Russland ist Europa! Hätten sich die Wikinger nur etwas mehr angestrengt…

Als Europa und Russland noch sehr nahe waren. Dieses Gemälde von Wiktor Wasnezow zeigt die Ankunft der Wikinger Ruriks in Ladoga.
Rurik und seine Wikinger bei der Ankunft in Russland in einem Gemälde von Wiktor Wasnezow

Russland und Europa haben ja nicht gerade die einfachste Beziehung. In der Schule haben wir zwar gelernt, dass alles bis zum Ural zu Europa gehört. Trotzdem fühlt es sich nicht so an, als gehörten die Russen wirklich dazu. Es gibt einfach große Unterschiede. Immerhin regiert in Russland ja seit Ewigkeiten ein oben ohne durch die Gegend reitender, mit Bären kämpfender Judomeister. Sowas würde es bei uns doch niemals geben! Wir haben hier, in Europa, zivilisierte, anzugtragende und verantwortungsvolle Politiker, die nur unser Bestes im Sinn haben. Oder so…

Doch auch Russland war einmal anders. Das Land wurde ja bei weitem nicht von irgendwelchen wilden Slawen oder noch wilderen asiatischen Steppenvölkern errichtet. Nein, Russland war eine Gründung der Wikinger! Und damit steht das Land in Europa nicht gerade alleine da. Da muss es doch Gemeinsamkeiten geben!

Russland, Europa und die Wikinger

Die Wikinger haben heute ja einen eigenartigen Ruf. Man verbindet mit ihnen meist Hornhelme, unangemessenen Met-Konsum und einen gewissen Hang zur Gewalt. Keine sonderlich positiven Attribute, würde man denken. Da ist es umso komischer, dass die Wikinger sich extremer Beliebtheit erfreuen. Von Kinderserien wie „Wiki und die starken Männer“ bis hin zu allerlei Metalbands bedienen sich heute viele bei den alten Wikingern und das oft mit einer gewissen Bewunderung. Nicht ohne Grund stehen die ehemaligen Wikingerländer Skandinaviens in der Beliebheitsskala Europas ja auch ganz weit oben! Für ein anderes ehemaliges Wikingerland, Russland, stimmt das… naja… eher weniger.

Aber Moment mal! Wie kamen die Wikinger denn überhaupt nach Russland? Nun ja, das ist eine recht lustige Geschichte. Die slawischen und finnischen Stämme Russlands reisten im 9. Jahrhundert nämlich von sich aus nach Schweden, um sich dort zu unterwerfen! Sie sahen einfach ein, dass sie unfähig waren, sich selbst zu regieren, also fragten sie den dortigen Wikinger-Fürsten Rurik, ob er nicht stattdessen über sie herrschen wollte. Wenn diese offizielle Geschichte euch jetzt etwas suspekt vorkommt, hat das auch seinen Grund. Sie wird so von einem Kiewer Mönch namens Nestor in seiner Chronik erzählt, ganze 250 Jahre später! Und wir haben ja schon letzte Woche im Fall der englischen Legende von Hengist und Horsa gelernt, dass man bei solchen „Berichten“ vielleicht doch etwas aufpassen sollte. Die Chancen stehen nicht so schlecht, dass sich da im 12. Jahrhundert einfach ein einsamer und unglücklicher Mönch etwas wichtigmachen wollte.

Die Wikinger, oder in dem Fall genau gesagt die schwedischen Waräger, kamen wahrscheinlich einfach auf dem traditionellen Weg nach Russland. Also Handel, Krieg oder eine Mischung aus beiden. Im russischen Fall war es tatsächlich in erster Linie der Handel, was nun so gar nicht zu unserem Bild der Wikinger passt. Doofe Geschichte. Immer macht sie unseren schönen, einfachen Stereotypen einen Strich durch die Rechnung! Ab dem frühen 9. Jahrhundert dürften die Waräger jedenfalls im heutigen Russland ansässig gewesen sein, zuerst in der Gegend um den Ladogasee östlich des heutigen St. Petersburg, dann etwas weiter südlich in Nowgorod und später bis ans Schwarze Meer.

Diese Version der Geschichte ist nun auch um einiges glaubwürdiger, als die Idee, dass irgendwelche slawisch-finnischen Stämme die Schweden anflehten, doch bitte eine Invasion vorzunehmen. Immerhin waren die verschiedenen Wikingergruppen zu der Zeit schon überall in Europa zu finden. Das Frankenreich, Irland, England… Überall tauchten sie zu der Zeit auf. Eine Einladung benötigten sie nirgends. 

Die Waräger und die Kiewer Rus

Für diese Waräger war es nun nicht vollkommen unlogisch, sich auch nach Osten zu wenden. Auf den großen Flüssen der Region, vor allem Wolga und Dnjepr, kamen sie mit ihren kleinen Booten auch sehr gut voran. Nachdem sie unter Rurik im Norden aufgetaucht waren, erreichten sie schon bald das Schwarze Meer und kamen sogar bis nach Konstantinopel. Das muss ein lustiges Bild gewesen sein. So ein Haufen horntragender, bärtiger Wikinger in Felle gekleidet am Istanbuler Gewürzmarkt. Naja, hätte es damals den Gewürzmarkt schon gegeben zumindest. Oder Istanbul. Und hätten die Wikinger auch wirklich Hörner getragen…

Die Waräger reisten nun aber nicht einfach nur durch das Land und trieben Handel, sie machten es sich auch schnell gemütlich. Wie gesagt bildete sich bei Nowgorod schon recht bald eine erste größere Wikingersiedlung heraus, von der aus wohl auch Rurik selbst seine zunehmende Herrschaft über das Land ausübte. Weiter südlich ernannte sich dann schon Ruriks Nachfolger Helgi zum ersten Großfürsten von Kiew. Damit begründete er dann auch bereits den ersten russischen Staat: die Kiewer Rus.

Als kleine Randnotiz: Sogar das Wort „Rus“ in Russland kommt von den Warägern. Es dürfte sich dabei um eine Abwandlung des finnischen „Ruotsi“ handeln, das diese für ihre schwedischen Nachbarn verwendeten. Russland könnte also eigentlich auch mit „Schwedland“ übersetzt werden. Das hört ein gewisser oben ohne durch die Gegend reitender, mit Bären kämpfender Judomeister aber sicher nicht gerne.

Die Geschichte, wie aus Wikingern Russen wurden

Die Waräger konnten in der Region des späteren Russland, der Ukraine und Weißrussland also in beeindruckender Zeit eine mehr oder weniger stabile Herrschaft aufbauen, den Staat der Kiewer Rus. Eine allzu nordische Identität behielt dieser Staat aber nicht lange. Rurik und sein Nachfolger Helgi mögen zwar waschechte Wikinger gewesen sein, fast alle Einwohner ihres Staates waren aber Slawen. Und damals war man ja auch noch nicht so unflexibel wie heute. Helgi fand das alles gar nicht so schlimm und benannte sich etwas später sogar in Oleg um! Ach du schöne Zeit vor dem Nationalismus…

Im späten 10. Jahrhundert trat Olegs Nachfolger Wladimir (ja tatsächlich, so slawisch waren die Wikinger inzwischen) dann sogar zum orthodoxen Christentum über. Damit haben wir mit der Kiewer Rus nun einen slawisch sprechenden Staat mit orthodoxer Religion. Das könnte uns bekannt vorkommen. Gut, der Übertritt zum Christentum hatte weniger religiöse als praktische Gründe. Die Herrscher von Byzanz brauchten schlicht Hilfe bei der Niederschlagung eines Aufstands und man bot Wladimir die Schwester des Kaisers zur Frau an. Dafür musste dieser nur ein paar tausend Mann nach Konstantinopel schicken und – wenn es nicht gar zu viel Aufwand war – doch bitte zur christlichen Kirche übertreten. 

Leider hatte die Kiewer Rus, wie auch das Byzantinische Reich selbst, in der Folge kein  allzu großes Glück. Im Osten fielen ja schon seit Jahrhunderten immer wieder asiatische Reiterhorden ein, denen man auch nicht viel entgegensetzen konnte. Obendrein zersplitterte sich das Reich der Kiewer Rus immer mehr, da es zu zahlreichen Erbteilungen kam. Als dann im 13. Jahrhundert auch noch Dschingis Khan anklopfte, war es für die Kiewer Rus endgültig vorbei und der Staat ging auf nimmerwiedersehen unter. Ein Teil der Wikingerdynastie der Rurikiden (benannt nach dem guten alten Rurik, wie der aufmerksame Leser vielleicht merkt) konnte sich im weitentfernten Moskau aber an der Macht halten. Und dort stellten sie noch bis ins Jahr 1598 den Zaren!

Was bleibt von den Wikingern in Russland?

Die Waräger, Wikinger, Kiewer, Rurikiden oder wie auch immer sie sich nennen wollten blieben in Russland also stolze 700 Jahre an der Macht. Das ist eine lange Zeit. So lange, dass die Wikinger in West- und Nordeuropa inzwischen schon wieder fast vergessen waren. Sogar in England, ja auch de-facto eine Wikingergründung, war es zu der Zeit schon lange vorbei mit den Normannen. Da ist es umso merkwürdiger, dass sich Russland immer stärker von Europa wegbewegte, so nebenbei halb Asien eroberte und auch heute nicht mehr wirklich als europäisches Land wahrgenommen wird. Manchmal hinterlässt die Geschichte wie es scheint überhaupt keine Spuren. Vielleicht sollte ich mir das mit dem Geschichte Blog nochmal überlegen…

Einige stolze Wikingertraditionen führt Russland aber bis zum heutigen Tag fort. Zum Beispiel fällt man dort immer noch gern über Nacht in Nachbarländern ein, um ein bisschen zu plündern. Menschen in Georgien und der Ukraine können da Geschichten erzählen, die denen der Wikingeropfer von vor 1000 Jahren gar nicht so unähnlich sind. Ach ja, und so wie die Wikinger sich mit massig Met aufputschten, bevor sie in die Schlacht zogen, machen das russische Profisportler auch heute noch genauso. Deshalb nimmt Russland ja auch nicht an den nächsten olympischen Winterspielen teil. Puh, gerade noch gerettet. Die Geschichte hinterlässt ja doch Spuren und ich muss meinen Blog nicht einstellen. Schön.


Warum ich diesen Blog aber sowieso nicht einstellen sollte, kann man in diesem Artikel nachlesen. Oh, und wie ihr vielleicht schon vom nervigen Pop-up erfahren habt, gibt es für den Déjà-vu Geschichte Blog jetzt auch einen E-Mail Newsletter. Ich freue mich natürlich über jede Anmeldung. Es gibt auch garantiert keinen Spam, nur spannende, neue Artikel! Im nächsten Jahr darf man sich hier auch auf ein paar Neuigkeiten freuen. Newsletter-Empfänger wissen da immer zuerst Bescheid und das ein oder andere Stück Exklusiv-Content wird es auch garantiert geben. Bitte anmelden!

Zu guter Letzt habe ich auch noch eine Buchempfehlung zum Thema Russland dabei. Von der Rus zu Russland“ erzählt die Geschichte, wie Russland zu dem wurde, was es heute ist. Klingt erstmal trocken, ist aber das mit bestbewerteste Buch, das ich jemals gesehen habe. Ernsthaft, googelt das mal. Man findet keine einzige negative Bewertung. Und das sage ich nur teilweise, weil ich für euren Kauf eine kleine Provision bekomme, versprochen. Wir lesen uns bald wieder, bis zum nächsten Mal!

 

 

Hat dir der Artikel gefallen? Dann teil ihn doch bitte!
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on XingShare on Reddit

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.