Ein bisschen billiger Patriotismus kann schon praktisch sein. Maggie Thatcher und der Falklandkrieg

Britische Truppen ankern im Falklandkrieg von den Falklandinseln.
Beim Anblick dieses prachtvollen Stücks Land kann man sich schon fragen, wie lohnenswert der Falklandkrieg wirklich war

Politiker haben’s nicht leicht. Ständig hat man mit irgendwelchen Problemen zu kämpfen. Von der Wirtschaftslage über  Skandale in der eigenen Partei bis hin zu Widerständen in der Opposition oder gar der Bevölkerung. Das kann einem schon mal die Laune verderben. Aber zum Glück kennt da jeder Politiker einen alten Trick. Wenn es nämlich im Inneren mal nicht so läuft und die Unterstützung im Volk flöten geht, kann eine kleine Ablenkung oft Wunder wirken. Ein Krieg zum Beispiel! Hach, nichts lenkt die Bevölkerung so schön ab wie ein kleiner Krieg.

Wenn man es dann auch noch schafft, ein bisschen Hurra-Patriotismus in der Bevölkerung zu erzeugen und den Krieg zu gewinnen, kann man sich dann schon mal ein paar Jährchen zurücklehnen. So schnell wird man nämlich vom unbeliebten Regierungschef zum nationalen Idol! Um ein Paradebeispiel für diese Taktik geht es heute: Margaret Thatcher und der Falklandkrieg. Herzlich willkommen zum zweiten Teil meiner kleinen Hurra-Patriotismus Serie! (Hier geht’s übrigens zu Teil 1)

Dumme Demokratie mit ihren blöden Einschränkungen

Der Ablauf ist bei dieser Taktik immer der gleiche und läuft in drei Phasen ab, wie unsere liebe Maggie Thatcher eindrucksvoll zeigen wird. Alles beginnt mit den Problemen im eigenen Land, die einen unangenehmerweise vom Durchregieren abhalten. Damit hatte Margaret Thatcher seit ihrer Wahl zur britischen Premierministerin 1979 eigentlich durchgehend zu kämpfen. Das Dilemma war für sie ein einfaches. Sie war zwar mit einem riesigen Reformprogramm zur Wahl angetreten, andere würden es ihre neoliberale Obsession nennen. Gewählt wurde sie aber nicht unbedingt wegen dieses Programms sondern wie so oft, weil die Labour-Regierung vor ihr das Land so massiv an die Wand gefahren hatte. Naturgemäß gestaltete sich das Umsetzen des Wahlprogramms jetzt gar nicht so leicht.

Nichtsdestotrotz begann Thatcher sofort damit, das Land gehörig umzukrempeln. Die Kapitalmärkte wurden liberalisiert und Londons Aufstieg zur Finanzgroßmacht begann. Massenhaft Staatsbetriebe wurden privatisiert. Die Mieter von staatlichen Wohnungen sollten sie vom Staat abkaufen können. In jeder Hinsicht wurden Wirtschaft und Staat liberalisiert. Wirklich gut lief es für die frischgebackene Regierungschefin Thatcher erstmal trotzdem nicht. Trotz all der Reformen stieg die Inflation nach ihrer Wahl nämlich weiter an und abseits ihrer Parteifreunde profitierten erstmal nur wenige davon. Das ist der klassische Zeitpunkt, an dem Politiker zu Teil 2 des Plans übergehen. Wenn es zuhause nicht so läuft, beginnt man eben im Ausland einen Krieg! Nichts vereint die dumme Bevölkerung so sehr wie ein kleiner Krieg! Patriotische Gefühle, Heimatstolz. Das ist doch alles viel wichtiger als so Kleinigkeiten wie angemessene Sozialgesetzgebung oder ein Arbeitsplatz.

Der Falklandkrieg: Für einen Haufen Steine und ein paar Schafe

Die Chance für so einen Krieg ergab sich für Thatcher zu ihrem Glück dann auch relativ bald, als Argentinien 1982 einen kümmerlichen Rest des britischen Empires im Südatlantik angriff: die Falklandinseln. Dabei handelt es sich um eine Inselgruppe vor der Küste Südamerikas mit einer ehrfurchtgebietenden Bevölkerungszahl von knapp dreitausend und einer fast ausschließlich auf Schafzucht ausgelegten Wirtschaft. Die argentinische Militärregierung der Zeit dachte wohl, die Briten würden es nicht auf sich nehmen, dieses unnütze Stückchen Land gegen eine Besatzung zu verteidigen. Immerhin lagen die Inseln direkt vor der Küste Argentiniens, aber fast 13.000 Kilometer von der britischen Insel entfernt. Es wäre doch ein ziemlich kostspieliges Unterfangen gewesen, die britische Navy dorthin zu schicken…

Da haben sich die Argentinier in Mrs. Thatcher aber gewaltig getäuscht! Diese schickte nämlich ohne lange zu zögern ihre Kriegsflotte in den Südatlantik, um den Argentiniern in einem kleinen Falklandkrieg zu zeigen, dass mit Großbritannien auch in den Achtzigerjahren noch zu rechnen war! Und tatsächlich: Die britische Navy konnte die argentinischen Truppen innerhalb von nur ein paar Monaten komplett von den Inseln vertreiben. Etwa 250 britische Soldaten fielen im Falklandkrieg, auf argentinischer Seite waren es über sechshundert. Seitdem gehören die Falklands sicher zum Großbritannien, auch wenn Argentinien seinen Anspruch auf die Inselgruppe nie aufgab. Vor ein paar Jahren gab es aber sogar mal ein Referendum, in dem die paar Einwohner gefragt wurden, ob sie nach wie vor ein britisches Überseegebiet bleiben wollten. 99,8 Prozent der Menschen dort waren dafür. Das bedeutet, drei Leute stimmten dagegen. Ich bin mir sicher, die sind im Dorfpub von Port Stanley ausgesprochen beliebt.

Margaret Thatcher war das nach Ende des Krieges jedenfalls. Der alte Trick zieht eben noch immer und der Kriegserfolg war es dann auch, der ihr die Zustimmung im Land einbrachte, mit der sie ihre weiteren Reformpläne durchsetzen konnte. Nach dem gewonnen Falklandkrieg 1982 konnte Thatcher nun jedenfalls mehr oder weniger durchregieren. Der Hurra-Patriotismus, den das englische Volk (in Schottland sah die Sache schon wieder anders aus) da erlebte, als die britischen Marinesoldaten in Portsmouth verabschiedet und wieder empfangen wurden, sollte noch eine Weile anhalten und Thatcher noch lange an der Macht halten.

Die Iron Lady zeigt ihre Krallen

Der Falklandkrieg ist dann auch ein Grund, warum die Achtzigerjahre in Großbritannien so allesverändernd waren, wie sie eben waren. Nichts stellte sich Maggie Thatcher nach diesem Krieg mehr in den Weg. Die Opposition war vollkommen gespalten und die wichtigsten Teile der Bevölkerung (also die wohlhabenden Engländer im Süden des Landes) standen fast geschlossen hinter ihr. Mit dieser Unterstützung konnte die neue Nationalheldin Thatcher daran gehen, ihr wichtigstes Ziel zu erreichen: die Entmachtung der Gewerkschaften des Landes. Denn auch wenn die und ihre Massenstreiks in den Siebzigern zu Thatchers Wahlerfolg beitrugen, passten sie nun wirklich gar nicht in ihr Weltbild. Und so entmachtete die Iron Lady die britischen Gewerkschaften mit Gewalt!  Thatcher saß tatsächlich ein ganzes Jahr lang einen ausgewachsenen Bergarbeiterstreik aus, bis den Menschen irgendwann die Energie ausging. Danach hat man von den Gewerkschaften nie mehr etwas gehört. Sowas konnte sich auch nicht jeder Regierungschef leisten. Der Spitzname Iron Lady kommt bei Margaret Thatcher also nicht von ungefähr. Wenn sie auch nicht sonderlich heiß auf die Eisenbergwerke des Landes war. Irgendwie ironisch.

Ihre Erfolgssträhne ging in den Achtzigern auch weiterhin ungebremst weiter. Ein paar Jahre später zog Thatcher dann berühmterweise handtaschenschwingend in den Europäischen Rat ein und schrie lauthals “I want my money back!”. Es spricht nicht gerade für die europäische Führungsriege der Zeit, dass sie ihr das verlangte Geld tatsächlich gaben. Seitdem genoss Großbritannien seinen berüchtigten „Briten-Rabatt“. Toll! Damit ist das Problem ja endlich vom Tisch und wir müssen uns nie mehr mit britischen Forderungen in der EU herumschlagen! Thatcher hat der Erfolg indes wohl auch nicht gerade gutgetan. Sie wurde irgendwann so arrogant, dass sie nur noch im Pluralis Majestatis von sich sprach, also in der königlichen Wir-Form. Als sie dann eines Tages stolz ankündigte „Wir sind Großmutter“, dürfte das den meisten Menschen im Land dann doch zu viel geworden sein.

Und das hinterließ seine Folgen im Land

Bis zum Abtritt Thatchers mussten jene Leute, die ihrem billigen Patriotismus nicht verfallen waren, dagegen noch länger warten. Der kam erst 1990, als die Premierministerin eine Kopfsteuer einführte. Die war nun wirklich ein böser Geniestreich der ganz besonderen Art. Jeder Haushalt wurde demnach einfach nach der Anzahl der dort lebenden Personen besteuert. Dass dabei der Wert der Immobilie und das Einkommen der Bewohner ignoriert wurden, ist sicher wieder so ein böser Zufall, von dem Thatchers reiche Parteifreunde nur so nebenbei profitierten. Dass arme Familien außerdem dazu tendieren, mit mehr Menschen in einem Haus zu leben, ist sicher auch nicht in dem Gesetz beabsichtigt. Es ist auch sicher reiner Zufall, dass die Thatcher-Regierung die Steuer ausgerechnet am 1. April 1990 einführte. So hatten die Menschen wenigstens was zu lachen. In Schottland wurde die Steuer allerdings schon vorher „ausprobiert“. Dort konnte Thatcher ja zumindest keine Wähler verlieren. Sie hatte ja keine.

Die Kopfsteuer blieb dem Land dann auch noch einige Jahre erhalten, die Premierministerin trat allerdings aus innerparteilichem Druck zurück. Thatcher war aber dennoch weit über ihre Regierungszeit hinaus ausgesprochen beliebt beim Volk. Fragt doch mal in Schottland nach, was sie so über Thatcher denken. Oder in Nordengland. Oder in jeder Familie, die unter 100.000 Pfund im Jahr verdient. Ausgesprochen beliebt, bis zum heutigen Tag. Deshalb sang, als sie 2013 starb, auch niemand auf den Straßen Großbritanniens „Ding Dong the witch is dead“ und es kam sicherlich zu keinen spontanen Jubelfeiern.


Margaret Thatcher starb also 2013. Das ist noch gar nicht so lange her. Kein Wunder, dass man die Folgen ihrer Regierungszeit in Großbritannien noch bis heute spürt. Wir können aus der Geschichte aber auch etwas lernen, wenn es etwas länger her ist. Mehr dazu könnt ihr ja hier nachlesen. Heute möchte ich euch mal keine weiterführende Lektüre andrehen, sondern ausnahmsweise einen Film empfehlen, den ich wohl so oft gesehen habe, wie keinen anderen. In This is England bekommt man einen richtig schönen Einblick, was sich in England zur Zeit des Falklandkriegs so tat. Ein großartiger Film über Rassismus, Subkultur und die vielen, vielen Verlierer der Thatcherschen Gesellschaft.

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