Deutsche nationale Mythen: Die Varusschlacht, die Nibelungen und das Kaiserreich

Es gibt viele typische deutsche Mythen. Hier als Beispiel: Arminius bzw. Hermann in der Varusschlacht.

Nationale Mythen sind im Europa von heute noch immer allgegenwärtig. In allen Ländern finden wir Geschichten darüber, wo das jeweilige „Volk“ denn herkommt und warum man sich ihm nun zugehörig fühlen soll. Das ist schließlich der Kern des Nationalismus und auf genau diesen bauen die Nationalstaaten von heute auf! Deutschland ist dabei ein wunderbares Beispiel für die anhaltende Macht dieser nationalen Erzählungen. Denn eine zentrale Funktion aller Geschichtsmythen wird in Deutschland ganz besonders deutlich: Wir sehen hier, wie Legenden die Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft verbinden und uns als „Deutschen“ eine Geschichte geben. Eine Geschichte darüber, wer wir sind, woher wir kamen und wohin wir gehen.

In den deutschen politischen Mythen herrschen dabei vor allem zwei Motive vor. Einerseits der ewige Kampf um die Unabhängigkeit, zuerst gegen Rom, dann gegen Frankreich und schließlich gegen die Sowjetunion. Andererseits gibt es auch einen deutschen Opfermythos, wenn auch gemischt mit nationaler Stärke. Um das deutlich zu machen, möchte ich in diesem Artikel vier typische deutsche Geschichtsmythen mit dir teilen: vom vielleicht wichtigsten und frühesten Gründungsmythos Deutschlands – Hermann dem Cherusker und seinem Kampf gegen Rom – über die Nibelungen, Kaiser Barbarossa bis hin zur Dolchstoßlegende im Ersten Weltkrieg. Starten wir also rein!

Die Varusschlacht. Warum Hermann kein Name ist

In unserer ersten Geschichte befinden wir uns kurz nach der Zeitenwende im Jahr 9 nach Christus. Die römische Herrschaft ist in weiten Teilen des europäischen Kontinents Realität. So ist etwa Gallien im Gebiet des heutigen Frankreichs schon seit Jahrzehnten unter römischer Herrschaft (Witze über Franzosen und die weiße Flagge bitte hier einfügen). In den Gebieten östlich des Rheins sieht die Lage aber anders aus. Diese Gegend nennen die Römer „Germanien“ und ihre Oberhoheit über dieses Gebiet ist noch nicht sonderlich etabliert. Immer wieder überqueren römische Truppen zwar den Rhein und es gibt auch semi-dauerhafte Siedlungen auf der anderen Seite; einen echten Teil des Imperiums bilden die germanischen Stämme dort aber nicht. Dieser Status quo gefällt den Herren im römischen Zentrum aber freilich ganz und gar nicht. Rom ist schließlich bekannt dafür, stets zur weiteren Expansion hinzustreben, und so sollte es auch hier geschehen. In den ersten Jahren nach Christi Geburt sehen wir konsequenterweise eine ganze Reihe von Feldzügen über den Rhein und wieder zurück.

Eine dieser Auseinandersetzungen würde als Varusschlacht in die Geschichte eingehen. Im Zentrum dieser Erzählung steht aber gar nicht so sehr – wie der Name vielleicht vermuten lässt – der römische Feldherr Varus. Hauptdarsteller ist vielmehr ein gewisser Arminius, ein Mitglied des germanischen Stammes der Cherusker, der allerdings in Rom aufwuchs. Warum genau, wissen wir allerdings nicht … Vermutlich wurde er von den Römern als Geisel genommen (was eine durchaus gängige Praxis war), um dann in Rom ausgebildet zu werden. Oder seine Eltern schickten ihn weg, weil er sie einfach nervte. So oder so boten sich ihm einige Chancen im Imperium und so war Arminius im Jahre 9 schon seit einiger Zeit in der römischen Armee gewesen. Er kommandierte dort germanische Hilfstruppen, was eine übliche Praxis war, da die römische Armee eine berüchtigt miserable Kavallerie besaß und deshalb auf germanische oder gallische Reiter setzte. In dem Zusammenhang kam es auch zu Arminius‘ Rückkehr nach Germanien. Er reiste im Gefolge des Heerführers Varus an und befehligte einen Teil der Armee unter ihm, als dieser im Sommer zum wiederholten Male den Rhein in Richtung Osten überquerte. Der Ablauf des Feldzuges war inzwischen wohlerprobt. Wie schon in den Jahren davor zogen drei Legionen der Römer in germanisches Gebiet, trugen dort einige Scharmützel aus, zeigten aber in erster Linie einfach etwas Präsenz. Für den Winter zogen sie sich schließlich wieder zurück an den Rhein. Niemand wollte schließlich einen germanischen Winter in Röcken und Sandalen hinter sich bringen müssen.

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Doch dieses Mal war alles anders: Arminius stellte die Maßnahmen Roms dann scheinbar doch infrage, besann sich auf seine germanische Herkunft und entschied, sich gegen Varus und die Römer zu stellen. Er schmiedete heimlich eine Koalition germanischer Stämme, die die Soldaten Roms in einen Hinterhalt locken sollte. Was folgte, war die berühmte Varusschlacht, wobei sie den Namen „Schlacht“ eigentlich kaum verdiente. Es handelte sich vielmehr um drei Tage des Gemetzels. Die Römer – mit einem Tross an Soldaten im fünfstelligen Bereich – zogen in einer langen Reihe durch die dichten Wälder in Richtung Rhein. Wohl im Zweier- oder Dreierglied und somit kilometerlang. Bei der Gelegenheit fiel Arminius sie mit seinen Verbündeten von der Seite kommend an. Am Ende des tagelangen Gemetzels blieb fast keiner der Römer am Leben. Die Pläne Roms, ihre Herrschaft über Germanien auszubauen, wurden damit für die nächsten Jahre ebenfalls erstmal zunichtegemacht und wie wir im Rückblick wissen, ist dies danach auch nie mehr gelungen. Es wurden zwar Teile des heutigen Deutschlands in das Römische Reich integriert, der Großteil blieb jedoch außerhalb der Reichsgrenzen.

Wie Geschichten zu Mythen werden

An der Stelle ist es aber an der Zeit, eine Grundregel nationaler Mythen vorzustellen: Die eigentliche Geschichte ist nämlich selten deckungsgleich mit dem, was später aus ihr gemacht wurde. Die Varusschlacht ist nicht dasselbe wie der „Mythos Varusschlacht“. Dieser beinhaltet heute viel mehr als nur die Inhalte dieser Erzählung, die wir anhand römischer Quellen halbwegs nachvollziehen können. Die Bedrohung durch Rom wurde im Mythos zum Joch hochstilisiert, das später immer wieder neue Formen annahm. Nicht zuletzt wurde Frankreich in späterer Zeit zum neuen Erzfeind erkoren und erbte dabei viele der Attribute der Römer. Aber vielleicht der wichtigste Aspekt in diesem Mythos: Arminius ist hier nicht einfach ein Cherusker, ein Mitglied einer von vielen germanischen Stämmen. Er ist Sinnbild einer germanischen „Nation“. Arminius wird vom Cherusker zum Germanen (und damit irgendwie zum Deutschen). Alle Germanen werden zu einer Einheit. Und die Varusschlacht wird damit zu nichts weniger als einem Symbol für den „deutschen“ Freiheitswillen, der der Nation schlicht innewohnt und in der Geschichte immer aufs Neue zum Vorschein kommt.

Aber wie kamen wir zu dieser Art der Erzählung? Wie konnte aus einem zweitausend Jahre alten Hinterhalt eine solche Legende werden? Nun: Die Erinnerung an die Varusschlacht wurde keineswegs durchgehend auf genau diese Art wiedergegeben. Ganz im Gegenteil sogar! Viele Jahrhunderte lang wurde überhaupt nichts über diese Schlacht geschrieben. Es gibt zwar einige römische Quellen aus der direkten Folgezeit, doch auch diese setzen sich nicht im Detail mit der Schlacht selbst auseinander. Vielmehr zeichnen sie die Niederlage als Schmach und Varus als Schuldigen und Versager. Von wie auch immer gearteten „Heldentaten“ der Germanen unter Arminius ist da keine Rede – verständlicherweise vielleicht. Es dauerte danach auch noch eine ganze Zeit, bis diese Geschichte von Schriftstellern neu aufgegriffen wurde. Der erste, der das im großen Stil tat, war tatsächlich erst Deutschlands Luftikus Martin Luther. Er sorgte im 16. Jahrhundert für ein echtes Revival der Geschichte um die Varusschlacht, denn er sah da eine Verbindung. Seinen eigenen Kampf gegen die römisch-katholische Kirche verglich er mit dem Kampf Arminius‘ gegen das römische Imperium. Bei der Gelegenheit benannte er Arminius auch gleich noch in Hermann um, wohl um ihm einen greifbareren, weil deutscheren Namen zu geben. Das ergibt historisch zwar keinerlei Sinn – so hieß der Mann nicht und der Name Hermann existierte nicht einmal – aber was solls. Es war dies immerhin nicht das erste Wort, das Luther erfand. Wir haben ihm etwa auch für die „Herzenslust“ oder den „Rotzlöffel“ zu danken.

Mit Luther wurde die Erzählung jedenfalls wieder modern und von da an immer wieder neu aufgegriffen. Insbesondere die napoleonische Zeit bot dazu reichlich Anlass und bald schon gab es eine wahre Flut an Schriften, Gemälden und Kunstwerken, die an den Kampf „Hermanns“ gegen die verfeindete Großmacht Rom erinnerten. Wir befinden uns immerhin in der Blütezeit des frühen Nationalismus und da ließ es sich kaum jemand nehmen, solche alten Geschichten nicht neu zu verpacken – allein schon als Motivation für den Widerstand gegen Napoleon. Arminius‘ Taten wurden mit diesem Krieg gegen Napoleon und die Franzosen also gleichgesetzt. Denn Französisch war doch schließlich auch irgendwo Straßenlatein und damit war Frankreich ein direkter Nachfolger Roms, der es erneut wagte, den Rhein zu überschreiten. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, als Deutschland vereinigt und das Kaiserreich begründet wurde, nahm die Mythisierung Arminius‘ dann noch mal ganz neue Formen an. Aber du kennst ja wahrscheinlich das Hermannsdenkmal bei Detmold.

Die alte Leier der Nibelungen

Der Mythos um Arminius und die Varusschlacht steckt den Rahmen der deutschen Nationalerzählung schon ziemlich detailliert ab. Doch ist er nicht der einzige politische Mythos der deutschen Nation. Eine andere typisch „deutsche“ Geschichte spielt nur ein paar Jahrhunderte nach der Varusschlacht und du kennst sie sicher auch: die der Nibelungen natürlich. Im Nibelungenlied geht es in erster Linie um den blonden Kraftprotz Siegfried. Er ist ein geradezu stereotypischer Action-Held und zeichnet sich durch die Superkraft aus, dass er als Jugendlicher in Drachenblut gebadet und damit unverwundbare Haut erhalten hat – mit Ausnahme einer kleinen Stelle auf dem Rücken (aber was sollte da schon passieren …). Einige Zeit später möchte Siegfried schließlich Kriemhild zur Frau nehmen, die Prinzessin der Burgunder. Er zieht also dorthin an den Hof, lebt mit den Brüdern Kriemhilds zusammen und versucht den König der Burgunden Gunther – einen der Brüder Kriemhilds – währenddessen dazu zu bewegen, um die Hand seiner Schwester anhalten zu dürfen. Dafür muss er ihn erst dabei unterstützen, die Königin Brünhild zu besiegen, die Gunther dann wiederum zur Frau nimmt. Dating im 5. Jahrhundert war echt nicht dasselbe wie heute … Am Ende gibt es aber doch ein großes Happy End: Siegfried und Kriemhild können heiraten; ihr Bruder und Brünhild tun dasselbe. Doch dann Plot Twist! Es folgt der Verrat. Hagen von Tronje, ein Gefolgsmann der Burgunder, ersticht Siegfried an seiner einzigen Schwachstelle am Rücken und es war um den deutschen Helden geschehen – irgendwas ist echt immer.

Die Quellenlage ist beim Nibelungenlied allerdings noch schwieriger als bei der Varusschlacht. Nicht mal mehr die Römer waren zu dem Zeitpunkt noch da, um die Geschichte niederzuschreiben, und sie ist wohl auch nie so geschehen. Das Nibelungenlied ist doch offensichtlich keine historische Erzählung – es kommt immerhin ein Drache darin vor! Vielmehr ist es ein Werk der Mythologie, verfeinert mit einer Prise historischer Tatsachen. Die Geschichte mag dabei zwar im frühen Mittelalter spielen, das Lied entstand aber erst viel später zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert. Obendrein stammt es auch nicht aus der Region um den Rhein und Burgund, sondern aus der Gegend um Passau. Dennoch erlangte das Werk schon im Mittelalter eine gewisse Beliebtheit in adeligen Kreisen. Als frühe Nationalisten und Romantiker im 18. Jahrhundert dann begannen, eine Vergangenheit des „deutschen Volkes“ zu basteln, lag das Nibelungenlied somit praktischerweise schon parat. Siegfried wurde somit nach Arminius schon zweiten deutschen Actionstar der Geschichte. Ein Aspekt der Erzählung der Nibelungen würde mit der Zeit aber vielleicht noch größere Bedeutung annehmen als Siegfried: die Idee der „Nibelungentreue“, einer alten Form der Vasallenverpflichtung. Diese „Nibelungentreue“ wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zum geflügelten Begriff. In Berlin wurde sogar der Eintritt Deutschlands aufseiten Österreichs in den Ersten Weltkrieg mit dieser Nibelungentreue gerechtfertigt! „Wir sind treu gegenüber unserem Partner Österreich, der hinterhältig von Serbien angegriffen wurde.“ Selbstverständlich waren die realpolitischen Gründe hinter dem deutschen Kriegseintritt deutlich komplexer, aber die Geschichte der Nibelungen hatte genug Breitenwirkung, um als Propagandamittel herhalten zu können. Sie war schließlich als Resultat von Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ gerade wieder neu belebt worden. Genau das ist schließlich auch die Macht politischer Mythen.

Kaiser Barbarossa und das gar nicht so Deutsche Kaiserreich

Aber zwei deutsche Machos als Nationalhelden … genügt das denn wirklich? Ich sage mit Inbrunst: Nein, das genügt nicht! Ich möchte mich daher dem ersten deutschen Geschichtsmythos zuwenden, der zur Abwechslung auch tatsächlich belegt ist. Bisher befanden wir uns doch in einer recht dunklen Frühzeit. Aber zum Glück haben wir mit Friedrich Barbarossa noch einen echten deutschen Nationalhelden in der Hinterhand! Und der ist historisch mehr als gut belegt – immerhin war er römisch-deutscher Kaiser im 12. Jahrhundert. Das sagt freilich noch nichts über seine Bedeutung. Kaiser gab es auch einige, aber doch nahm Friedrich Barbarossa schon zu Lebzeiten einige Bedeutung in der Literatur und Kultur ein. Er galt bereits bei Autoren des Mittelalters als Vorzeigeritter und -herrscher. Barbarossa war es schließlich, der für die göttliche Ordnung auftrat und gegen all jene zog, die diese Ordnung infrage stellten. Nicht zuletzt beteiligte er sich dafür doch auch am Kreuzzug. Dass er auf dem Weg dorthin weniger glorreich beim Schwimmen ertrank, lassen wir an der Stelle mal lieber aus.

Eine deutsche Mythengestalt war er damit aber noch nicht. Das geschah erst im 19. Jahrhundert. Bis dahin war Barbarossa zwar ein berühmter Kaiser gewesen, doch nun wurde er von den umtriebigen Nationalisten der Zeit, ganz ähnlich wie „Hermann“ oder Siegfried, als Proto-Deutscher wieder ausgegraben. Und in diesem Prozess kam eine ganze Serie an Mythen auf, die Barbarossa mit der deutschen Nation in Verbindung bringen sollten. Der wohl bekannteste darunter ist, dass er gar nicht gestorben sein soll. Friedrich Barbarossa ruht vielmehr im Kyffhäuser, einem Hügel in Thüringen, und dort wartet er, bis seine Zeit gekommen ist – bis die Deutschen ihn brauchen und sich endlich einen. Nicht zufällig bezog sich das frisch geeinte Deutsche Kaiserreich ab den 1870ern dann auch auf ihn. Friedrichs Reich, obwohl es mit einem modernen Deutschland kaum etwas zu tun hatte und auch der Kaiser keineswegs ein „Deutscher“ war, wurde zum Vorbild. Das Kaiserreich des 19. Jahrhunderts wurde zum „Zweiten Deutschen Reich“ und ein sogenanntes drittes würde bekanntlich auch noch folgen. Und auch in nationalsozialistischen Kreisen stand Barbarossa noch für Deutschland, für deutsche Geschichte und Größe. Nicht ohne Grund wurde der Angriff auf die Sowjetunion ab 1941 als „Unternehmen Barbarossa“ betitelt. So eine Verunglimpfung hat nicht mal der alte Nichtschwimmer-Fritz verdient.

Die Dolchstoßlegende. Geschichte eines Versagens

Ein Trend wird in den Mythen Deutschlands an der Stelle schon sehr deutlich: Die deutschen Legenden wimmeln nur so vor starken Männergestalten. In vielerlei Hinsicht sind Arminius, Siegfried und Barbarossa ziemlich ähnliche Figuren. Weiße privilegierte Männer mit Testosteronüberschuss eben, auch wenn mit ihnen im Schwimmbad oder beim Duschen kein Staat zu machen ist. Nun habe ich anfangs aber auch von einem deutschen Opfermythos gesprochen: Den finden wir in der Dolchstoßlegende vor. Diese ist im Kern nicht mehr als eine Lüge, die zum Ende des Ersten Weltkriegs von den Befehlshabern der Obersten Heeresleitung verbreitet wurde. Diese waren einerseits Paul von Hindenburg – späterer Reichspräsident und Wegbereiter Hitlers – und Erich Ludendorff, unter anderem bekannt wegen seiner Beteiligung am Hitlerputsch 1923. Lichtgestalten der deutschen Geschichte also … Die beiden behaupteten im Herbst 1918 kurzerhand, dass Deutschland „im Felde unbesiegt“ geblieben sei (obwohl die Niederlage an der Westfront mehr als offensichtlich war). Man hätte nur aufgrund eines Verrats von hinter der Front verloren. Damit blickten sie vor allem auf die jüdische Bevölkerung und kommunistisch gesinnte Kreise in Deutschland und wiesen damit jegliche Schuld von sich – ein zutiefst staatsmännischer Akt eben. Obwohl die Dolchstoßlegende reine Erfindung war und ihr alle Fakten entgegenstanden, hatte sie aber großen Einfluss. Die rechten und konservativen Teile der Bevölkerung wollten die Niederlage genauso wenig wahrhaben wie die beiden Helden in der Obersten Heeresleitung und nahmen scheinbar jede Ausrede dankend an. Das änderte sich danach nicht mehr großartig und auch in der Nazipropaganda blieb der angebliche Dolchstoß noch über Jahrzehnte präsent. Es wurden sogar Parallelen zur anderen Opfergeschichte Deutschlands gezogen: zum Mord an Siegfried. Na ja … Der Erfolg gab den Anhängern dieser Lüge wohl recht.

Deutscher Nationalismus in Mythenform

Diese vier Mythen – die Varusschlacht, die Nibelungen, Kaiser Barbarossa und der angebliche Dolchstoß – umfassen die Vorstellung einer deutschen Nation dann auch ziemlich gut. Man könnte die Liste lange fortsetzen, aber die bedeutendsten Elemente des deutschen Nationalbewusstseins, wie es im 19. Jahrhundert geformt wurde, findet man in diesen Legenden bereits vor. In diesen wird von einem widerstandsfähigen, starken und unabhängigen Deutschland gesprochen, repräsentiert von Figuren wie Arminius, Siegfried und Barbarossa. Auch Verrat spielt eine nicht unwesentliche Rolle, durch den – und nur durch den! – dieses stolze Deutschland in die Knie gezwungen werden kann. Ich höre jetzt aber schon deinen Einwand: „Ja gut. Diese Geschichten sind auch heute noch bekannt. Aber sie sind im Deutschland des 21. Jahrhunderts doch nicht mehr wirkmächtig. Es sind einfach Geschichten!“ Damit hast du auch recht. Diese Mythen haben einen guten Teil ihrer Strahlkraft eingebüßt, allerdings haben sie ihren Zweck auch schon erfüllt.

Deutschland und die deutsche Nation werden heute als alt, fixiert und „normal“ angesehen. Man ist eben Deutscher, man ist eben Deutsche … und man hat damit eine implizierte Verbindung mit den Deutschen der Geschichte zweitausend Jahre zurück. Deutschland ist eben eine etablierte Nation. Das ist übrigens auch der Grund, warum Diskussionen um Multikulturalismus hierzulande immer noch so schwierig sind. Das ist der Grund, warum Deutschtürkinnen der dritten Generation in vielen Kreisen immer noch abgesprochen wird, „echte“ Deutsche zu sein. Dieser Grund liegt im Nationalismus des 18. und 19. Jahrhunderts und die hier behandelten Gründungsmythen waren ein wichtiger Teil dieses Prozesses. Sie erzählen uns „Deutschen“ nach wie vor, wer wir sind – oder zu sein haben. Und deswegen bleiben sie leider auch gültig.

Dieser Artikel stammt aus meinem Hörbuch und eBook Gründungsmythen des Nationalismus, über das ich dir hier gerne mehr erzähle.

2 Gedanken zu „Deutsche nationale Mythen: Die Varusschlacht, die Nibelungen und das Kaiserreich“

  1. Habe mich lange gewundert vor allem über „Arminius“ – diese „weite“ Projektion in die germanische Vergangenheit. Und ironischerweise weiß man ja nur durch den „Griffel“ des Feindes davon – überhaupt bricht sich nun die Erkenntnis, dass „Germanen“ mehr eine römische Projektion war als echte Zusammengehörigkeit dieser Völker.

    Meine Gedanken zu Deutschland gehen immer wieder von dem Titel „Die gescheiterte Großmacht“ des Historikers Andreas Hillgruber aus – darin ist ja heute nicht einmal mehr eine Hypothese. Was bleibt Deutschland danach noch? Deutsche Kultur, Lebensart? Ökonomische und technologische Stärke? Alles schon anderweitig besetzt, keine nationale Einzigartigkeit. Eine tiefe Ernsthaftigkeit? Schluss bitte mit ‚Nationalcharakter‘!
    Fatal für die Nation ist gerade die (postulierte und im öffentlichen Bewusstsein verankerte, sozusagen arretierte) Einzigartigkeit der Verbrechen der „jüngsten Vergangenheit“. Warum noch Deutschland? Was lässt die Deutschen daran festhalten, noch Deutsche zu sein? Unverfügbarkeit alternativer Identitäten? Da wo diese vital sind, v.a. im tiefen Süden, hohen Norden, in der Hauptstadt und oft bei Migranten lässt sich die Hinfälligkeit des „Deutschseins“ erfassen. Die andere Seite der neuen Münze „Vielfalt“ ist, dass „die Neuen“ sich eher anders als „deutsch“ identifizieren.
    Einen Trumpf haben wir noch, im Konsens von grün bis blau-weiß: Das Grundgesetz (ja, dies ist fast schon off-topic), das sich aber schon halb abwendet vom Nationalen, denn die Präambel von 1949 bestimmt schon: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat das Deutsche Volk in den Ländern Baden, …um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben …“ und an der Wurzel steht das Individuum mit dem Art. 1, „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“, keine Volksgemeinschaft. – Glänzen die Deutschen schlicht als relativ erleuchtete post-nationale Nation?

    1. ralfgrabuschnig

      Das ist die große Frage, würde ich sagen. Ich stimme dir in allem zu, aber als Resultat all dessen können wir wohl heute kaum von einer post-nationalen Nation reden. Es scheint mir eher, dass viele Deutsche ein schwieriges Verhältnis zur Nation haben, gleichzeitig aber doch viele der genau gleichen Zugehörigkeiten sehen und spüren, wie das auch Leute in anderen Ländern tun. Es bleibt aber immer ein fahler Nachgeschmack.

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