Flüchtlinge! Die Hugenotten kommen

Hugenotten auf der Flucht. Hier zu sehen: Einzug in Brandenburg.
Hugenotten auf der Flucht. Flüchtlingskrisen gab es eben schon immer.

Es gibt viele Gründe, sein Land zu verlassen. Beispiele wären bessere Berufschancen, eine günstigere Ausbildung oder einfach nettere Menschen (für einen Österreicher weit oben auf der Liste). Aber leider sind bekanntlich nicht alle Umzüge freiwillig. Nicht alle im Ausland lebenden Menschen nennen sich stolz „Expat“, treten English Drama Classes bei und hängen mit Ihresgleichen in Irish Pubs ab. Es gibt da nämlich noch den weniger beliebten Schwesterbegriff zum Expat: den Flüchtling. Um eine Flüchtlingsgruppe, die in Europa Spuren hinterlassen hat, wie kaum eine andere, soll’s heute gehen. Die Hugenotten.

Die Huge… wer bitte?

Die Hugenotten waren etwas, das man sich im heutigen Frankreich kaum noch vorstellen kann: Protestanten. Und der Grund, dass kein Mensch heute noch Protestantismus mit Frankreich verbindet, ist ein erwartungsgemäß grausiger. Dabei fing alles so wunderbar zivilisiert an. Es war ja bekanntlich im Jahr 1517 – das 500-Jahr Jubiläum könnte dem ein oder anderen aufgefallen sein – als Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür in Wittenberg donnerte. Was er damit anstoßen sollte, war ihm wohl selbst nicht ganz bewusst. Denn seine revolutionären Ideen fielen auf überraschend fruchtbaren Boden und das nicht nur in Deutschland. Ich meine, klar, ein paar Nörgler gab es auch damals schon. „Wie jetzt? Ich soll jetzt auch noch selbst die Bibel lesen?“ ist ein Satz, den man in den 1520ern öfter mal gehört haben dürfte. 

Jedenfalls war Luther auch in Frankreich kein Unbekannter. In Paris gab es auch zu der Zeit schon einige großköpfige Philosophen. So befand sich damals Erasmus von Rotterdam dort, oder auch Jacques Lefèvre, die schnell begannen, sich mit Luthers Ideen auseinanderzusetzen. Sogar der damalige französische König Franz I war der Idee gar nicht so abgeneigt. Der hatte sich zuvor sowieso schon in den Kopf gesetzt, die Kirche als quasi-Ersatzbürokratie für den Staat zu missbrauchen. Wenn diese Kirche nun mehr Unabhängigkeit vom Rom bekommen sollte, warum soll das den lieben Franz stören? Somit konnten reformatorische Ideen in Frankreich schnell Fuß fassen. Nur leider sollte sich bald herausstellen, dass königliche Überzeugungen schnell zu ändern sind.

Wie war das mit der Inquisition nochmal? Keiner erwartet die….

Die Entwicklungen um die Reformation gerieten nämlich schneller außer Kontrolle als heutzutage ein  G20-Gipfel. Schon 1521 wurde Martin Luther vom Papst exkommuniziert. Das wäre für König Franz noch kein grundlegendes Problem gewesen, aber die Optik war schon mal nicht schön. Die katholische Kirche in Frankreich erwartete sich jetzt aber natürlich von ihrem König, dass der durchgreift. Und da diese Kirche wie gesagt die einzige brauchbare Bürokratie darstellte, die Franz im Land hatte, konnte er sich nicht ewig gegen solche Forderungen stellen. Und nun ja, so wichtig war es ihm wahrscheinlich auch nicht.

Auf jeden Fall wurden französische Protestanten und deren Sympathisanten im Laufe der 1520er-Jahre immer stärker unterdrückt und in den 30ern eskalierte die Lage dann endgültig. Nachdem Protestanten 1534 mehrere französische Städte mit anti-katholischen Plakaten zugepflastert hatten – jaja, sowas gab es auch damals schon – war das Fass dann voll. Im Jahr darauf gründete Franz die französische Inquisition unter dem klingenden Namen „Chambre ardente„, die „glühende Kammer“. Deren Mitglieder wurden großköpfig als „Spürhunde des Herrn“ bezeichnet und suchten infolge im ganzen Land nach „Ketzern“, um sie eines Besseren zu belehren. Wie man das halt tut. Mit Folter und so.

Im Laufe dieser Entwicklungen wurde auch Johannes Calvin aus Paris vertrieben, was sich als recht mittelmäßiger Schachzug herausstellen sollte. Der ging nämlich bekanntlich nach Genf und befeuerte das sich dort bildende Zentrum der Reformation. Direkt vor den Toren Frankreichs! Das Resultat kann sich sehen lassen. Trotz aller Unterdrückung bis hin zur Inquisition gab es bald in ganz Frankreich protestantische Gemeinden im Untergrund. Schnell sollte rund 10% der Bevölkerung Frankreichs reformiert sein.

Das königliche Frankreich zieht in den Krieg gegen die Hugenotten

Das Problem für König Franz und seinen Sohn, den späteren König Heinrich II, nahm mit der Zeit nur zu. Inzwischen hatten sich auch mehrere Adelige auf die Seite der Hugenotten geschlagen. In einzelnen französischen Ländern kam es zum offenen Krieg zwischen den beiden Seiten. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die Verfolgung dann 1572 in der sogenannten Bartholomäusnacht. In Paris wurden dabei führende französische Protestanten von königlichen Garden ermordet. In der Nacht kam es im ganzen Land zu Ausschreitungen und am Ende waren zigtausende Protestanten tot. 

Kleinere und größere Scharmützel folgten auch in den nächsten Jahren, bis dann 1598 mit dem Edikt von Nantes endlich eine Waffenruhe erreicht wurde. Den Protestanten wurden darin volle Bürgerrechte und religiöse Toleranz zugesichert , der Katholizismus wurde aber zugleich zur Staatsreligion Frankreichs. Das war im Grunde nichts als eine tickende Zeitbombe, die niemand anderer als Ludwig XIV, der Sonnenkönig, etwas später zünden sollte.

Nach einem knappen Jahrhundert relativen Friedens sollte der Machthunger der französischen Monarchen nämlich doch noch über die Vernunft siegen. 1685 hebt Ludwig XIV das Edikt von Nantes auf. Zu dem Zeitpunkt war die Zentralisierung Frankreichs schon so weit fortgeschritten, dass der Sonnenkönig Spaltungen wie diese anscheinend nicht mehr tolerieren konnte. Oder das ganze Bleipuder, das er sich in Versailles ins Gesicht patzte stieg ihm einfach zu Kopf. Diese Theorie ist zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen.

Und sowas nennt sich dann Flüchtlingskrise

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes war der Protestantismus in Frankreich quasi über Nacht wieder eine Straftat. Jeder, der offen als Hugenotte auftrat, musste mit Kerkerstrafen und Enteignung rechnen. In einigen Regionen leisteten die protestantischen Gemeinden zwar Widerstand, der wurde aber von Ludwig eiskalt niedergeschlagen. Der Rest, der sich weder „bekehren“ ließ, noch einen Aufstand anzettelte, wurde zumindest enteignet. Und das Resultat? Die größte Flüchtlingswelle der europäischen Neuzeit.

Um die 200.000 Hugenotten verließen Ende des 17. Jahrhunderts ihre Heimat, um in protestantische Nachbarländer zu ziehen. Die meisten gingen nach England, aber auch Deutschland, die Schweiz, die Niederlande und die nordamerikanischen Kolonien waren häufige Ziele. Und was hatte Ludwig von der Sache? Nicht sehr viel. Die Hugenotten zählten nämlich zur wohlhabendsten und gebildetsten Schicht Frankreichs. Ihr Abzug bedeutete einen Brain Drain sondergleichen. Plötzlich fehlten Frankreich zigtausende Fachkräfte und Steuereinnahmen in exorbitanter Höhe. Extreme Staatsverschuldung und zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit im Land sollten bald die Folge sein. Die Rechnung dafür zahlte leider nicht mehr Ludwig XIV sondern 100 Jahre später sein Nachfolger und Namensvetter Ludwig XVI. 

Dem Rest Europas nützte die Flüchtlingswelle aus Frankreich zugleich sehr. Sowohl in Preußen als auch in England spielten die Hugenotten und ihre Nachkommen in den folgenden Jahren eine ganz bedeutende Rolle. Sie und ihr Fachwissen waren in der Zukunft an zahlreichen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen beteiligt, etwa auch den ersten Schritten in Richtung Industrialisierung. Und wenn man sich die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gegebenheiten in Europa 150 Jahre später anschaut, kann man auch eigene Schlüsse ziehen.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Für die weitere Lektüre empfehle ich wie immer zwei Bücher. Als ernster aber kurzer Überblick über die Geschichte der Hugenotten kann man mit dem Band „Hugenottennicht viel falsch machen. Und wenn wir uns ehrlich sind: 120 Seiten müssen ja auch wirklich genügen. Als Alternative wäre da dann noch das Juwel „1000 Years of Annoying the French“, in dem sich der Engländer und Wahl-Franzose Stephen Clarke mit dem Englisch-Französischen Verhältnis auseinandersetzt. Brilliant! Und für 8€ macht man da nichts falsch. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!



 

Weiterlesen

Die schmutzige US-Präsidentschaftswahl 1800

Donald Trump und Thomas Jefferson verbindet nicht viel. Was blutige Wahlkämpfe betrifft, kann Trump aber noch viel von Jefferson lernen.
Trumps Wahl 2016 war bei weitem nicht der schmutzigste US-Wahlkampf der Geschichte. Den gab es schon vor über 200 Jahren.

„Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten“ schrieb die Süddeutsche Zeitung wenige Tage nach der Wahl Donald Trumps. Die FAZ beschrieb den US-Wahlkampf als „außergewöhnlich schmutzig“ und überhaupt sind sich auf unserer Seite des Atlantiks alle einig, dass sowieso das steinzeitliche amerikanische Wahlsystem an allem schuld ist. Und das ist ja auch alles wahr. Aber war die Wahl 2016 wirklich so außergewöhnlich schmutzig und nie dagewesen? Nein, das war sie nicht! Mit sowas kennen sie die Amerikaner schon etwas länger aus.

Auch die Founding Fathers waren keine Heiligen

Eine ganz besonders schmutzige Wahl erlebten die USA gleich in ihrer frühen Kindheit, als im Jahr 1800 der amtierende Präsident John Adams von seinem Vize Thomas Jefferson herausgefordert wurde. Adams trat in dem Jahr als Mitglied der ersten quasi-Partei der USA, der Föderalisten, zur Wiederwahl an. Quasi weil es zu der Zeit noch keine richtigen Parteistrukturen und Hierarchien gab. Föderalisten weil… ja, gute Frage. Die waren eigentlich ziemlich zentralistisch aber ich unterstelle mal: andere Zeiten, andere Sitten? Adams Gegenkandidat Thomas Jefferson trat jedenfalls für die Demokratischen Republikaner an. Wie der Name schon sagt,  ist das die Gruppierung, aus der irgendwann die heutigen zwei großen US-Parteien hervorgehen sollten. Diese Gruppierung war dann tatsächlich föderalistisch und trat für mehr Staatsrechte ein.

Dieselben zwei Kandidaten traten übrigens auch vier Jahre zuvor schon gegeneinander an, was John Adams eben gewann. Man sieht also, die politische Inzucht hat in Amerika schon vor den Kennedys, Bushes und Clintons Tradition. Und obwohl die Wahl 1800 inzwischen über 200 Jahre her ist, kommt sie einem in vielen anderen Punkten doch auffallend bekannt vor. Die Wahl war schmutzig, die Bevölkerung war gespalten und die Kandidaten sprachen die tiefsten Instinkte der Menschen an.

In schmutzigen Kampagnen haben die Amerikaner Erfahrung

Heute regen wir uns ja bekanntlich über Trump-Aussagen wie „bad hombre“ oder „nasty woman“ auf. Aber im Vergleich zum Wahlkampf 1800 und den Attacken von Jefferson und Adams ist das alles fast lächerlich. Im Laufe des Wahlkampfs nannte Jefferson seinen Gegner einmal schlicht einen „scheußlichen, zwitterartigen Menschen, der weder die Kraft und Entschlossenheit eines Mannes, noch die Sanftheit und Sensibilität einer Frau besitzt“ (a “hideous hermaphroditical character who has neither the force nor firmness of a man, nor the gentleness and sensibility of a woman”). Adams schoss zurück und bezeichnete Jefferson als „kleinlichen, niederen Sohn einer Halbindianerin, gezeugt von einem Mulatten“ (a „mean spirited, low-lived … son of a half-breed Indian squaw sired by a Virginia mulatto father“). Da merkt man wieder mal: Zivilisation braucht eben Zeit. Wir sollten noch zwei Jahrhunderte warten müssen, bis wir so niveauvolle Angriffe wie „Lyin‘ Ted“ zu hören bekommen.

Auch Verschwörungstheorien und Fake News waren im Jahr 1800 nicht ganz unbekannt. Die Föderalisten hinter Adams streuten damals sogar das Gerücht, Thomas Jefferson sei chronisch krank oder sogar kürzlich verstorben! Ach, was waren das noch für Zeiten, als man einfach mal so behaupten konnte, jemand wäre tot, und niemand konnte es überprüfen. Wobei… Paul McCartney würde mir dabei wohl nicht ganz zustimmen.

Polarisierung gehört zu US-Wahlen einfach dazu

Die Tatsache, dass die Föderalisten und Demokratischen Republikaner noch keine richtigen Parteien waren, bedeutet übrigens nicht, dass das Land 1800 nicht gespalten gewesen wäre. Das war es allerdings. Und zwar anständig! Erstmal gab es auch damals schon die bekannten Nord-Süd-Streitigkeiten, die die USA noch lange prägen sollten. Jefferson bzw. die Demokratischen Republikaner gewannen die Wahl letztendlich auch nur mit den Stimmen der Südstaaten. Und auch das nur, weil die Sklaven dort als 3/5 eines Einwohners gezählt wurden und somit den Staaten mehr Gewicht gaben. Und da regen sich Afroamerikaner noch auf. Es wurde doch so viel für sie getan…

Auch die Themen der Zeit sollten uns bekannt vorkommen. Die Föderalisten standen für Zentralisierung (wie gesagt, in der Namenswahl waren sie etwas unglücklich), Freihandel und engere Verbindungen zu England. Die Demokratischen Republikaner dagegen waren für mehr Rechte für die Staaten, traten für Protektionismus nach Außen ein und unterstützten das napoleonische Frankreich. Die Föderalisten waren übrigens auch „tough on migration“, die Demokratischen Republikaner dagegen sprachen aktiv Migranten an. Allerdings weiße, englische, protestantische Migranten, bevor wir jetzt Freudensprünge machen und Jefferson zum Martin Luther King des 18. Jahrhunderts erklären.

Wer das US-Wahlsystem heute reformbedürftig findet: das ist schon die Reform!

Nachdem die Demokratischen Republikaner die Wahl mithilfe der Südstaaten dann gewonnen hatten, ging der Kampf aber erst richtig los. Für die Partei trat nämlich nicht nur Jefferson an, sondern er hatte natürlich einen Running Mate als Kandidat für das Vizepräsidenten-Amt. Das war ein netter Mann namens Aaron Burr aus New York. Wahlmänner im Electoral College durften damals noch je zwei Stimmen für den Präsidenten ihrer Wahl abgeben und keine getrennte für den Vize. Der Erstgereihte wurde dann automatisch Präsident, der Zweitgereihte Vizepräsident.

Die Demokratisch-Republikanischen Wahlmänner wollten nun also eigentlich all ihre Stimmen Jefferson und Burr geben. Nur einer von ihnen sollte sich seiner Zweitstimme enthalten und damit Jefferson an erste und Burr an zweite Stelle reihen. Dummerweise hat der das Memo wohl nicht erhalten. Oder es war ihm einfach egal. Auf alle Fälle erhielten sowohl Jefferson als auch Burr 73 Stimmen, John Adams 64. Und bei einem solchen Unentschieden entscheidet in den USA – bis heute übrigens – das Unterhaus des Parlaments über den Sieger.

Das neue Parlament, welches in dieser Wahl gewählt wurde, trat sein Mandat aber erst einige Monate später an. Also musste sich das alte Parlament mit seiner föderalistischen Mehrheit mit der Präsidentenwahl befassen. Und viele Föderalisten hassten Jefferson aus tiefstem Herzen. Er war für sie ein schlimmeres Feindbild als Trump für die liberalen Öko Hipster im heutigen Brooklyn. Sie hassten ihn sogar noch mehr, als die Brooklyner Öko Hipster Gangschaltungen auf ihren Fahrrädern hassen. Und daher wählten viele Föderalisten eben Aaron Burr, wodurch weder Jefferson noch Burr die notwendige Zustimmung aus neun Bundesstaaten erreichten und erneut abgestimmt werden musste. Und dann noch einmal. Und dann noch einmal. Schlussendlich, nach 35 (!) Runden, gewann dann doch Jefferson und wurde damit zum dritten Präsidenten der USA. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber da ist mir ein kleines Neuauszählen in Florida noch immer lieber.

Und Trump ist trotzdem schlimmer

Nach einem zerstörerischen Wahlkampf mit tiefen persönlichen Angriffen, einem Unentschieden zwischen Parteifreunden und 36 Abstimmungsrunden im Kongress wurde Jefferson 1801 also zum dritten Präsidenten der USA. In seiner Antrittsrede sagte er dann berühmterweise, „wir sind alle Republikaner, wir sind alle Föderalisten“ und versuchte damit, das Land wieder zu einen. Genau das hat Donald Trump nach sechs Monaten im Amt noch immer nicht gemacht. Er hat in diesen sechs Monaten auch sonst nicht viel gemacht. Aja, und Pussygrabber war Jefferson übrigens auch keiner. Aber das nur so am Rande.


Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Für alle, die jetzt doch etwas mehr über die amerikanische Geschichte erfahren möchten, habe ich auch noch zwei Büchertipps. Für die ernsthafte (aber dafür angenehm kurze) Lektüre kann ich nur den Geschichte der USA Band der C.H. Beck Reihe empfehlen. Die 9 € sind top investiert und schon nach ein, zwei Stunden Lesezeit kann man seine Überlegenheitsgefühle gegenüber den Amis endlich auch historisch untermauern!

Für einen unterhaltsameren Blick auf Amerika gäbe es da dann noch den Klassiker von Stephen Colbert, I Am America (And So Can You!). Ein bösartig ironischer Blick in die Seele Amerikas. Oder zumindest wie Liberale sich diese böse Seele vorstellen. Wie immer tut ihr mit dem Kauf gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent. Bis zum nächsten Mal in zwei Wochen!

Weiterlesen

Englands erster Brexit. Der Verlust der Normandie und Rückzug auf die Insel

Johann Ohneland auf der Jagd. Englands erster Brexit hat viel mit der Unfähigkeit dieses Herrschers zu tun.
Johann Ohneland auf der Jagd. Das lag dem Verursacher des ersten Brexit zumindest mehr als das Regieren.

Große Könige tragen oft große, schmeichlerische Namen: Karl der Große, Philipp der Schöne, August der Starke oder Richard Löwenherz, um nur ein paar zu nennen. Weniger große Könige tragen dann meist weniger klingende Namen oder werden überhaupt nur mit Ihrem Namen und ihrer Zahl genannt. Nur ganz wenige Könige schaffen es aber, sich in ihrem Leben einen dermaßen schlechten Ruf zuzulegen, dass ihr Rufname wenig mehr als eine direkte Beleidigung ist. Über genau so einen König reden wir heute. 

Ohneland, „das meinen sie doch sicher nett, oder?“

Johann I von England war beileibe kein sonderlich begabter Herrscher. Doch ohne überhaupt erst in Details zu gehen, ist hier der Name schon Programm. Für seinen im Deutschen geläufigsten Namen Johann Ohneland kann er allerdings nichts. Er bezieht sich darauf, dass Johann als viertgeborener Sohn schlicht wenig Chance auf Landbesitz hatte, im Englischen nannte man ihn entsprechend John Lackland. Doch ist das noch der netteste seiner Beinamen. Johanns wiederholte Niederlagen auf dem Feld brachten ihm später den Namen John Softsword ein. Am häufigsten nennt man ihn aber schlicht John the Bad. Nicht gerade ein beneidenswerter Spitzname.

Und ganz zu Unrecht trägt Johann keinen dieser Namen. Als Ohneland kam er auf die Welt und nach knapp 15 Jahren an der Herrschaft standen er und sein Staat wieder ohne Land da. Oder zumindest mit sehr viel weniger Land. Seine nur etwas über fünfzehnjährige Regierungszeit kann man mit „bad“ auch ganz gut zusammenfassen. Aber was macht ihn denn so schlecht? Dass er die Normandie verloren hat und damit Englands „ersten Brexit“ verantwortet? Naja, das ist doch zumindest ein Anfang!

Johann, der David Cameron des 13. Jahrhunderts

Johann kam im Jahr 1166 zur Welt. Genau 100 Jahre also, nachdem Wilhelm der Eroberer und seine Normannen England erobert und damit das Englisch-Normannische Doppelreich begründet haben. Obwohl die Normannen, wie der Name schon sagt, ursprünglich von Wikingern abstammten, waren sie zu der Zeit quasi kulturelle Franzosen und hatten ihre Basis eben in der nach ihnen benannten Normandie. So wurde in Johanns Zeit in der Londoner Upper Class fast ausschließlich Französisch gesprochen. Sein Beiname war damals auch vielmehr Sans-Terre als Lackland.

Johanns Vater Heinrich II und Bruder Richard Löwenherz vererbten ihm schließlich auch zahlreiche Ländereien in Frankreich. Neben dem Stammland der Familie, der Normandie, gehörten dazu im späten 12. Jahrhundert Anjou, Maine, Poitou, Aquitanien und noch einige andere französische Landstriche, die keiner so wirklich einordnen kann. Von England und der Normandie aus erstreckte sich der Besitz über die gesamte französische Atlantikküste bis nach Bordeaux und die Pyrenäen im Süden. 

Am Ende von Johanns Herrschaft gehörten seinen Nachfolgern gerade noch ein paar Fleckchen Land in Südwestfrankreich. Und auch dafür mussten sie dem französischen König als Lehnsherr huldigen. Auch wenn diese letzten Ländereien erst nach dem Hunderjährigen Krieg endgültig an Frankreich verloren gehen sollten, ist die Blütezeit Englands am Kontinent mit Johann ein für alle Mal vorbei. Von diesem Zeitpunkt an waren die Könige Englands nur noch das – Könige Englands. Keine Herzöge der Normandie mehr. Auch keine Grafen von Anjou. Stattdessen sollte später der englische Sonderweg folgen. Ein „Truly global Britain“ quasi, wie es Theresa May im Fall des heutigen Brexit wohl nennen würde.

1202, als man sich vor Franzosen noch fürchten musste

Das Dilemma begann für Johann schon kurz nach seiner Thronbesteigung 1199. Er übernahm die Krone von seinem Bruder Richard Löwenherz, was von den Adeligen in England soweit auch akzeptiert wurde. In Frankreich war die Sache aber etwas problematischer. Die Besitzungen dort waren nämlich Lehen des französischen Königs Philipp (der am Tod Richards jetzt nicht gerade unbeteiligt war, sollte man erwähnen). Drei Jahre später griff dieser dann auch gleich die Normandie an, um sich diese Länder zu sichern. Andere unzufriedene Adelige in den südlicheren französischen Ländern Johanns rebellierten mit und sogar Johanns eigener Neffe, Arthur von der Bretagne, schlug sich auf Seiten Philipps.

Johann konnte im Süden zwar einige Siege erringen, in der Normandie sah es aber zunehmend trist aus. Anfang 1204 fiel die als unbezwingbar geltende normannische Festung Gaillard. Die Hauptstadt Ruen folgte wenige Monate später. Die Adeligen in den englisch kontrollierten Teilen Frankreichs wechselten daraufhin schneller die Seiten als Theresa May nach dem Brexit Votum, was die Lage für Johann auch nicht gerade vereinfachte. Nach dem Krieg 1204 blieben ihm schlussendlich nur noch einige Länder um die Stadt Bordeaux erhalten. Aber das war doch immerhin ein moralischer Sieg. Wenn nach dem Brexit erst mal wieder Zölle eingeführt werden, werden sich die heutigen Engländer noch wünschen, Wein aus Bordeaux wäre kein Importprodukt.

Aus Johann Ohneland wird John the Bad

Wirklich bad läuft es für Johann aber erst nach dieser Niederlage. Ein Jahr nach dem Sieg Frankreichs zog er sein englisches Feudalheer in Portsmouth zusammen, um zum Gegenangriff anzusetzen. Unglücklicherweise für ihn hatten die englischen Adeligen inzwischen aber gehörig die Nase voll. Einer nach dem anderen erfanden sie Ausreden, um ihm nicht nach Frankreich zu folgen. Schlussendlich musste Johann alleine mit einem Haufen Söldnern übersetzen und wenig überraschend bereits ein paar Wochen später kapitulieren. Im Jahr darauf schaffte er es zwar noch einmal, ein paar Barone zum Angriff auf Südfrankreich zu überzeugen und war damit sogar einigermaßen erfolgreich. Viel an der Lage ändern konnte das alles aber nicht mehr.

Nach einem letzten, ganz ähnlich verlaufenden Rückeroberungsversuch 1214 hatten die englischen Adeligen dann endgültig genug. Kriege kosten Geld und es war jetzt ja nicht gerade so, dass erst Johann mit dem ständigen Kriegeführen angefangen hätte. Schon unter seinem Vater und Bruder war England fast pausenlos im Krieg. Richard zog dann auch noch in den Kreuzzug und schaffte es am Rückweg zu allem Überfluss noch, in Österreich gefangen genommen zu werden (ausgerechnet in Wien Erdberg, schlimmer kann man es kaum treffen). Die Lösegeldforderung der Österreicher war schließlich so gigantisch, dass sie ausreichte, die gesamte Festung Wiener Neustadt zu bauen. Zahlen durften das alles die Adeligen in England.

Erster Brexit: ein voller Erfolg

Nach wiederholten und erfolglosen Rückeroberungsversuchen der französischen Besitzungen war das Fass dann eben irgendwann voll. Die englischen Adeligen weigerten sich, weiteres Geld zur Verfügung zu stellen und zwangen Johann schlussendlich sogar dazu, ihre politischen Rechte schriftlich zu bestätigen. Das Dokument, das diese Rechte sichern sollte, war die Magna Carta und sollte zur Grundlage des englischen Rechtsstaats werden. Die katastrophale Niederlage in Frankreich und die Vertreibung Englands aus Europa führte damit zumindest zu bedeutenden Veränderung im Inneren. Es bleibt offen, ob der zweite Brexit das auch schaffen wird. 

Ob und was man nun daraus lernen soll, kann man in diesem Post nachlesen, in dem ich mich mit der oft behaupteten Wiederholung der Geschichte beschäftige. Jedem, der noch an mehr englischer Geschichte wie dieser interessiert ist, sich aber nicht unnötig mit akademischem (aka furchtbar langweiligem) Kram auseinandersetzen will, möchte ich bei der Gelegenheit noch das Buch An utterly impartial history of Britain or 2000 years of upper class idiots in charge von John O’Farrell ans Herz legen. Für nicht mal 10€ bekommt man hier eine fast 600 seitige, beißend ironische und wunderbar unterhaltsame Geschichte Englands serviert. Unten findet ihr den Link zum Buch. Mit dem Kauf tut ihr auch gleich etwas Gutes und unterstützt diesen Blog mit ein paar Cent.

 

Weiterlesen

Warum wir uns mit Geschichte beschäftigen sollten

Geschichte Blog von Ralf Grabuschnig, Autor und Lektor

Geschichte wiederholt sich. Diese Aussage ist so bekannt, wie sie falsch ist. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, wie sollte sie denn auch? Jede Zeit hat ihre eigenen Rahmenbedingungen und Probleme. Die Tatsache, dass in allen Epochen Menschen in Kriegen oder Epidemien sterben, bedeutet eben nicht, dass sich Geschichte wiederholt. Kriege und Epidemien sind schlicht und ergreifend die Geschichte!

Trotzdem kennt jeder von uns diesen Gedanken: „das kommt mir doch irgendwie bekannt vor“. Fast täglich passiert etwas in der Welt, das in uns so ein Déjà-vu auslöst. Finanzkrisen, Migrationsströme, extreme Politik. All das ist gefühlt schon mal da gewesen. Und auch wenn sich deshalb die Geschichte eben nicht wiederholt, ist es doch wichtig, sich solche Ähnlichkeiten und Zusammenhänge genauer anzuschauen. Genau das soll dieser Blog tun.

Aus der Geschichte lernen?

Doch warum das Ganze? Hat uns die Geschichte nicht gelehrt, dass wir unfähig sind, aus ihr zu lernen? Schaut man sich in der Welt um, kann man ja kaum zu einer anderen Schlussfolgerung kommen. Wir wissen alles über die Weltwirtschaftskrise von 1929, trotzdem erlebten wir in den letzten 20 Jahren gleich zwei ähnliche Finanzkrisen. Griechenland war in den letzten 200 Jahren regelmäßig alle paar Jahrzehnte bankrott. Ein Mittel dagegen wurde offensichtlich bis heute nicht gefunden. Populistische Politiker mit unglaubwürdigen Versprechungen wurden im 20. Jahrhundert von Europa bis Lateinamerika überall gewählt und scheiterten überall dramatisch. Trotzdem ist Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten.

Lernen aus der Geschichte tun wir also nicht. Oder zumindest nicht erfolgreich. Dennoch haben diese Déjà-vu Momente etwas für sich. Sie erinnern uns daran, dass wir heute nicht vor vollkommen neuen Problemen stehen. Für liberal denkende Menschen überall auf der Welt mag die Wahl Donald Trumps ein Desaster sein. Da ist es doch zumindest schön, zu sehen, dass es ähnliche Desaster auch früher gab. Und wir leben immer noch.

Es könnte alles viel schlimmer sein

Ein Blick zurück hilft uns dabei, unsere Lage etwas realistischer einzuschätzen. Die oben genannten Beispiele verdeutlichen das. Die Weltwirtschaftskrise 1929 hat uns vielleicht nicht gelehrt, keine ähnlichen Krisen mehr zu verursachen. Doch damals setzte eine Krise die westliche Welt über Nacht um Jahrzehnte zurück und führte in Europa zu nie dagewesenem politischen Extremismus. Das tun Krisen zwar auch heute noch, ganz für einen neuen Hitler reicht es dann aber doch nicht. Ging Griechenland im 19. Jahrhundert pleite, bedeutete das für viele Griechen Hungersnöte und Tod. Heute wandern sie nach Irland aus und arbeiten in einem Pub. Wurden populistische Politiker vor 80 Jahren gewählt, hieß das Gulag und KZ. Heute heißt das verwirrende Tweets und dumme Forderungen nach Solar-Mauern. (ich vereinfache hier)

Die Moral von der Geschicht, könnte man also sagen: heute haben wir es doch um vieles besser als noch vor einigen Jahrzehnten. Auch diese Realisierung soll dieser Blog regelmäßig erneuern. Wie in allen Zeiten glauben viele Menschen auch heute, in der schlechtesten aller Zeiten zu leben. Das ist nüchtern betrachtet reiner Unsinn. Im historischen Kontext ist es vielmehr schon fast eine Beleidigung der Opfer der Vergangenheit, wenn Donald Trump für das Feuern eines FBI Direktors als Faschist bezeichnet wird. Trumps Präsidentschaft ist schlimm. Es gab aber doch schon deutlich Schlimmeres.

Make History Great Again

Geschichte kann uns also nicht die Zukunft vorhersagen und ist auch kein Spiegelbild der Gegenwart. Trotzdem ist sie extrem wichtig. Ein besseres historisches Verständnis hilft uns, die Gegenwart besser zu verstehen. Historische Parallelen zu heutigen Ereignissen geben uns Hinweise darauf, wie sich solche Ereignisse entwickeln können. Sie sagen uns nicht, wie sie sich konkret entwickeln werden, aber das kann man auch nicht verlangen. Wäre ja auch furchtbar langweilig.

Das öffentliche Interesse an Geschichte nimmt auch glücklicherweise nicht ab. Historische Romane gehören seit Jahren zu den meistverkauften Literaturgenres. Bücher wie Game of Thrones wurden zu Geschichten einer Generation und zur erfolgreichsten Fernsehserie seit vielen Jahren. Leider sind diese Bücher und Serien zwar historisch angehaucht, echte Geschichte sind sie aber natürlich nicht. Währenddessen hat es die „echte“ Geschichtswissenschaft offensichtlich vollbracht, die Menschen abzuschrecken. Dabei war die Geschichte doch seit jeher eine der zugänglichsten Geisteswissenschaften überhaupt! Aber vielleicht sehen wir auch hier wieder nur einen Trend. News werden zu Fake News. History wird zu Fake History. 

Der Sinn eines Geschichte Blogs

Es gibt also gute Gründe, einen Blog über Geschichte zu schreiben. Geschichte wiederholt sich nicht, kann uns aber Perspektive auf die Gegenwart geben. Wir lernen nicht aus der Geschichte, sollten es aber, wir beschweren uns über die Gegenwart, ohne einen Vergleichswert zu haben und wir schätzen Historie, finden echte Geschichtswissenschaft aber etwas öde. Da macht es doch Sinn, sich der Materie mal unvoreingenommen zu nähern. Wäre es jetzt 2005, würde man sofort rufen: „das verlangt doch nach einem Blog!“ 2017 ist die Sache etwas anders, aber ich bin nun mal Historiker. Wer kann schon von Historikern erwarten, immer am Puls der Zeit zu sein?

Auf diesem Blog möchte ich daher von nun an alle zwei Wochen einen Blick in die Geschichte werfen. „Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor“ – genau dieses Gefühl soll der Ausgangspunkt sein. Ich möchte aktuelle politische Ereignisse herauspicken und ihre historischen Verwandten etwas beleuchten. Ist Donald Trump wirklich so einzigartig? Müssen wir uns wirklich Sorgen um den Kollaps der Weltwirtschaft machen? Wie war das früher mit Flüchtlingskrisen? Wird die Front National Konzentrationslager in Pariser Vororten errichten und haben wir diesen Brexit nicht auch schon mal gesehen? Stoff gibt es genügend.

Und wenn wir schon nichts aus diesen Geschichten lernen, sie uns auch nichts grundlegend Neues über die heutigen Zustände verraten, so können wir uns danach zumindest zurücklehnen und sagen: „so schlimm ist das gar nicht. Das haben wir doch alles schon mal gesehen“. Ob das dann Fake History ist oder nicht, ist schließlich euch, den Lesern, überlassen.

Ralf Grabuschnig

Weiterlesen