Die Mehrheit der Verschwörungstheorien der Welt enthält antisemitische Elemente. Hier eine Darstellung von Juden beim ihnen unterstellten Hostienfrevel

Die Top drei der irrsten Verschwörungstheorien in der Geschichte

Verschwörungstheorien begegnen uns heute häufiger als jemals zuvor. Man kann sich im Internet kaum bewegen, ohne auf irgendeine krude Verschwörung zu stoßen. Als ich letzte Woche im Podcast mit meinem Gast über die Reichsbürger gesprochen habe, durfte ich das in Rückmeldungen und Reaktionen wieder mal hautnah erleben. Ja, es gibt diese Leute wirklich! Aber da hört der Irrsinn noch nicht auf! Für jeden Spinner gibt es da draußen die passende Verschwörungstheorie. Ob es um 9/11, die Mondlandung oder aktuell George Soros und seinen geheimen Plan, Europa mit Flüchtlingen zu überschwemmen geht. Es wird jeder irgendwo fündig. Und für die ganz Behämmerten da draußen (Entschuldigung, ich meine natürlich die ganz Kritischen) gibt es dann noch so besonders krude Verschwörungstheorien wie die Flat Earth Theory und die Echsenmenschen.

Durch das Internet sind solche Verschwörungstheorien mit Sicherheit präsenter geworden, es gab sie aber schon lange davor. Also vielleicht nicht über Echsenmenschen. Aber zumindest seit eintausend Jahren können wir von Verschwörungstheorien unterschiedlicher Art sprechen, die mehr oder weniger im heutigen Sinne funktionieren. Hier sind sie also. Meine Top drei der irrsten Verschwörungstheorien in der Geschichte, vom Mittelalter bis heute.

Platz 1: All die antisemitischen Verschwörungstheorien

In einer Sache haben sich Verschwörungstheorien bis heute kaum verändert: Eine Mehrheit von ihnen trägt antisemitische Elemente in sich. Egal wen man fragt, einen Reichsbürger, einen Flat Earther, einen Kenner der geheimen Weltregierung … Innerhalb von drei Gegenfragen stößt man bei allen auf die erste antisemtische Aussage. Das ist garantiert. Probier’s ruhig mal aus. Das kommt nicht von ungefähr. Immerhin waren schon die frühesten Verschwörungstheorien Europas direkt auf Juden bezogen. Wahrscheinlich war das schon seit der späten Antike so, sicher aber seit dem Mittelalter. Und über die Zeit haben sich eine ganze Menge an Theorien angesammelt. 

Kindesentführung und Ritualmord

Die Mutter aller antisemitischen Verschwörungstheorien ist der Vorwurf der Kindesentführung und des Ritualmords. Während den Juden solche oder ähnliche Geschichten schon viele Jahrhunderte lang angedichtet worden waren, war im 12. Jahrhundert, dass diese Theorien feste und bis heute erhaltene Züge annahmen. Die Theorie der Kinder entführenden Juden lässt sich sogar auf eine einzelne Quelle zurückführen! Es war der englische Mönch Thomas von Monmouth, der um das Jahr 1150 eine Geschichte niederschrieb, in der er behauptete, ein christlicher Junge namens William von Norwich sei einige Jahre zuvor von Juden entführt und rituell hingerichtet worden.

Die Geschichte des toten Jungen dürfte dabei tatsächlich wahr sein, Thomas von Monmouth war aber nicht selbst vor Ort, als das geschah. Es war auch vollkommen unklar, wer für den Mord verantwortlich war. Sheriff und Bischof der Stadt sowie der englische König selbst wiesen frühe Anschuldigungen, die jüdische Gemeinde wäre dafür verantwortlich, zurück, da sie keine Beweise für die Behauptung sahen. Das hielt den guten Mönch Monmouth ein paar Jahre darauf freilich nicht davon ab, die Verschwörungstheorie weiterzustricken. Er tat dies auf eine Art, wie Mönche es am besten können. Er behauptete schlicht, die heilige Maria wäre ihm erschienen und hätte ihm vom jüdischen Plot erzählt. Zusätzlich dichtete er dem Leichnam des jungen William noch zahlreiche Wunder an, um aus ihm schnellstmöglich einen Heiligen zu machen. Die Grundlogik seiner Geschichte war dabei einfach. Der arme William wurde kurz vor Ostern entführt, um zum jüdischen Pessach-Fest ermordet zu werden. Der Grund? Die Juden brauchten christliches Blut, um ihr traditionelles Gebäck, die Mazzen, zu backen. Ist doch klar!

Monmouths Plan funktionierte sogar für einige Zeit ganz gut. Viele Menschen glaubten ihm, dass die Schuld an dem Mord bei den Juden liegen musste und dass diese solche Opfer regelmäßig für ihre Feste benötigten. William von Norwich geriet irgendwann in Vergessenheit. Für die Idee der schuldigen Juden stimmt das dagegen nicht. Mit seiner Geschichte setzte Monmouth vielmehr eine der wirkungsvollsten Verschwörungstheorien aller Zeiten in die Welt. Seine Anschuldigung des religiös bedingten Ritualmords verbreitete sich noch im 12. Jahrhundert über weite Teile Europas und tauchte noch im 19. Jahrhundert hie und da auf. Einige Irre in der arabischen Welt behaupten solche Dinge sogar heute noch.

Juden und die Brunnenvergiftung

Die folgenschwerste der mittelalterlichen Verschwörungstheorien sollte aber noch kommen. Nach diesen ersten Anschuldigungen des Ritualmords, der in Europa ja auch deshalb auf fruchtbaren Boden fiel, weil die Rolle der Juden als Gottesmörder in der christlichen Gemeinschaft schon jahrhundertelang ein Thema war, durften sich die jüdischen Gemeinden Europas in regelmäßigen Abständen mit immer neuen Anschuldigungen herumschlagen. Das waren so dumme Dinge wie dem Hostienfrevel zum Beispiel. Mitte des 14. Jahrhunderts ging es dann aber richtig rund. Auslöser war dabei die größte humanitäre Katastrophe, die Europa je ereilt ist: der Ausbruch der Pest. Ab 1347 bahnte sich der Schwarze Tod durch Europa. Nach knapp drei Jahren starb letzten Endes etwa ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents, in vielen Teilen sogar die Hälfte. Heute wissen wir, dass die Pest durch Bakterien übertragen wurde. Damals wusste man nicht mal, was ein Bakterium ist. Eine beliebte und altbewährte Erklärung für Krankheiten aller Art war stattdessen eine vermutete Vergiftung.

Nun hatte man sich inzwischen in weiten Teilen Europas an eine Tatsache gewöhnt: Schuld sind so gut wie immer die Juden. Also warum sollte es diesmal anders sein? Die Logik der Mehrheit war einfach: Menschen sterben an Krankheiten, das muss also eine Vergiftung sein. Und wer sollen schon die Vergiftenden sein, wenn es nicht die Juden sind? Sie haben doch sicher die Brunnen vergiftet und damit ihre christlichen Nachbarn ins frühe Grab befördert. Dass die jüdischen Stadtbewohner diese Brunnen selbst benötigten, ignorierte der Pöbel geflissentlich. Dass zahlreiche Juden selbst unter den Todesopfern waren (wenn auch dank religiös bedingter Hygienemaßnahmen etwas weniger), passte auch nicht ins Bild und wurde ignoriert. Also lynchte man einfach in ganz Europa Juden, in der Hoffnung, der Pest damit ein Ende zu setzen. Das Ende kam dann auch irgendwann. Ob die Ermordung von Unschuldigen damit etwas zu tun hat, wage ich zu bezweifeln.

Weitere “jüdische Verschwörungen” in der Geschichte

Mit diesen mittelalterlichen Verschwörungstheorien den Juden Europas gegenüber war der Grundstein für die nächsten Jahrhundert auch schon gelegt. Im Laufe der Neuzeit kamen immer wieder neue Theorien auf, die direkt oder indirekt auf das Judentum abzielten. Die Geheimbünde wie etwa die Freimaurer sind dafür nur ein Beispiel. Eine geheime Loge, die die Weltgeschicke steuert? Wie sollen da die Juden auch nicht beteiligt sein! Dass die Juden mit ihren Banken – man vergesse nicht die Familie Rothschild – alles in der Hand hielten und sowieso eine geheime Weltregierung führten, war den Menschen auch hinlänglich bekannt. Noch später waren es natürlich auch wieder die Juden, die hinter dem Sozialismus, ganz besonders natürlich dem Bolschewismus, steckten. Und der Rest … Ja der Rest ist bekannt. Mit eine Verschwörungstheorie, die nun bald 900 Jahre lang ihre Wirkung behielt, der berühmtesten Giftlegende der Welt und zahllosen weiteren Ideen, die bis heute in keiner guten Verschwörung fehlen dürfen, sind die antijüdischen Verschwörungstheorien somit ein verdienter Platz 1 auf meiner Liste der irrsten Verschwörungen aller Zeiten.

Platz 2: Die Jesuiten und ihre Papisten-Verschwörung

Die Juden hatten also für lange Zeit ein Monopol inne, was das Ziel von Verschwörungstheorien anging. Es gab sonst auch keine attraktiven Feinde im mittelalterlichen Europa. Sich in irgendeiner Form mit Orthodoxen Christen auseinanderzusetzen, artete sofort in einer Streitigkeit um die Natur des Heiligen Geists aus. Das wollte sich irgendwann niemand mehr antun. Über Moslems oder Mongolen konnte man wiederum schlecht herziehen. Dafür sah die westeuropäische Bilanz am Schlachtfeld einfach zu miserabel aus. Mit der Reformation kam dann aber doch etwas ganz Neues in Gange und ehe man sich versah gab es sie plötzlich: Verschwörungstheorien gegen Katholiken!

Wir befinden uns auch hier wieder in England. Dort gingen die Beziehungen mit Rom ja bekanntlich relativ rapide den Bach runter, nachdem Heinrich VIII. sich vom Papst losgesagt hatte, um seiner Libido freien Lauf lassen zu können. Und schon zu dieser Zeit gab es in England erste Befürchtungen, dass der Papst einen Assassinen schicken könnte, um den abtrünnigen König auszuschalten. Einen wirklichen Höhepunkt erreichten diese Befürchtungen, die auch schnell in ausgewachsene Verschwörungstheorien umschlagen konnten, dann aber erst über ein Jahrhundert später, und zwar in der sogenannten Papisten-Verschwörung.

Warum glauben alle diesem Titus Oates?

Die Papisten-Verschwörung hat noch eine interessante Gemeinsamkeit mit der Geschichte des jüdischen Ritualmords: Sie kann auf eine einzelne Person zurückgeführt werden! Es war nämlich ein gewisser Titus Oates, der 1678 an die Öffentlichkeit trat und behauptete, er wisse von einer groß angelegten katholischen Verschwörung, den englischen König Karl umzubringen. Seine Erklärungen, wie er an dieses Wissen kam, waren dabei von Anfang an eher von der fragwürdigen Sorte. Oates behauptete, er wäre zum Schein den Jesuiten beigetreten. Dort will er dann mitgehört haben, wie andere Jesuiten ganz offen über den geplanten Königsmord sprachen, um England wieder katholisch zu machen.

König Karl selbst war von den Gerüchten Oates’ nicht sonderlich beeindruckt, musste aber auf Druck des protestantischen Establishments bald eine Untersuchung der Sache einleiten. Das lag einerseits daran, dass die einflussreichsten Adeligen Englands eben stramme Protestanten waren und die Befürchtungen Oates’ teilten. Andererseits hatte die Tatsache, dass Karl selbst es mit dem Protestantismus nicht ganz so ernst nahm, sicher auch ihre Wirkung. In der folgenden Untersuchung warf Titus Oates willkürlich mit Namen bekannter Katholiken um sich, die angeblich an der Papisten-Verschwörung beteiligt sein sollten. Und es hegte auch keiner der Anwesenden Zweifel an der Geschichte. Vielmehr hatten an dieser Verschwörungstheorie alle nur zu gewinnen.

Die praktische Geschichte mit den Papisten

Der radikal-protestantische Oppositionsführer Shaftesbury konnte mit dem Thema letzten Endes sogar die Parlamentswahl gewinnen. Und dann ging es richtig rund. In einem Anflug antikatholischer Manie wurden alle Katholiken schlicht aus London verbannt. Nach weiteren Anschuldigungen vonseiten Oates wurden sogar einige Mitglieder des House of Lords festgenommen, insgesamt wurden über dreißig angebliche Verschwörer hingerichtet. Erst nach drei Jahren dämmerte es einigen Beteiligten langsam, dass nichts von dem, was Titus Oates ihnen erzählt hatte, bisher bewiesen werden konnte. So wanderte Oates dann doch noch ins Gefängnis, wenn auch nur für ein paar Jahre.

Die Bevölkerung und das politische Establishment Englands lernte derweil nichts aus der Sache. Der Lügner war gestellt, die Sache somit erledigt. Dass man selbst vielleicht nicht jeder dahergelaufenen Verschwörungstheorie Glauben schenken sollte, das kam niemandem in den Sinn. Den Katholiken traute man in England von Staats wegen noch bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht. Allein schon dafür ein verdienter Platz 2 auf der Liste.

Platz 3: Die Erfindung der Flat Earth

Den dritten Platz habe ich zu Beginn des Artikels schon erwähnt, denn diese Verschwörungstheorie ist tatsächlich eine sehr aktuelle: die Idee der Flat Earth, also die Meinung, dass die Erde keine Kugel sondern vielmehr flach sei. Dass diese Theorie aktuell durch das Internet schwirrt, heißt aber nicht, dass sie erst vor ein paar Jahren erfunden worden wäre (was ich ehrlich gesagt angenommen hätte). Nein, die Erfindung dieser ganz besonders wirren Theorie geht tatsächlich bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück! Und zwar, wie sollte es anders sein, begann alles wieder mal in England.

Es war ein gewisser Samuel Rowbotham, dem wir diesen besonderen Blödsinn zu verdanken haben. Der war nämlich ein ganz cleveres Kerlchen und dachte sich: “Wie kann die Erde denn rund sein, wenn sie sich doch so flach anfühlt? Also zog er eines schönen Tages im Jahr 1838 mit einem Freund und dessen Boot an den Old Bedford River bei Cambridge, um die Sache ausgiebig zu testen. Sein Freund fuhr mit dem Boot den zehn Kilometer langen Kanal hinab, während Rowbotham ihn mit einem Fernglas beobachtete. Und siehe da: Auch am Ende des Kanals konnte Rowbotham noch das ganze Schiff sehen. Wäre die Erde rund und in der bekannten Größe, wäre das aber unmöglich. Er hatte es also bewiesen! Die Erde ist flach! Blöd nur, dass er die physikalischen Tatsache der “Astronomischen Refraktion” in seiner Rechnung ignorierte. Und nein, bevor du mich fragst: Ich kann dir diese Refraktion auch nicht erklären. Hier ist ein Link zu Wikipedia, viel Spaß.

Bald nach seiner atemberaubenden Entdeckung publizierte Samuel Rowbotham ein Pamphlet mit dem einfallsreichen Namen “Earth Not a Globe”, das in der Fachwelt so mittelmäßig einschlug. Ein Kollege bezeichnete Rowbothams Experimente als “Injudicious involvement in a bet to ‘decide’ the most fundamental and established of scientific facts”. Es waren ja doch nicht alle behämmert damals. Nach Rowbothams Tod gründeten seine Frau und einige seiner wirren Anhänger nichtsdestotrotz eine Organisation, um den falschen Glauben an die Flat Earth weiterzuverbreiten. Dessen Nachfolgeorganisation gibt es auch heute noch: die Flat Earth Society. Für die Tatsache, dass so viele Leute nach über 150 Jahren immer noch kein besseres Hobby gefunden haben: der wohlverdiente dritte Platz.


Kannst du nicht genug bekommen von abstrusen historischen Geschichten aus und über Großbritannien? Dann hast du Glück! Denn ich habe dazu ein ganzes Buch geschrieben! Es nennt sich Endstation Brexit  und ich behandle darin mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern 2000 Jahre englisch-europäische Geschichte. Hier findest du alle wichtigen Infos zu Endstation Brexit auf einen Blick. Aber ganz kurz gesagt: Wenn du diesen Blog magst, wirst du das Buch lieben. Und das ist ein Versprechen.

Wenn du dich noch wunderst, wie wir aus einer Ansammlung solch dummer Geschichten dennoch etwas lernen sollen, habe ich hier über die potenziellen Lehren der Geschichte geschrieben. Als aktuelles Standardwerk zu Geschichte und Einfluss von Verschwörungstheorien lohnt es sich auch noch, das Buch “Nichts ist wie es scheint. Über Verschwörungstheorien” von Michael Butter zu lesen. Das war glaube ich sogar mal in der BILD-Bestsellerliste. Und wenn das beim dem Thema nicht eine Empfehlung ist! Mit dem Kauf des Buchs unterstützt du auch diesen Blog mit ein paar Cent. Das nur so am Rande. Wir hören uns nächste Woche wieder im Déjà-vu Geschichte Podcast. Bis dahin: Lass dich nicht von den Echsenmenschen fressen.

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Timo

Haben nicht die Römer in der Zeit der Punischen Kriege den Karthagern vorgeworfen, sie würden ihrem Gott Babys opfern? Somit ist die Verschwörungstheorie des Ritualmordes an Kindern auch im 12. Jh. nicht neu gewesen und vermutlich sehr effektiv, weil so schockierend – in Rom hat das zumindest eine starke Anti-Karthagische Stimmung ausgelöst

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