Betrug mit einem Pyramiden- oder Schneeballsystem. Das gab es in der Geschichte immer wieder. Vom frühen Islam über Charles Ponzi bis Bernard Madoff.

Der jahrhundertealte Betrug mit dem Schneeballsystem

Immer wieder hören wir von Betrugsfällen in Zusammenhang mit dem sogenannten Pyramiden- oder Schneeballsystem. Der bekannteste solche Betrugsfall unserer Zeit war sicher der des Bernard Madoff. Im Jahr 2008 wurde der Börsenmakler Madoff festgenommen, nachdem er jahrzehntelang Investoren um ihr Geld betrogen hatte. Er nutzte für seinen Trick ein ganz klassisches Schneeballsystem, das vor ihm schon viele angewendet hatten. Madoff versprach seinen Investoren außergewöhnlich hohe Gewinne. Anstatt das ihm anvertraute Geld aber zu investieren, zahlte Madoff einfach alte Investoren mit dem Anlagekapital neuer Investoren aus. Solange ihm also immer mehr Leute ihr Geld anvertrauten und niemand Verdacht schöpfte, konnte dieses Schneeballsystem funktionieren. Aber nun ja, irgendwann wollen Leute dann halt doch ihr Geld und Madoff flog damit auf die Schnauze. Wie schon viele andere vor ihm

Die Geschichte ist tatsächlich voll mit versuchten oder gelungenen Betrügereien mithilfe unterschiedlich gearteter Schneeballsysteme. Das alles gibt es beim besten Willen nicht erst seit ein paar Jahrzehnten. Nein, Pyramiden- und Schneeballsysteme, ob in rein betrügerischer Absicht oder auch nicht, gab es in der Geschichte schon seit Ewigkeiten. Sie gehen sogar bis in die Antike zurück! Zeit, sich das etwas genauer anzuschauen. Hier sind meine Top 3 der Schneeballsysteme der letzten paar hundert Jahre.

Der Diwan und die frühe islamische Expansion

Wenn ich sage, Schneeballsysteme gehen viele Jahrhunderte weit zurück, dann meine ich das auch. Wir sprechen hier nicht nur über das 19. Jahrhundert oder sowas. Schon vor weit über tausend Jahren gab es solche Systeme! Der Nutzen war damals freilich noch ein anderer als heute und es war auch nicht immer so viel betrügerische Absicht dahinter wie bei Madoff. Es war nämlich ausgerechnet die islamische Expansion kurz nach der Begründung der Religion durch den Propheten Mohammed, die die Macht des Schneeballsystems zum ersten Mal demonstrierte.

Kurz nachdem der Prophet Mohammed das Wort Gottes erfahren und damit die Geburt einer neuen Weltreligion eingeleitet hatte, gingen die Verfechter seiner Religion daran, deren Einfluss in die Welt zu tragen. Diese frühe islamische Expansion gehört wohl zu den beeindruckendsten Eroberungsfeldzügen der Weltgeschichte. Innerhalb weniger Jahrzehnte – teils sogar noch zu Lebzeiten des Propheten Mohammed – trugen die frühen Anhänger des Islam ihre Religion von der arabischen Halbinsel bis nach Ägypen, Syrien und Persien. Kurze Zeit darauf standen sie auch schon vor den Toren Konstantinopels, an den Pyrenäen und an den Grenzen Chinas. Angetrieben wurde diese enorme Expansion aber nicht von religiösem Eifer allein. Nein, eiskalte wirtschaftliche Anreize spielten eine mindestens genauso wichtige Rolle und sie ähnelten einem Schneeballsystem ganz gewaltig.

Jede Eroberung der islamischen Armeen brachte für die teilnehmenden Krieger natürlich reiche Beute mit sich. Länder wie Ägypten zählten damals schließlich zu den reichsten Gebieten der Welt! Nun entwickelten die arabischen Stämme, die die islamische Expansion zu der Zeit anführten, einen grenzgenialen Plan. Die Gewinne ihrer Eroberungen sollen nach einem festgelegten Schlüssel an die Teilnehmer verteilt werden. Je früher ein Krieger oder Stamm dem Islam beigetreten war, desto höher stand er auf der Pyramide und desto größere Anteile erhielt er von der Beute. Schon in den 630er-Jahren wurde dieses System sogar institutionalisiert mit der Errichtung des sogenannten Diwan, einer Art Finanzamt. Dieser Diwan übernahm von da an die Verteilung der erbeuteten Reichtümer. Zwanzig Prozent gingen an den Kalifen, ein weiterer Teil ging an seine frühen Anhänger – also die am weitesten oben Stehenden der Pyramide. Der Rest wurde nach der gleichen Logik an alle Teilnehmer eines Feldzuges verteilt. Es lohnte sich also, früh auf den Zug aufzuspringen und wenn man mal darauf war, weitere Leute anzuwerben. Der Erfolg dieser Taktik ist, wenn man sich die Ausbreitung des Islam heute ansieht, nicht zu übersehen.

Charles Ponzi, der Vater des modernen Schneeballsystems

Im Fall der frühen islamischen Expansion funktionierte das Pyramiden- oder Schneeballsystem als Motor der Eroberung. Es sollte schlicht und ergreifend möglichst viele davon überzeugen, für den Islam in die Schlacht zu ziehen. Mit Betrug hat das erstmal nichts zu tun. Die Verbindung zwischen dem Schneeballsystem und groß angelegtem Finanzbetrug entsteht tatsächlich erst im 19. und 20. Jahrhundert. Und an einem Namen kommt man dabei nicht vorbei: Charles Ponzi. Er war als Betrüger so einflussreich, dass das gesamte Konzept des Schneeballsystems im Englischen heute seinen Namen trägt: das Ponzi Scheme. Mit ihm nähern wir uns schon sehr dem an, was auch Bernie Madoff ins Gefängnis wandern ließ: Das systematische Anwerben fremder Gelder zur angeblichen Investition, welche letzten Endes aber einfach nicht stattfand.

Charles Ponzi war nun nicht ganz der erste, der auf diese Idee kam. Schon in den 1860ern baute eine gewisse Adele Spitzeder so ein Betrugssystem in München auf. Für mehr dazu empfehle ich die sehr hörenswerte Episode des Zeitsprung-Podcast. Charles Ponzi aber wiederholte das im viel größeren Stil. Wie es für Amerika eben so üblich ist. Dem in Boston lebenden italienischen Einwanderer fiel nach Ende des Ersten Weltkriegs nämlich eine lukrative Geschäftsmöglichkeit auf. Man konnte damals in Europa Post-Antwortscheine kaufen, mit denen man Briefe aus den USA zurück nach Europa schicken konnte. Der Clou dahinter: Diese waren in den USA bis zu fünf Mal so viel Wert wie am alten Kontinent. Mit der Marge ließ sich also Geld verdienen.

Also fing Charles Ponzi damit an, Geld für seine Idee zu sammeln. Viele Leute fanden den Plan gut und wollten ihr Geld Ponzi anvertrauen, sodass er damit Antwortscheine kaufen und die versprochenen 400-prozentige Gewinne einfahren konnte. Das Geld nahm Ponzi dann auch, Antwortscheine kaufte er aber so gut wie keine. Es stellte sich heraus, dass das ein logistischer Albtraum gewesen wäre. Außerdem gab es auch nicht genügend Scheine auf dem Markt. Stattdessen zahlte Ponzi also einfach allen Investoren nach 45 Tagen eine 50-prozentige Rendite aus. Das Geld dafür nahm er freilich von immer neuen Investoren, die ihm mehr und mehr Geld anvertrauten. Ist ja klar: Wenn ich aus meinem Geld nach eineinhalb Monaten ganze fünfzig Prozent Rendite raushole, erzähle ich meinen Freunden auch davon! Schon nach ein paar Monaten fiel das Konstrukt aber wenig überraschend in sich zusammen, als die ersten Leute an ihr Geld wollten und nicht mehr genügend neue Investoren eintraten. Aber auch wenn es nur ein paar Monate waren: In dieser Zeit nahm Ponzi unfassbare 15 Millionen Dollar ein. Viel brachten ihm die im Gefängnis trotzdem nicht. Da zahlt man bekanntlich mit Zigaretten.

Die Pyramidensysteme Albaniens

Das wohl größte Schneeballsystem aller Zeiten – zumindest gemessen an der Zahl der Geschädigten – führt uns dann schon sehr nah an die Gegenwart heran: Ins Albanien der späten 1990er-Jahre. Dort explodierten gleich mehrere solcher Schneeballsysteme innerhalb kürzester Zeit und brachten das Land sogar an den Rand eines Bürgerkrieges. Dass das ausgerechnet in Albanien geschah, hatte wohl ein paar Gründe. Im Jahr 1996 war das Land gerade erst aus der ersten Umbauphase nach Ende des Kommunismus herausgekommen. Und in Albanien war dieser Kommunismus auch noch ein besonders fieser. Wenn man dort hin fährt – was ich jedem nur empfehlen kann – sieht man den Wahn des Systems noch heute überall. Die Landschaft ist vollgepflastert mit Betonbunkern für den erwarteten Angriff Jugoslawiens oder des Westens oder irgendwem. In Tirana findet man eine große Prachtstraße in Richtung Regierungsviertel. Dabei gab es im ganzen Land nur ein paar hundert Autos, da nur Regierungsmitglieder und hohe Beamte überhaupt eines haben durften. Solche Dinge eben.

Kein Wunder also, dass sich die frühen privaten Unternehmer in den Neunzigern dann etwas austobten. Das später so desaströse Schneeballsystem entstand da eher aus Zufall. Die meisten später problematischen Unternehmen gingen in erster Linie echten Geschäften nach (und schmuggelten nebenbei Waffen ins bürgerkriegszerissene Jugoslawien). Um die Mitte des Jahrzehnts wollten dann aber viele Albaner ihr neu verdientes Geld anlegen. Bei der Bank gab es kaum was zu holen, daher boten diese Firmen den Investoren hohe Zinsen an, wenn sie stattdessen ihnen ihr Geld anvertrauten. Das begann Anfang 1996 mit 4 bis 6 Prozent im Monat (was schon enorm ist), bald aber boten die ersten bis zu 20 Prozent im Monat an. Innerhalb von nur wenigen Monaten sprang über die Hälfte der albanischen Bevölkerung auf den Zug auf. Es war wie in jedem anderen Beispiel auch: Sie sahen ihre Nachbarn Geld verdienen und wollten das nicht verpassen. Zumindest 2 Millionen der 3,5 Millionen Einwohner des Landes investierten letzten Endes ihr Geld auf diese Art, viele verkauften sogar ihr Hab und Gut dafür.

Das Problem war dasselbe wie immer: Die Unternehmen machten nicht genug Gewinne, um solch enorme Zinsen tatsächlich zu bezahlen. Sie begannen also, das Geld neuer Investoren an alte auszuzahlen – eine Taktik, die uns inzwischen bekannt vorkommen könnte. Es gesellten sich im Frühjahr 1996 aber auch ganz neue “Unternehmen” hinzu, die von Anfang an als Schneeballsystem konzipiert waren. Und so kam es, wie es kommen musste. Im Herbst 1996 ging das erste dieser Unternehmen pleite und der Glaube an das System in der Bevölkerung ging flöten. Im Jahr darauf brachen dann gewalttätige Ausschreitungen aus. Teile des Landes waren für die Regierung (die an den Schneeballsystemen nicht ganz unbeteiligt war, sollte man erwähnen) nicht mehr kontrollierbar. Mehrere tausend Menschen starben, bevor es schließlich zu Neuwahlen kam und eine Übergangsregierung für Ruhe sorgen konnte. Damit ist der Fall Albanien sicher das blutigste Schneeballsystem aller Zeiten. Also wenn man von der islamischen Expansion mal absieht … Aber das waren doch auch andere Zeiten.


Zum albanischen Beispiel haben die eifrigen Kollegen bei Zeitsprung übrigens auch eine Episode gemacht. Dann verlinke ich in einem Artikel gleich zwei Mal zu denen rüber. Aber es lohnt sich auch! Ob man aus all dem auch etwas lernen kann, darüber sinniere ich in diesem Artikel über den Nutzen von Geschichte. Und weil ich gerade unter anderem über die islamische Expansion gesprochen habe, möchte ich dir nochmal ein Buch ans Herz legen, das mich derzeit fesselt, wie kaum ein Buch davor: Peter Frankopans “Licht aus dem Osten”. Ein Buch über die Weltgeschichte, nur von der Perspektive des Nahen und Mittleren Ostens aus. Es eröffnete mir (und eröffnet mir immer noch – das Ding ist echt lang) eine ganz neue Sicht auf die Welt. Außerdem kostet das englische eBook glaube ich läppische 5€ und ohnehin unterstützt du mit dem Kauf auch diesen Blog mit ein paar Cent. Das sind doch einige sehr gute Gründe, oder? So, Nächste Woche kommt dann wieder ein Podcast. Bis dahin: Mach’s gut und liebe Grüße aus dem sonnigen Kolumbien (nehme ich an).

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