waren die Karpaten, hinter denen die Vorgängerstämme der Ungarn zu dieser Zeit wohl siedelten. Kurz nach ihrem erotischen Traumerlebnis brachte Emese dann auch tatsächlich einen Sohn zur Welt und nannte ihn schlicht Álmos, ungarisch für „der Träumende“. Unter seiner Führung einigten sich später die ungarischen Stämme und zogen kurz darauf unter der Führung Álmos‘ Sohns Árpád los, um die gesegnete Steppe hinter den Bergen zu besiedeln, von der Emese einst geträumt hatte.

Und das ist die Geschichte, wie die Ungarn in die pannonische Tiefebene kamen. Dass es sich dabei nur um eine öde Steppe handelte, ist wohl niemandem aufgefallen. Auch nicht, dass sie dabei einer von einem Vogel geschwängerten Frau und ihrem Intimfluss folgten. Solche Details sind bei einer so tollen Legende aber auch wirklich nicht wichtig.

Meistererzählung II | Rumänien und die Daker

Die zweite Meistererzählung, die ich heute teilen möchte, liegt nicht weit von Ungarn entfernt. Es geht in ihr um den Ursprung des rumänischen Volkes. Dabei handelt es sich aber nicht unbedingt um eine Legende oder einen Mythos. Die rumänische Meistererzählung wird hochoffiziell von rumänischen Historikern vertreten! Dass so gut wie kein nicht-rumänischer Historiker diese Meinung vertritt, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Die Geschichte geht in etwa so: Im heutigen Rumänien lebten vor tausenden von Jahren die sogenannten Daker. Die machten den Römern um das Jahr 100 herum einige Probleme an der Grenze, weshalb das Römische Imperium dort einmarschierte, um für Frieden zu sorgen. Die Daker störte das offensichtlich aber überhaupt nicht und sie begannen schnurstracks, Latein zu sprechen und sich mit den Römern zu verheiraten. Klar, so funktioniert das mit Invasionen ja bekanntlich. Nach nicht mal 200 Jahren wurde es für die Römer aber schon wieder ungemütlich in Rumänien. Goten, Slawen, Awaren und sonstiges Gesocks fing da ja plötzlich an, über die Ostgrenze ins Reich einzudringen. Die Römer packten also ihre sieben Sachen und kehrten der Region den Rücken. Die Daker blieben zurück, versteckten sich in den Bergen und konnten so ihre Kultur und die lateinische Sprache verteidigen. Gegen Goten, Slawen, Hunnen, Awaren und Ungarn. Über tausend Jahre hinweg. Alles kein Problem.

Die rumänische Meistererzählung behauptet aber darüber hinaus, dass sich diese Geschichte so auch in Siebenbürgen abgespielt hat. Das ist auch der eigentliche Grund für die ganze Erzählung. Man will damit die Herrschaft über das Land gegenüber den Ungarn rechtfertigen. Blöd nur für die rumänischen Nationalisten, dass vor dem 12. oder 13. Jahrhundert keinerlei Quelle die Daker, Rumänen oder Wallachen in Siebenbürgen erwähnt. Es könnte sogar sein, dass die ersten „Rumänen“ überhaupt vom Balkan ins heutige Rumänien kamen, die Geschichte mit den Bergen also nicht mal weiter im Osten passiert ist. Zumindest sagen das die nicht-rumänischen Historiker. Aber wir wollen doch nicht auf die hören…

Meistererzählung III | Die Angelsachsen, Hengist und Horsa

Das sind nun zwar schöne Geschichten. Wirklich behämmert wird es aber erst – wie so oft – wenn die Engländer ins Spiel kommen. Oder besser gesagt die Angelsachsen. Die Legende ihrer Ankunft in England wirkt nämlich, als hätte sie ein Fünfjähriger verfasst. Dagegen ist die Story vom frauenschwängernden Vogel geradezu hohe Poesie. Die angelsächsische Meistererzählung spielt im 5. Jahrhundert und geht in etwa so:

Es war einmal ein König von Britannien, der

Oh je… da fängt die Sache schon an. Einen König von Britannien gab es nach Abzug der Römer mit ziemlicher Sicherheit keinen. Aber gut, ein König, was auch immer. Und dann?

…der hieß Vortigern. Da der mit allerlei Einfällen aus dem Norden zu kämpfen hatte, bat er die Sachsen des Kontinents um Hilfe. Zwei sächsische Fürstenbrüder namens Hengist und Horsa ließen sich natürlich nicht zweimal bitten und schlossen sogleich einen Pakt, dass sie nicht nur als Söldner nach Britannien gehen, sondern das Land gemeinsam gleich einnehmen würden…

Hengist und Horsa. Wirklich? Ist denn niemandem aufgefallen, dass diese Namen einfach nur Hengst und Pferd bedeuten? Und überhaupt: Vortigern? Wohin tigert der denn vor? Ein bisschen mehr Einfallsreichtum wird man von Legendenschreibern doch auch noch erwarten dürfen. Aber gut. Wie geht es weiter?

die beiden Brüder zogen also mit drei Schiffen und einigen Kriegern nach England, um Vortigern als Söldner bei der Verteidigung seines Reiches zu dienen. Wie in ihrem Pakt vereinbart, stellten sie sich aber bald gegen ihren Herrn. Im darauf folgenden Krieg starb Horsa, Hengist aber blieb siegreich und gründete das erste sächsische Königreich in Kent.

Moment mal. Drei Schiffe? Alle angelsächsischen Siedler in England sollen auf nur drei Schiffe zurückgehen? Das kann mir doch niemand erzählen! So viel Inzest kann man nicht mal den Engländern anheften. Der Grund für diese Unglaubwürdigkeit ist auch schnell gefunden. Die erste Fassung der Legende stammt nämlich nicht aus der Zeit, von der hier die Rede ist. Nein, nicht mal eine Generation später oder zwei. Sie stammt von einem gewissen Beda, einem Mönch, der die Legende um das Jahr 730 niederschrieb. Das ist ganze 300 Jahre nach den Ereignissen der Sage!

Woher soll der gute Beda das alles denn gewusst haben? Wir kennen keine vertrauenswürdigen Quellen aus der Zeit und dass Beda welche gehabt haben soll, verlangt schon nach einer gesunden Ladung Vertrauen. Wahrscheinlicher ist, dass er einfach vorhandenes „Volkswissen“ zusammenfasste, also Geschichten, die zu seiner Zeit in England umhergeisterten. Denn seien wir uns mal ehrlich: Wie gut könnt ihr die Ereignisse eurer Heimatregion um das Jahr 1740 rekonstruieren, gäbe es keine Geschichtsbücher und Wikipedia? Eben!

… und deshalb sind Geschichten von Nationen immer falsch

Die Moral von der Geschichte ist, wie jeder Kirchengänger weiß: Wo es keine gesicherten Fakten gibt, gibt es immer umso mehr Mythen und Legenden. Die nationalen Meistererzählungen sind dafür ein Paradebeispiel. Meist sind solche Mythen aber zum Glück leicht zu entkräften. Sie stimmen einfach nicht mit den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen überein!

Nehmen wir nur mal die Arche Noah als Beispiel. Die Geschichte ist natürlich episch, kein Wunder, dass sie immer wieder abgeschrieben wurde. Wissenschaftlich ist aber klar, dass es wohl weder eine Flut dieses Ausmaßes gegeben hat, noch hätten alle Tiere der Welt auf so einem Schiff Platz gehabt. Ich bezweifle auch stark, dass Noah kurz vor der Flut noch mal schnell Australien entdeckte, um auch die Kängurus zu retten. So war es auch bei den Ungarn und ihrem Vogel, den Rumänen und ihren Bergen und den Engländern und ihren Schiffen. Aber wenn man von diesen Legenden schon nichts lernen kann, haben wir doch zumindest was zu lachen. Sachen gibt’s…


Warum wir uns jetzt überhaupt für Geschichte interessieren sollten, kann man in diesem Post nachlesen. Als kleine Literaturempfehlung bringe ich heute schließlich Will Cuppys „The decline and fall of practically everybody“ mit. Dieses Buch gehört seit seiner Erstveröffentlichung 1950 (!) zu den bekanntesten satirischen Geschichtsbüchern überhaupt. Und zurecht! Hier werden wirklich alle erdenklichen lustigen Anekdoten zu berühmten historischen Persönlichkeiten ausgegraben und lächerlich gemacht. Ein wahrer Genuss. Wie immer unterstützt ihr mit dem Kauf diesen Blog mit ein paar Cent. Wir sehen uns beim nächsten Mal!

 

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